Holocaust-Überlebende: Man darf nicht schweigen und nicht vergessen

Holocaust-Überlebende Esther Bejarano

© epd-bild/Philipp Reiss

Esther Bejarano überlebte Auschwitz und das KZ Ravensbrück. Bis heute erzählt sie jungen Menschen von den Verbrechen der Nazis – und fürchtet nun mehr denn je eine Wiederkehr des Schreckens.

Holocaust-Überlebende: Man darf nicht schweigen und nicht vergessen
Am 8. Mai 1945 endete mit der deutschen Kapitulation der Zweite Weltkrieg. Für Esther Bejarano, die den Holocaust überlebte, war es der "Tag der Befreiung". Bis heute erzählt sie jungen Menschen von den Verbrechen der Nazis - und fürchtet ein Widererstarken ihrer Ideen.

Mehrmals im Verlauf des Interviews klingelt das Telefon in Esther Bejaranos Wohnzimmer in Hamburg - das Treffen hat noch vor der Corona-Pandemie stattgefunden. Jedes Mal geht sie ran, aber immer mit dem Ziel, das Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. "Ja, ich bin diese Holocaust-Überlebende", sagt sie einmal, als jemand am anderen Ende der Leitung offenbar nicht gut vorbereitet ist, "da müssen Sie später wieder anrufen." Und legt auf. Anschließend versinkt sie wieder ganz tief in ihren großen Sessel.

Dass Menschen Anrufer abwimmeln, wenn sie gerade etwas anderes zu tun haben, ist nicht ungewöhnlich. Bei Esther Bejarano ist es anders, sie kann eine Mauer um sich errichten, an der niemand vorbeikommt. Und die sie selber einreißt, sobald sie einmal ins Erzählen gekommen ist. "Ich will die Menschen aufklären, was damals geschah. Man darf nicht schweigen und nicht vergessen", sagt sie. "Damals", damit meint sie die NS-Diktatur.

Die Alpträume sind geblieben

Wer Esther Bejarano besucht, trifft eine kleine Frau mit grauen Haaren, die zart und resolut zugleich wirkt. 95 Jahre ist sie alt, sie hat Auschwitz überlebt, verlor im Holocaust ihre Eltern und ihre Schwester. Die geborene Esther Loewy aus Saarlouis, Tochter eines jüdischen Kantors, war 16 Jahre alt, als ihre geplante Ausreise nach Palästina scheiterte, sie Zwangsarbeiterin in Brandenburg wurde. Zwei Jahre später, 1943, deportierten die Nazis sie nach Auschwitz. Sie überlebte als Akkordeonspielerin im "Mädchenorchester", kam dann ins KZ Ravensbrück, konnte schließlich von einem "Todesmarsch" fliehen.

Bildergalerie

Die Konzentrationslager der Nazis

Der Eingang zum KZ Auschwitz mit dem zynischen Satz auf dem Torbogen "Arbeit macht frei".

© epd-bild/Keystone/Rolf Zö†llner

Der Eingang zum KZ Auschwitz mit dem zynischen Satz auf dem Torbogen "Arbeit macht frei".

© epd-bild/Keystone/Rolf Zö†llner

Auschwitz - ein Name, der Gänsehaut auslöst. Dort wurden unschuldige Menschen brutal und massenhaft während des Holocausts durch die Nationalsozialisten umgebracht.

Am 27. April 1940 gibt der SS-Chef Heinrich Himmler den Befehl, das ehemalige Kasernengelände mit den 22 Vorkriegsbaracken in ein Konzentrationslager "umbauen" zu lassen. Ursprünglich ist Auschwitz I als Arbeitslager für politische Gefangene aus Polen gedacht - 10.000 Häftlinge sollen dort interniert werden. Doch während des Zweiten Weltkriegs wird Auschwitz für die Nazis der wichtigste Ort ihrer "Endlösung der Judenfrage".

1947 wurde in Auschwitz ein Museum zur Erinnerung an die Verbrechen gegründet. Das Gelände des Museums mit internationalem Bildungszentrum umfaßt heute 191 Hektar. 1979 besuchte Papst Johannes Paul II als erster Papst überhaupt die Gedenkstätte. Damals sagte er: "Auschwitz ist der Ort, den man nicht nur besichtigen kann. Man muß bei dem Besuch mit Furcht daran denken, wo die Grenzen des Hasses, der Vernichtung des Menschen durch den Menschen, die Grenzen der Grausamkeit liegen." 2016 besuchten über zwei Millionen Menschen die Gedenkstätte.

