Instagram, TikTok und Co. sinnvoll in der kirchlichen Bildungsarbeit einsetzen

Social Media erfolgreich im Religions- oder Konfirmationsunterricht einsetzen.

© Katka Pavlickova/Unsplash

Lehrkräfte werden im Bereich Mediandidaktik fortgebildet, damit sie Instagram, TikTok und Twitter erfolgreich im Religions- oder Konfirmanden-Unterricht einsetzen können.

Instagram, TikTok und Co. sinnvoll in der kirchlichen Bildungsarbeit einsetzen
Gehören soziale Netzwerke wie Twitter, Instagram oder gar TikTok in den Religions- oder Konfiunterricht? Unbedingt, wenn sie richtig eingesetzt werden, meint Paula Nowak. Sie ist Studienleiterin für Religionspädagogik im Bereich Mediendidaktik im Amt für kirchliche Dienste in der EKBO und bildet Lehrkräfte in diesem Bereich fort.

Frau Nowak, wie spiegeln sich Ihrer Ansicht nach die aktuellen digitalen Entwicklungen in der Ausbildung von Religionslehrkräften wieder? Welche Rolle spielen sie?

Paula Nowak: Als ich vor drei Jahren angefangen habe, gab es wenig mediendidaktische Fortbildungen. Ich habe diesen Bereich aufgebaut und freue mich jetzt darüber, dass die Fortbildungen sehr gut angenommen werden. Das zeigt mir, dass das Bedürfnis für derlei Angebote relativ hoch ist. Und das merke ich auch nicht nur bei Lehrerinnen und Lehrern, sondern bei vielen Amtspersonen in meiner Landeskirche: Von Pfarrerinnen und Pfarrern über Gemeindepädagoginnen und -pädagogen bis hin zu engagierten Ehrenamtlichen, die mit Jugendlichen arbeiten.

Und im vergangenen Jahr habe ich gemerkt, dass die Schulen langsam nachziehen. Da gibt es allerdings wenige Grauzonen: Entweder herrschen an den Schulen Smartphone-Verbote und der Overhead-Projektor ist immer noch das neueste technische Gerät oder aber es wird schon mit Whiteboards und Tablets gearbeitet. Letztere können dann auch tatsächlich umsetzen, was ich ihnen in den Fortbildungen beibringe.

Wenn Sie Anfragen aus Gemeinden bekommen, an wen verweisen Sie die Menschen? Welche anderen Ansprechpartner gibt es, an die sich diese Personen mit ihren Fragen wenden können?

Nowak: Wenn ich ganz ehrlich bin, fällt mir da aus meiner Landeskirche niemand ein, der sich darum kümmert. Es gibt viele Menschen, die sich einige Fähigkeiten selbst angeeignet haben, aber explizit ein Medienpädagoge mit einem Fokus auf Bildung ist in meiner Landeskirche ansonsten nicht mehr vertreten. Im pädagogischen Bereich sieht es tatsächlich extrem dünn aus.

Was ist da gerade bei den Pädagoginnen und Pädagogen an Trends im Hinblick auf digitalen Religionsunterricht angesagt?

Nowak: Ich bin zum Beispiel kein Fan von Whiteboards, weil ich da das Gefühl habe, dass sich an der Schüler-Aktivität nur geringfügig etwas ändert. Nur, weil man den Beamer gegen ein Whiteboard eingetauscht hat, ist der Unterricht nicht plötzlich weniger frontal. Der Fokus in der Arbeit mit digitalen Medien sollte auf der Handlungs- und Subjektorientierung liegen. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler sich wirklich selbst mit Themen auseinandersetzen und selbst digitale Projekte erstellen.

Ich empfinde es als großen Vorteil des Digitalen, dass man auf ganz verschiedene Lernzugänge eingehen kann. Man kann sich ein Youtube-Video im eigenen Tempo anschauen, man kann eine Bibelgeschichte in einem Bibel-Comic umsetzen oder auch ein Erklärvideo dazu drehen. So kann man auf die Lerntypen oder Interessen der Schülerinnen und Schüler eingehen und das ist der Weg vom Konsumieren hin zum Produzieren.

"Ich versuche, die Menschen eher zu empowern, als sie zu belehren"

Wie gehen Sie mit Lehrkräften um, die daran zweifeln, ob man auf diese Art und Weise tatsächlich Inhalte vermitteln kann? Die auf dem Standpunkt stehen, dass nur bei Frontalunterricht vernünftig gelernt wird?

