Für Kitas in Corona-Zeiten gibt es keinen Königsweg

Kinder in einer Krippen-Gruppe in Offenbach, wo Absperrbänder den Abstand zu den Gruppen markieren.

© Arne Dedert/dpa

Kinder in einer Krippen-Gruppe in Offenbach, wo Absperrbänder den Abstand zu den Gruppen markieren. Dies sind Bedingugnen zur schrittweisen Wiedereröffnung der Kindertagesstätten, auch denen in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Für Kitas in Corona-Zeiten gibt es keinen Königsweg
Interview mit einer Oberlandeskirchenrätin und einer Diakonie-Abteilungsleiterin
Auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) gibt es 220 Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft. Sie stehen in Corona-Zeiten, in der Kitas langsam wieder geöffnet werden sollen, vor schwierigen Fragen. EKKW-Bildungsdezernentin und Oberlandeskirchenrätin Gudrun Neebe und Regine Haber-Seyfarth, Abteilungsleiterin Kitas in der Diakonie Hessen und Geschäftsführerin im Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Kurhessen-Waldeck, im Gespräch mit Olaf Dellit, Redakteur des EKKW-Medienhauses, zur Frage der schrittweisen Wiedereröffnung der Kitas in EKKW-Trägerschaft.

Manche Eltern empfinden die Informationen und Hinweise zur Wiederöffnung als eher verwirrend, wie sehen Sie das?

Gudrun Neebe: Ja, es ist in der Tat schwierig zu verstehen, wie die Kinderbetreuung in den Tageseinrichtungen für Kinder in den nächsten Wochen geregelt werden soll. Wir müssen uns klar machen, dass die Pandemie noch längst nicht überwunden ist, wie sehr wir uns auch Normalität wünschen. Die Kinder mussten in den letzten Wochen mit völlig veränderten Bedingungen zurechtkommen und auch den Eltern wurde viel zugemutet. Beruf im Home-Office, Schule zuhause, Haushalt, Kinderbetreuung, Sorge um die Großeltern und um die Gesundheit der Familie. Kinder wollen sich wieder mit ihren Freunden treffen, ihre Spielpartner in der Gruppe wählen und neue Ideen umsetzen. Ihre Förderung und Bildung muss absehbar wieder altersgerecht und in gewohnter Umgebung der Kita stattfinden. Die Erzieher*innen begrüßen sie gerne wieder und meinen es ernst, wenn sie schreiben: "Wir vermissen Euch!"

Mütter und Väter dürfen ihren Arbeitsplatz nicht gefährden und müssen ihre Arbeitszeiten wieder verlässlich planen können. Die Familien haben in den letzten Wochen viel Geduld und Kooperation gezeigt. Jetzt gehen ihnen die Geduld und die Kraftreserven aus. Bei diesen Belastungen sind viele Eltern an ihre Grenzen geraten. Umso größer sind jetzt die Hoffnungen und die Erwartungen. Wir unterstützen Kinder und Eltern aktiv im Rahmen des Möglichen und gestalten realisierbare Lösungen. Aber die hohen Erwartungen, die teilweise formuliert werden, können realistischerweise nicht voll erfüllt werden. Es gibt zurzeit einfach nicht die Lösung, die alle zufrieden stellt.

Wie meinen Sie das? Warum dauert denn die Wiedereröffnung der Kitas so lange? Kinder brauchen Kinder. Sie vermissen ihre Freunde und die Eltern brauchen Entlastung und Unterstützung.

Regine Haber-Seyfarth: Sicher, aber keiner will, dass die Kinder krank werden, dass sie sich gegenseitig anstecken oder den Virus mit nach Hause bringen. Als Anwälte für die Rechte der Kinder stehen wir zwischen dem Wissen um ihre Bedürfnisse und dem Auftrag, ihre Gesundheit zu schützen. Das ist nicht leicht.

Es wurde doch inzwischen mehrfach auf Studien verwiesen, die besagen, dass Kinder gar nicht sehr gefährdet seien?

Neebe: Da muss man wohl noch vorsichtig sein, mit sehr schnell veröffentlichten Teilergebnissen. Wir überlassen die Bewertung der Forschungsergebnisse den Fachleuten und erwarten dringend ihre Empfehlungen. Aber klar ist: Alle Regelungen in Hessen werden jetzt unter der Vorgabe des Infektionsgesetzes geschaffen, das ist der gesetzliche Rahmen. Wenn, wie in der Presse zu lesen ist, eine Kita für mindestens eine Woche schließen muss, weil zwei Kinder infiziert sind, berührt uns das und begründet erneut unsere Verpflichtung, die Schutzmaßnahmen aufrecht zu halten.

Was genau haben sie denn nun den Trägern der evangelischen Kitas empfohlen und warum?