Die sogenannte "Judenrampe" im KZ Auschwitz-II-Birkenau.

© epd-bild/Rolf Zöllner (2)

<p>Im Oktober 1941 beginnt der Bau des Lagerkomplex Auschwitz-II-Birkenau, im März 1942 wird es in Betrieb genommen: ursprünglich sollen hier 125.000 Kriegsgefangene inhaftiert werden können, doch am Ende wird Birkenau das größte aller Vernichtungslager der Nazis. Im Frühjahr 1942 entsteht auch die erste Gaskammer, später sind mehrere Kammern und Krematorien gleichzeitig in Betrieb.</p>
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<p>Der grausame Höhepunkt der "Mordmaschinerie" wird im Mai/Juni 1944 während der sogenannten "Ungarn-Aktion" erreicht: mehr als 400.000 ungarische Juden werden in dieser Zeit ermordert. Von der neu gebauten "Judenrampe" aus, wie die Nazis den Bahnsteig nennen, werden sie direkt in die Gaskammern geführt. Nur rund 20 Prozent der Menschen eines Transport werden bei der Selektion als arbeitstauglich eingestuft - Frauen und Kinder, Alte und Schwache habe keine Chance.</p>
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Schätzungsweise 90 Prozent der insgesamt 1,1 Millionen Toten von Auschwitz wurden in Birkenau ermordet. Etwa eine Million der Getöteten waren Juden. Außerdem kamen mindestens 70.000 Polen, 21.000 Roma, 14.000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 10.000 Tschechen, Belarussen und andere Opfer ums Leben. Die Zahl lässt sich aber nur schätzen, da viele Opfer nicht registriert, sondern sofort vergast und verbrannt wurden.</p>

Eingangstor des KZ Buchenwald

bpk / epd-bild/Maik Schuck

<p>Am 15. Juli 1937 treffen die ersten Häftlinge ein, die unter der Bewachung der SS auf dem Ettersberg bei Weimar den Wald roden müssen, um dort ein neues Konzentrationslager zu errichten. Die größte Gruppe bildeten die politischen Häftlinge, aber auch Vorbestrafte, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kriegsgefange, Zwangsarbeiter aus den vom Deutschen Reich besetzten Ländern und zum Schluss auch zahlreiche Juden wurden in Buchenwald interniert. Am Ende des Krieges ist Buchenwald das größte KZ im Deutschen Reich. Wahrscheinlich sterben dort mehr als 56.000 Menschen an Folter, medizinischen Experimenten oder Auszehrung.</p>
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<p>"Nichts hat mich je so erschüttert wie dieser Anblick", schreibt der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte und späterer US-Präsident, Dwight D. Eisenhower, als die Amerikaner im April 1945 Buchenwald und seine 139 Außenlager erreichen. Schockiert von diesem Anblick zwangen die Amerikaner am 16. April rund 1.000 Weimarer Bürger, auf den Ettersberg zu laufen, um ihnen das Ausmaß der Gräuel in ihrer direkten Nachbarschaft vor Augen zu führen.</p>
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<p>Seit 1999 führt ein Weg mit dem Namen "Zeitschneise" von Schloß Ettersburg bei Weimar zum ehemaligen Krematorium des Konzentrationslagers Buchenwald. Es ist eine begehbare, direkte Verbindung zwischen den Stätten der Humanität der Klassikerstadt der Dichter und Denker und des Grauens der Nationalsozialisten.</p>

