Im Bestattungswald sterben die Bäume

Bestattungswald

© epd-bild/Rolf K. Wegst

Roland Kauer, Abteilungsleiter für Friedhöfe, bedauert, dass im Bestattungswald auf dem Schiffenberg in Gießen Bäume wegen Bruchgefahr gefällt werden müssen..

Im Bestattungswald sterben die Bäume
Klimawandel verändert auch Ruhestätten
Viele Menschen möchten sich in einem Wald bestatten lassen, sie lieben die Majestät der alten Bäume. Angehörige finden hier Orte der Erinnerung und des Trostes. Doch mit dem Klimawandel vertrocknen auch Bestattungsbäume.
22.11.2020
Stefanie Walter
epd

Das rot-weiße Absperrgitter steht mitten auf dem Waldweg, jemand hat eine gelbe Rose daran gesteckt. Zutritt verboten, Waldarbeiten. Besucher dürfen den Gießener Bestattungswald zurzeit nicht betreten. Bagger haben auf den matschigen Wegen tiefe Spuren hinterlassen. Am Waldrand liegen Stämme. "Diese Ecke tut schon weh", murmelt Roland Kauer, Leiter der Abteilung Friedhöfe. Die gefällten Bäume waren um die 170 Jahre alt. Das Baumsterben in Zeiten des Klimawandels macht auch vor den Bestattungswäldern nicht Halt.

Kauer biegt ein paar Zweige zur Seite und geht zu einem hüfthohen Baumstumpf. Kleine schwarze Plaketten hängen rings um den Stamm. Namen stehen darauf, Geburts- und Sterbedaten. Unter der gefällten Buche sind mehrere Menschen bestattet. "Wir hatten drei komplett trockene Sommer", sagt Kauer. Zehn Bäume im Gießener Bestattungswald waren so kaputt, dass sie gefällt werden mussten. Mehr als 20 weitere haben die Waldarbeiter stark beschnitten. Darunter waren auch Bäume, die schon als Ruhestätte genutzt werden.

Angehörige reagieren mit tiefer Trauer

Das Friedhofsamt informierte sofort die Angehörigen, als es die Schäden entdeckte. Er habe eine Woche lang nur telefoniert, erzählt Kauer. Die Reaktionen reichten von Verständnis - "Es sind die Umstände des Klimawandels, es gibt keine Schuldigen" - bis zu tiefer Trauer. Es seien Tränen geflossen, erinnert sich Kauer.

Er geht zu einem anderen Baum. 20, 25 Meter ragt er in die Höhe und sieht gesund aus. Auch hier erinnern rund um den Stamm kleine Plättchen an die Menschen, die unter dem Baum bestattet sind. An einer Plakette baumelt ein Holzherzchen. Unten bei den Wurzeln liegt Grabschmuck: ein Herz aus Moos und Efeu, bestückt mit Holzperlen, ein Gesteck mit gelben und roten Blumen. "Dabei wollten die Leute ein pflegefreies Grab", bemerkt Kauer. Eigentlich ist Grabschmuck in Bestattungswäldern nicht erlaubt.

2001 entstand im Reinhardswald bei Kassel der erste deutsche Bestattungswald. Die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre sei "enorm", sagt der Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Dirk Pörschmann. Noch immer würden neue eröffnet, auch wenn die bisher rasante Entwicklung rückläufig sei. Mittlerweile gibt es nach Angaben von Aeternitas, einer Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, rund 200 Bestattungswälder in Deutschland. Eine Umfrage von Aeternitas aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 19 Prozent der Befragten eine Baumbestattung in einem Wald favorisierten, 14 Prozent nannten das klassische Sarggrab auf dem Friedhof.

Baum als Ort der Erinnerung

Viele Menschen wünschten sich, unter einer alten Eiche bestattet zu werden, berichtet Pörschmann. "Sie lieben die Majestät der alten Bäume." Dahinter stehe auch die romantische und naturreligiöse Vorstellung: "Ich werde zum Dünger des Baumes, er nimmt mich auf." Wenn allerdings diese Vorstellung bestehe, dass sich der Verstorbene sozusagen transformiert habe, könne es für die Angehörigen problematisch werden, wenn dieser Baum sterbe.

Manche Menschen, erzählt Roland Kauer, suchten tagelang im Wald nach einem passenden Baum. Einige wählten ihn nach der Standortnummer aus, die zufälligerweise mit dem Geburtsdatum der Mutter identisch sei. Der Baum ist für die Angehörigen der Ort für Erinnerung und Trauer. Eine Familie besuche jede Woche das Baumgrab ihres verstorbenen Sohnes.

Die letzten Dürrejahre haben den Wald geschädigt.

