Margot Käßmann: Reformationstag steht auch für Lernprozesse

Martin Luther habe immer erklärt, die Kirche müsse sich verändern. "Und sie hat sich verändert", betonte die frühere hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann.

Foto: dpa/Bernd Settnik

Margot Käßmann plädiert für den Reformationsfeiertag am 31. Oktober.

Margot Käßmann: Reformationstag steht auch für Lernprozesse
Vor der Abstimmung im niedersächsischen Landtag über einen neuen Feiertag am Dienstag hält die Debatte um den Reformationstag an.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach sich am Montag in Hannover erneut gegen den Reformationstag (31. Oktober) als gesetzlichen Feiertag aus. Die Theologin Margot Käßmann sagte dagegen, an dem Tag könnten auch die Veränderungen in der evangelischen Kirche und ihrem Verhältnis zum Judentum thematisiert werden: "Feiern heißt ja nicht jubeln und auf dem Tisch tanzen, sondern auch nachdenken, weiterlernen, diskutieren", unterstrich die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Schuster sagte, den Wunsch nach einem zusätzlichen Feiertag könne er als Bayer gut verstehen. "Dass aber die Bedenken von jüdischer Seite, und nicht nur von jüdischer Seite, so missachtet werden, kann ich nicht nachvollziehen." Es sollte ein anderer Tag gefunden werden, sagte Schuster bei der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises des Zentralrates an den evangelisch-lutherischen Pastor Wilfried Manneke. Die jüdischen Gemeinden in Niedersachsen sprechen sich mit Verweis auf die Judenfeindlichkeit Luthers gegen den Reformationstag als Feiertag aus.

Käßmann hielt die Laudatio bei der Preisverleihung, in der der Zentralrat den Pastor für sein Engagement gegen Rechtsextremismus auszeichnete. Sie erinnerte an die Judenfeindlichkeit Luthers und das Versagen der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus. Zugleich verwies sie auf eine "Lerngeschichte" nach 1945 und den jüdisch-christlichen Dialog. Martin Luther habe immer erklärt, die Kirche müsse sich verändern. "Und sie hat sich verändert", betonte die frühere hannoversche Landesbischöfin. Dies zeige sich auch, wenn ein lutherischer Pastor den Paul-Spiegel-Preis erhalte.

Abstimmung im Parlament

Am Dienstag stimmen die 137 Abgeordneten des Landtags in Hannover darüber ab, ob der Reformationstag am 31. Oktober künftig landesweit arbeitsfrei wird. Dem Parlament liegt ein Gesetzentwurf der rot-schwarzen Landesregierung vor, den Reformationstag am 31. Oktober zum arbeitsfreien Feiertag zu machen. Zuvor stimmen die Fraktionen über mehrere Änderungsanträge ab, die andere Feiertage vorsehen. Darunter sind der Buß- und Bettag, der Internationale Frauentag am 8. März und der Europatag am 9. Mai.

Der 31. Oktober war von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vorgeschlagen worden. Die Feiertagsfrage wurde im Parlament sehr kontrovers diskutiert, da sich unter anderem die katholische Kirche und die jüdischen Gemeinden ablehnend zum Reformationstag geäußert hatten. CDU und SPD kündigten an, ihre Abgeordneten könnten ohne Fraktionszwang abstimmen. Der Reformationstag ist bereits gesetzlicher Feiertag in Ostdeutschland außer Berlin. Schleswig-Holstein und Hamburg hatten den 31. Oktober bereits im Februar zum Feiertag erklärt.

Reformationstag

Am Reformationstag (31. Oktober) erinnern Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation durch Martin Luther (1483-1546) und die Entstehung der evangelischen Kirche vor 500 Jahren. 1517 hatte Luther seine 95 Thesen gegen die Missstände in der Kirche seiner Zeit veröffentlicht und den Ablasshandel massiv kritisiert. Der Theologieprofessor und ehemalige Augustiner-Mönch wollte die Kirche erneuern. Weil sich die mittelalterliche Papstkirche einer Reform verweigerte, kam es zu der von Luther zunächst nicht beabsichtigten Bildung der evangelischen Kirche.

Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen setzte ab 1667 - also 150 Jahre nach der Thesenveröffentlichung - den 31. Oktober als Gedenktag fest. Nach den Reformationsjubiläen 1717 und 1817 setzte sich das Reformationsfest weiter durch.

Der Reformationstag war bislang nur in den östlichen Bundesländern (in Thüringen nur in überwiegend evangelischen Gebieten), nicht aber in Berlin und im alten Bundesgebiet gesetzlicher Feiertag. Zum 500. Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr war der 31. Oktober einmalig bundesweit arbeitsfrei.

Die norddeutschen Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben gemeinsam die Einführung eines neuen Feiertages verabredet, um ein Ungleichgewicht zu den übrigen Bundesländern zu beseitigen, an denen mehr Tage im Jahr arbeitsfrei sind. Während sich Hamburg und Schleswig-Holstein bereits im Februar für den Reformationstag entschieden, verlief die Debatte in Niedersachsen äußerst kontrovers. Bremen wollte mit der endgültigen Abstimmung zunächst abwarten, wie sich das große Nachbarland entscheidet.