KZ Bergen-Belsen

bpk/Harald Koch / epd-bild

<p>Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs brauchen die Nazis einen Ort, an dem sie die Kriegsgefangenen internieren können - die Wahl fällt auf Baracken am Rande des Truppenübungsplatzes von Bergen-Belsen, in der Nähe von Celle. Ab Juni 1940 werden dort rund 600 belgische und französische Soldaten inhaftiert. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion steigt die Anzahl der sowjetischen Kriegsgefangenen im Herbst 1941 auf 21.000 an - sie müssen auf freiem Feld, in Erdhöhlen und Laubhütten leben. Bis zum April 1942 sterben 14.000 Sowjets an Seuchen, Hunger und Kälte.</p>
<p><br>Erst 1943 wird aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager ein Konzentrationslager. Damit ist es das jüngste im Deutschen Reich.</br>
<br>Mit dem Vorrücken der Alliierten Streitkräfte werden frontnahe Konzentrationslager evakuiert - das Ziel vieler Todesmärsche ist Bergen-Belsen, beinahe täglich kommen neue Transporte an. In letzten Kriegsmonaten ist das Lager vollkommen überbelegt und die sanitäre Situation ist eine Katastrophe: in einem abgetrennten Lagerteil mit 10.000 Häftlingen gibt es kein Klo und keinen einzigen Wasserhahn. Unter den entkräfteten Lagerinsassen grassieren Ruhr, Bauchtyphus und Tuberculose. Insgesamt sind mehr als 52.000 Häftlinge im Lager oder unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Haft gestorben.</br></p>
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<p>In der britischen Wahrnehmung steht Bergen-Belsen lange Zeit noch vor Auschwitz für das Grauen des Holocausts. Es ist das einzige Konzentrationslager, das von den Briten befreit wurde, und eines der wenigen, das vor der Befreiung von der SS nicht evakuiert wurde.</p> Das Bild links wurde 1945 aufgenommen.

KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

bpk / epd-bild/Wolfgang Noak

<p>1938 beschließt die SS, nicht mehr nur politische Gegener zu inhaftieren und zu terrorisieren, sondern sie entdeckt die Häftlinge als billige Arbeitskräfte, aus denen man Profit ziehen kann. Die großen Granitvorkommen machen Flossenbürg als neuen KZ-Standort attraktiv: En­de April tref­fen die ers­ten SS-Wa­chen ein, am 3. Mai 1938 er­reicht der ers­te Trans­port mit 100 Häft­lin­gen aus dem KZ Dach­au die Bau­stel­le.</p>
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<p>Im Steinbruch müssen die Häftlinge zwölf Stunden lang Granitblöcke absprengen, Erde abtragen, Loren schieben und Steine schleppen - und das bei Wind und Wetter ohne Sicherheitsvorkehrung, schlecht bekleidet und halb verhungert.
Durch die Räumung der östlicher gelegenen Konzentraionslager verschlechtert sich die Situation in Flossenbürg: von 3.300 Häftlingen Ende 1943 steigt die Zahl im März 1945 auf über 15.000 an - das Lager ist vollkommen überbelegt.</p>
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<p>In Flossenbürg ermordert die SS systematisch mindestens 2.500 Menschen, darunter polnische und sowjetische Gefangene, Zwangsarbeiter und viele Widerstandskämpfer. Unter ihnen ist auch der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im Morgengrauen mit weiteren NS-Gegnern in Flossenbürg erhängt wird.</p>

Eingangstor des KZ Dachau

bpk/Maurice Zalewski/adoc-photos / epd-bild/Lukas Barth

<p>Am 22. März 1933, nur zwei Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik das erste Konzentrationslager für politische Gefangene im oberbayerischen Dachau bei München eröffnet. Zuerst werden dort vor allem Gegner des NS-Regimes wie Kommunisten und Sozialisten inhaftiert – das Lager dient zur Abschreckung.</p>
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<p>Im Verlauf der Nazi-Herrschaft kommen engagierte Christen, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Kriegsgefangene aus den von Deutschland überfallenen Ländern hinzu. 200.000 Menschen aus ganz Europa sind in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft dort eingesperrt, mehr als 32.000 Gefangene kommen dort um: Sie wurden unter anderem hingerichtet, starben an Krankheiten oder sogenannten "medizinischen Experimenten", verhungerten oder brachen vor Erschöpfung oder als Folge der Folter und Misshandlungen zusammen. Die heutige Forschung geht aufgrund der unregistrierten Exekutionen und aus anderen Gründen sogar von 41.500 Toten aus.</p>
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<p>20 Jahre nach der Befreiung wird das ehemalige Konzentrationslager Dachau auf die Initiative von ehemaligen KZ-Häftlingen, der "Comité International de Dachau", hin, zu einer Gedenkstätte umgewandelt. Mittlerweile ist Dachau die meistbesuchte KZ-Gedenkstätte Deutschlands.</p>