Etwa die Hälfte der deutschen Bestattungswälder werden von den Anbietern RuheForst und FriedWald betrieben. Bisher seien nur einzelne Bäume vertrocknet, erklären die Unternehmen auf epd-Anfrage. Denn nicht alle Wälder seien gleich - wie sehr der Klimawandel die Bäume treffe, hänge vom Standort ab, sagt Matthias Budde, Assessor des Forstdienstes bei der RuheForst GmbH. Wenn ein Baum absterbe, versuche man, mit den Angehörigen eine Lösung zu finden - etwa einen Hochstumpf als eine Art Stele stehenzulassen oder einen neuen Baum zu pflanzen. Bei neuen Standorten versuche RuheForst, "von vornherein Flächen zu nehmen, die mit stabilen Baumarten ausgestattet sind".

"Die FriedWald-Flächen sind von den Klimaereignissen weniger stark betroffen, denn sie bestehen zum weitaus größten Teil aus stabilen Laub-Mischwäldern", betont Carola Wacker-Meister von der FriedWald GmbH. Sollten dennoch Schäden auftreten, biete man zum Beispiel eine Neupflanzung an gleicher Stelle an mit Baumarten wie Esskastanie oder Baumhasel, "die mit Wärme und wenig Wasser gut gedeihen".

Sichtbarkeit des Sterbens zurückgedrängt

Im Gießener Bestattungswald stehen sehr viele Rotbuchen, aber auch Eichen, Eschen oder Lärchen. In den nächsten Jahren müssen wohl noch mehr Bäume gefällt werden. "Wir rechnen mit einem nachlassenden Interesse am Bestattungswald", sagt Kauer. Auch Museumsleiter Pörschmann glaubt, dass eine Grenze erreicht sein könnte. Er sieht die Bestattungswälder noch aus einem anderen Grund kritisch: Durch sie werde "die Sichtbarkeit des Sterbens" weiter zurückgedrängt. "Wir schieben die Toten sowieso schon an den Rand der Wahrnehmung." Bestattungswälder liegen meist weit außerhalb der Ortschaften. Pörschmann hält zum Beispiel Grabpflege für immens wichtig: "Ich übertrage meine liebevolle Fürsorge auf den Leichnam und das Grab."

Im Gießener Bestattungswald begutachtet Forstwirtschaftsmeister Benjamin Lakowski den verbliebenen Baumstumpf mit den Gedenk-Plättchen. Auch der Stumpf werde in ein paar Jahren zerfallen, sagt er. Er geht um den Restbaum herum. Überall wachsen kleine Bäumchen nach. Lakowski deutet auf eine etwa zwei Meter hohe Buche, die ihre Nachbarn schon überragt: "Das wäre der neue Bestattungsbaum."

Mit dem Ewigkeits- oder Totensonntag enden im November die Trauer- und Gedenktage. Der Totensonntag ist der letzte Sonntag des Kirchenjahrs, bevor mit dem Advent und der Geburt Jesu Christi ein neuer Zyklus beginnt. Im Jahr 2020 fällt der Trauertag auf den 22. November. Der Totensonntag ist vereinfacht gesagt das evangelische Gegenstück zum katholischen Feiertag Allerseelen (2. November). Neben dem Andenken an die Verstorbenen wird in vielen evangelischen Gottesdiensten auch zu einem bewussteren Umgang mit der Lebenszeit ermutigt.

Der Totensonntag ist ein stiller Feiertag, das heißt, er ist durch die Feiertagsgesetzgebung der Bundesländer besonders geschützt. Öffentliche Sport-, Tanz- und Musikveranstaltungen sowie Märkte sind laut diesen Gesetzen am Totensonntag verboten. Damit bleiben auch Weihnachtsmärkte geschlossen, die in diesem Jahr ohnehin wegen der Corona-Pandemie ausfallen.

An dem Gedenktag sollen Menschen Trost finden, wenn im vergangenen Jahr der Verlust eines Angehörigen oder eine Trennung zu beklagen war. In diesem Jahr gewinnt der Tag für die Opfer der Corona-Pandemie und deren Angehörigen eine besondere Bedeutung. Oft können Angehörige die Namen ihrer Verstorbenen in Trauerbücher eintragen, für sie wird dann im Gottesdienst gebetet. Seit einigen Jahren funktioniert das sogar online mit einem Angebot der evangelischen Kirche über die Internetseite "trauernetz.de".

Der preußische König Friedrich Wilhelm III. ordnete 1816 an, jährlich den letzten Sonntag des Kirchenjahres als allgemeinen Feiertrag zur Erinnerung der Verstorbenen zu begehen. In vielen Landeskirchen setzte sich diese Tradition als Totensonntag durch. In anderen Landeskirchen heißt der Sonntag Ewigkeitssonntag, um damit nicht den Tod ins Zentrum zu stellen, sondern die Auferstehung und das ewige Leben, an das Christen glauben.