Nowak: Ich würde dafür plädieren, dass es nicht um ein Ersetzen geht. Niemand will komplett analoge Methoden gegen digitale austauschen. Es geht um eine Ergänzung, bei der man sich als Lehrkraft fragt: Komme ich dem Kommunikationsverhalten der Schülerinnen und Schüler vielleicht eher entgegen? Das muss meiner Meinung nach nicht immer zwangsläufig digital sein. Das Digitale einzusetzen, damit ich das Häkchen bei Medienbildung machen kann, ist ein Irrglaube. Denn Medienpädagogik heißt ja, dass man die Medien aussucht, die den Inhalt anschaulicher machen oder in einer anderen Raffinesse zeigen. Und das reicht von Kinderliteratur über Social Media bis hin zur Film- oder Fotopädagogik.

Ich versuche, die Menschen in meinen Fortbildungen eher zu empowern, als sie zu belehren. Zu sagen: "Das müsst ihr jetzt machen, weil das Teil der Medienbildung ist", bringt aus meiner Sicht nichts. Stattdessen erzähle ich diesen ohnehin schon oft sehr kreativen Religionslehrerinnen und -lehrern: "Ihr könnt euch jetzt mal Zeit nehmen für so ein medienpädagogisches Projekt. Es ist nämlich im Curriculum verankert. Ihr könnt mal zwei oder drei Wochen Bibeldidaktik mit Erklärvideos machen, ohne dass ihr euch auf irgendeine Weise Stress machen müsst, weil es im Rahmenlehrplan so vorgesehen ist." Ich betone lieber die Freiheit und den Freiraum, den die Lehrkräfte haben. Vielleicht überzeugt das eher, als zu sagen: "Das müsst ihr machen, weil Jugendliche ein Smartphone in der Tasche haben."

Wie nehmen Sie Lehrkräften die Angst vor dem Kontrollverlust, der teilweise mit der Benutzung digitaler Techniken einhergeht?

Nowak: Kontrolle ist eine Illusion. Jede Art von Gruppenarbeit und selbst der Lehrervortrag bedeuten Kontrollverlust, weil man einfach nicht kontrollieren kann, was jeder Schüler und jede Schülerin tut. Das kennen wir eigentlich nicht anders und das ist durch die Digitalisierung nicht neu hinzugekommen. Ich finde, dass man das immer gut durch ganz genau Arbeitsaufträge aufhebeln kann. Man macht den Jugendlichen deutlich: Die Lehrkraft hat sich für eine Methode entschieden, die den Schülerinnen und Schülern entgegenkommt, die ihnen bestimmt auch viel Freude bereitet und dass man im Gegenzug erwartet, dass sie dieses Vertrauen nicht ausnutzen. Man legt von vorne herein offen, dass sonst diese Chance nicht nochmal gegeben werden kann. Meine Erfahrung war, dass das eben dann nicht passiert ist, weil die Schülerinnen und Schüler wirklich Lust hatten, sowas nochmal zu machen.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer mit Social Media im Unterricht umgehen, auch wenn es womöglich nicht die Umwelt ist, in der sie sich intuitiv bewegen?

Nowak: Als Medienpädagogin ist es meine Aufgabe das Medienverhalten – und die Mediennutzung von Heranwachsenden zu analysieren und einschätzen zu können. Ich finde es daher wichtig, die Dinge erstmal selbst auszuprobieren, bevor man sich ein Urteil erlaubt. Man muss es ja nicht ein Leben lang machen und man kann die App auch wieder löschen. Deswegen beschäftige ich mich dezidiert mit Apps, die vor allem von Heranwachsenden genutzt werden wie zum Beispiel TikTok: Ich wollte es selbst kennenlernen, wollte wissen, was das mit mir macht und wie die App funktioniert. Und kann dadurch jetzt eher nachempfinden, was für ein Bedürfnis von Heranwachsenden erfüllt wird. Auch das vermittle ich den Lehrerinnen und Lehrern in meinen Fortbildungen. Im ersten Schritt geht es um das Auseinandersetzen mit den Medienwelten von Jugendlichen und um ein ernsthaftes Interesse an den dahinterstehenden Motivationen, ohne vorschnell zu verurteilen. Das ist mir sehr wichtig. Und im zweiten Schritt fragen wir nach möglichen religions- und medienpädagogischen Anwendbarkeiten.

"Bei Instagram reden wir dann zum Beispiel über Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung"

Ist es auch eine Chance, so mit ihnen über Themen wie Privatsphäre und Datenschutz ins Gespräch zu kommen?