KZ Ravensbrück

bpk / epd-bild/Gordon Welters

<p>Etwas mehr als 80 Kilometer vor den Toren Berlins entsteht zwischen Dezember 1938 und April 1939 auf Anordnung des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Durch die Umstellung auf Kriegswirtschaft werden auch die Häftlinge von Ravenbrück als Zwangsarbeiterinnen in der Rüstungsindustrie gebraucht. In einem Dokument wird die Durchschnittsarbeitsfähigkeit der Häftlinge auf drei Monate festgelegt – danach gelten sie als entkräftet und werden getötet.</p>
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<p>In den Jahren 1939 bis 1945 sind etwa 132.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.000 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert worden. Die nach Ravensbrück Deportierten stammten aus über 40 Nationen, unter ihnen Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Zehntausende wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente.</p>

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Esther Bejarano einige Jahre in Israel, heiratete, bekam zwei Kinder - bis es die Familie 1960 nach Deutschland zurückzog. Von Hamburg aus mischt sie sich noch heute immer wieder ein in Debatten, sie geht in Schulen, tritt mit der Band Microphone Mafia auf, die auf verschiedenen Sprachen rappt. Damit das, was sie erleben musste, nie wieder passiert.

Offener Brief an Merkel und Steinmeier

Esther Bejarano ist in großer Sorge um die Zukunft. In einem Offenen Brief an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte sie Anfang des Jahres: Der 8. Mai, Tag der Kapitulation Hitler-Deutschlands und der Befreiung vom NS-Regime, muss ein Feiertag werden - allein, um ein Zeichen zu setzen. "Es ist für uns Überlebende unerträglich, wenn heute wieder Naziparolen gebrüllt werden, wenn Menschen durch die Straßen gejagt und bedroht werden, wenn Todeslisten kursieren", schrieb Bejarano, die auch Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der Bundesrepublik Deutschland ist.

In dem Brief deutet sie auch an, was es heißt, Auschwitz überlebt zu haben: "Die Gerüche blieben, die Bilder, immer den Tod vor Augen, die Alpträume in den Nächten". Dem stellt sie eine Kontinuität des Wegschauens gegenüber, "das große Schweigen nach 1945".

Politisch engagiert und unbequem

Zwar habe sich im Lauf der Jahre eine Erinnerungskultur herausgebildet, aber auch Rechte und Neonazis hätten sich neu formiert. So weit, dass heute "Abgeordnete einer neurechten Partei vom NS als 'Vogelschiss in deutscher Geschichte' und vom Holocaust-Gedenkort in Berlin als 'Denkmal der Schande' sprechen". Was also könnte helfen? Vielleicht, wenn man endlich begreifen würde, "dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war". Am 8. April startete sie mit der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" dazu auch eine Online-Petition, die nach einer Woche bereits mehr als 45.000 Menschen unterschrieben hatten.

Esther Bejarano ist schon lange ein politisch aktiver Mensch. In Israel sang sie in einem kommunistischen Arbeiterchor. Sie verließ das Land 1960 auch deswegen, weil sie und ihr Mann mit dessen Politik nicht mehr einverstanden waren: "Ich wollte nicht in den Krieg ziehen." In Deutschland stellte 2017 die DKP sie als Bundestagskandidatin auf, was Bejarano aber aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Sie hat eine klare, antimilitaristische Haltung.

Wenn Esther Bejarano erzählt, verschwimmen die Dinge manchmal miteinander und ergeben auf neue Weise Sinn. Etwa, wenn sie die letzten Kriegstage wiedergibt - und ihre panische Angst vor der Ostsee. Als die Alliierten immer näher rückten und die Befreiung schon in greifbarer Nähe war, zwangen die Nazis sie und weitere Häftlinge aus Ravensbrück auf einen ihrer berüchtigten Todesmärsche. Wer nicht mehr gehen konnte und auf den Boden sackte, wurde erschossen. Es ging nach Norden, geradewegs auf die Ostsee zu, glaubte sie damals. "Ich dachte, sie werden uns dort rein treiben und sterben lassen", erinnert sich Esther Bejarano.

Sie konnte sich von dem Todesmarsch retten - mit einigen Freundinnen gelang ihr in einem Waldstück die Flucht. Geblieben ist die Erinnerung an die Angst. Und die kommt auch heute noch hoch, wenn sie die Situation der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer sieht: "Das ist das erste, was ich denke, wenn ich in den Nachrichten ein Flüchtlingsboot sehe: 'Die wollen uns ertränken'."