Haber-Seyfarth: Die kirchlichen Träger haben sich gut auf die schrittweise Öffnung der Kitas vorbereitet. Sie wägen verantwortlich ab, wie sie den Gesundheitsschutz, die Rechte der Kinder und die Bedarfe der Familien bestmöglich vereinbaren können. Bereits in der Zeit der Notbetreuung haben die Erzieher*innen viele kreative Wege gewählt, um den Kontakt zu den Familien zu pflegen, Anregungen für die Alltagsgestaltung ohne Kita zu geben und Kindern Materialien und Impulse zukommen zu lassen, die sie mit Spaß und Lust verwenden konnten. Jetzt können die evangelischen Träger wieder mehr Kindern den Zugang zur Kita zusichern und die Eltern wieder stärker in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entlasten.

Haben Sie dabei auch bedacht, dass kleine Kinder wohl kaum Abstandsregeln einhalten können?

Haber-Seyfarth: Es hat alle Verantwortlichen sehr beschäftigt, wie der pädagogische Alltag in dieser Zeit altersgerecht gestaltet werden kann. Die sehr jungen Kinder sind darauf angewiesen, die Mimik des Gegenübers wahrnehmen und verstehen zu können, ein Mund-Nasen-Schutz verbietet sich hier. Im Spiel "vergessen sich" Kinder und können nicht immer auf Abstandsregelungen verwiesen werden. Aber natürlich üben wir Hygieneregeln ein und halten die Distanz zum Beispiel bei den Mahlzeiten. Wichtig ist uns, dass die Kindergruppen einer Kita untereinander keinen Kontakt haben und wir soweit wie möglich getrennte Systeme organisieren, auch im Dienstplan der Erzieher*innen. Das ist eine andere, wichtige Form des Abstandshaltens.

Warum können nicht alle Kitas den Start ab jetzt gleich organisieren? Die einen orientieren sich an Wochentagen, die anderen betreuen die Kinder nur halbtags, damit die einen vormittags und die anderen nachmittags kommen können. Den meisten Eltern ist so nicht wirklich geholfen.

Neebe: Wir organisieren den Kita-Alltag nach den Vorgaben der jeweils aktuellen Landesverordnung. Festgelegt und definiert sind nach wie vor Berufs- und Personengruppen, die einen vorrangigen Anspruch auf einen Kita-Platz haben. Damit sind in einigen Kitas bereits viele der zur Verfügung stehenden Plätze vergeben. Darüber hinaus bleibt uns dann wenig Spielraum. Aufnahmekriterien für die etwaig freien Plätze sind vom Träger in Abstimmung mit dem Jugendamt festzulegen. So gibt es die Verordnung vor. Gegenüber den Eltern bringt das die Träger in Erklärungsnot, denn noch immer können wir nicht allen Kindern einen Platz zusagen. 

"Auch der 'eingeschränkte Regelbetrieb' ist noch eine Stufe der Notbetreuung"

Grenzen im Platzangebot entstehen, weil sich in den vorhandenen Räumen weniger Kinder aufhalten können als üblich und auch weil nicht alle Erzieher*innen in der Arbeit mit den Kindern eingesetzt werden können. Die Kindertageseinrichtungen versuchen, durch Wald- und Naturgruppen oder Projektangebote in zeitversetzten Betreuungsformaten so viel Angebote wie möglich zu machen. Und sie suchen Personen zur Mitarbeit, die zusätzlich zu den Fachkräften eingesetzt werden können. Aber es bleibt zu bedenken, dass auch der "eingeschränkte Regelbetrieb" noch eine Stufe der Notbetreuung ist und dass das Infektionsgeschehen noch immer zur Vorsicht mahnt.

Wann kann man denn damit rechnen, dass alles wieder normal läuft? Das werden die Eltern und auch die Mitarbeitenden wissen wollen.

Regine Haber-Seyfarth: So wie wir alle würden auch die Kita-Verantwortlichen gerne zur alten Praxis, zum gewohnten Regelbetrieb zurückkehren. Aber noch immer ist das Ziel, das Pandemiegeschehen weiter einzudämmen. So unterliegen sie noch immer den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes und beachten die wichtigen Maßnahmen des Gesundheitsschutzes für Kinder, Eltern und Mitarbeitende. Gleichzeitig muss der Weg zur Regelbetreuung von der Politik nun verlässlich vorbereitet und transparent kommuniziert werden. Konkrete Schritte müssen benannt und mögliche Zeitschienen beschrieben sein. Verordnungen im Wochentakt waren am Anfang der Krise erforderlich. Jetzt brauchen alle einen weiteren Blick und belastbare Aussagen. Das gilt für die Planungen in den Kitas, wie auch für die Familien.

Es muss aber auch im Blick bleiben, dass womöglich eine Öffnung wieder zurückgenommen werden muss, wenn die Infektionszahlen wieder steigen sollten. Gleichwohl braucht es jetzt vorausschauende Überlegungen und konkrete Aussagen, was der Gesetzgeber ab dem 5. Juli und im neuen Kindergartenjahr anstrebt. Passgenaue Angebote regional unterschiedlich auszugestalten, ist ein guter Ansatz. Aber ganz ohne Leitlinien sind Entscheidungsverantwortliche und Eltern allein gelassen. Wir wünschen uns, darüber weiterhin einen konstruktiven Austausch mit dem Hessischen Sozialministerium zu führen.

Die Fragen stellte Olaf Dellit, Redakteur im Medienhaus der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Kassel.