Nowak: Je nach dem, was ich im Unterricht einsetze, geht das für mich Hand in Hand. Bei Instagram reden wr dann zum Beispiel über Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Oder wir fragen uns zusammen: Was heißt es eigentlich, wenn ich so eine App benutze? Ich schaue auch mit den Jugendlichen in die Vertragsbedingungen, welche Rechte ich dieser App verschaffe. Das würde ich immer an das Medium ankoppeln, das ich benutze.

Wie könnte die Einbindung sozialer Netzwerke in den Unterricht konkret aussehen?

Nowak: Auf medienethischer Ebene könnten die Zehn Gebote und christliche Ethik auch auf die Sozialen Netzwerke erweitert werden Die Jugendlichen können vergleichen, ob da die gleichen Regeln gelten und wie eine digitale Ethik aussehen könnte. Auf medienpraktischer Ebene lernen Heranwachsende durch konstruktive Medienprojekte, dass man ein Smartphone nicht nur zum Selfies-Machen benutzen kann, sondern dass sie kreativ und innovativ agierende Medienproduzentinnen und -produzenten sind.

"Man kann bibeldidaktisch mit Instagram arbeiten"

Sie beschäftigen sich viel mit Instagram und TikTok. Können Sie beschreiben, wie man das sinnvoll in religiöse Kontexte einbinden kann?

Nowak: Bei TikTok bin ich momentan noch ein wenig unentschlossen. Ich nehme es selbst gerade erstmal nur für eine eigene Öffentlichkeitsarbeit, weil ich da noch kein Konzept für die Anwendung mit Jugendlichen im Kopf habe. Dafür muss ich mir das alles noch genauer anschauen und mir das Portal noch besser aneignen.

Mit Instagram dagegen kann man sehr viel machen. Man kann medienethisch über den Einfluss von Influencern diskutieren, man kann auch einzelne Kanäle wie zum Beispiel "Mädelsabend" auch als Unterrichtseinstieg nutzen, um für bestimmte religionspädagogische Themen anzusprechen. Oder man kann bibeldidaktisch mit Instagram arbeiten.

Wie sieht denn eine bibeldidaktische Arbeit mit Instagram aus?

Nowak: Wir haben in einer Fortbildung mit kurzen Bibelstellen gearbeitet, in denen die biblische Figur Maria vorkommt. Oft entsteht aber erst eine inhaltliche Auseinandersetzung, eine individuelle Deutung, wenn sich Teilnehmenden tiefer damit auseinandergesetzt, indem sie "zwischen den Zeilen gelesen" haben. Und diese Deutungen haben die Teilnehmenden dann in einem Bild umgesetzt. Dabei war es wichtig, dass sie das darstellen, was man so nicht in der Bibel lesen kann, was aber die Figuren eventuell zwischen den Zeilen bewegt oder motiviert hat, was sie vielleicht für religiöse Fragen hatten. Dann sollten sie davon ein Bild machen. Und das Foto samt einer Bildunterschrift haben wir auf den von uns erstellten Instagram-Account "Marias Weg" hochgeladen, der einzelne Lebensstationen Marias beinhaltet.

Wie sähe dieses Projekt konkret in der Umsetzung mit Jugendlichen aus? Und was bringt es inhaltlich?

Nowak: Sie behandeln die Bibelstelle im ersten Schritt klassisch-bibelerschließend – also, dass sie rekapitulieren was inhaltlich passiert und klären Fremdwörter und Unbekanntes. Und dann geht es in die Anwendungphase: Sie überlegen, was in der Situation passiert sein könnte, was die biblische Figur bewegt oder gedacht hat. Das ermöglicht einen kreativ-darstellenden Zugang zu biblischen Texten und das Wahrnehmen von dort angesprochenen menschlichen Grunderfahrungen.

Man versucht, Zwischentöne deutlich zu machen, die eben so nicht in der Bibel stehen. Man weiß natürlich, dass das eine Interpretation ist, aber es ist eben eine ganz intensive Auseinandersetzung mit der Figur. Ich glaube außerdem, dass es auch eine große Lust macht, sich damit auseinanderzusetzen. Denn die Bibel ist gerade bei Jugendlichen – meiner Erfahrung nach – erstmal nicht so der wahnsinnige Hit. Man muss erstmal eine Brücke bauen, damit sie merken: Das hat was mit mir und meinem Leben zu tun. Und wenn das passiert, ist das für mich immer ein großer Glücksmoment.