"In der schlimmsten Situation ihres Lebens kommen Menschen zu mir"

Bestatterin Jennifer Schmid

© Tom Weller/dpa

Die Bestatterin Jennifer Schmid steht in einem Ausstellungsraum mit Särgen im Hintergrund.

"In der schlimmsten Situation ihres Lebens kommen Menschen zu mir"
Die 22-jährige Jennifer Schmid ist Bestatterin aus Leidenschaft
Jennifer Schmid wurde als beste Jungbestatterin Deutschlands ausgezeichnet. An ihrem Beruf schätzt sie vor allem die persönliche Begleitung von Angehörigen.

"Unter einem Bestatter habe ich mir früher einen buckligen alten Mann vorgestellt", schmunzelt Jennifer Schmid. Doch genau dies wurde Beruf und Berufung der heute 22-Jährigen, die als beste ausgebildete Jungbestatterin Deutschlands ausgezeichnet wurde. Die junge Frau, die im September im Backnanger Bestattungshaus "Zur Ruhe" ihre erste Stelle angetreten hat, möchte noch die Meisterausbildung absolvieren und später als Ausbilderin ihr Wissen und ihre Fähigkeiten an junge Menschen weitergeben.

Nach dem Abi im Kreis Böblingen war Jennifer zunächst etwas ratlos bei der Berufswahl. Nichts schien so richtig zu passen. "Ich wollte eine gute Mischung: auf jeden Fall was mit Menschen machen, kreativ sein und auch Büroarbeit." Mehr aus Spaß habe ihre Mutter dann vorgeschlagen: "Probier's doch mal als Bestatterin." Die Tochter, die sich bereits in der 9. Klasse im Religionsunterricht intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hatte, war unschlüssig, ob sie mit Leichen umgehen könnte. Sie absolvierte ein Praktikum in einem Bestattungsunternehmen und war sich sicher: Das ist es.

Was sie an ihrem Beruf liebt? "Die Arbeit mit den Angehörigen", ist Schmid überzeugt. "In der schlimmsten Situation ihres Lebens kommen Menschen zu mir und vertrauen mir den wichtigsten Menschen ihres Lebens an." Die Fachfrau hört zu, geht auf die individuellen Bedürfnisse von Trauernden in ganz unterschiedlichen Situationen ein. "Egal, was ich tue: Ich beeinflusse den weiteren Verlauf des Trauerprozesses der Angehörigen", sagt Schmid. Sie wolle so weit wie möglich die Angst vor dem Sterben und dem Verstorbenen nehmen.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod

Generell ermutigt sie Angehörige, den Toten noch einmal zu sehen, um sich bewusst zu verabschieden. Beim Verarbeiten helfe auch, Erinnerungen zu pflegen, zum Beispiel durch eine Schatztruhe, in der für den Verstorbenen typische Gegenstände aufbewahrt werden. Hilfreich sei auch der Glaube an ein Leben nach dem Tod, den Schmids Erfahrung zufolge die meisten Menschen in irgendeiner Weise haben.

Freilich ist es nicht immer einfach, mit den Geschichten der Trauernden umzugehen. Jennifer Schmid hilft es, mit Kollegen darüber zu reden, insbesondere mit ihrem Freund, der ebenfalls als Bestatter im gleichen Haus arbeitet.

Bildergalerie

Alles ist endlich - Individuelle Grabsteine

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Nikolaus Seubert ist Steinbildhauer und hat sich auf Grabsteine spezialisiert. In Berlin-Prenzlauer Berg hat er auf dem Friedhofsgelände der Georgen-Parochialgemeinde sein Atelier. Der Besucher lässt den Lärm der Stadt hinter sich, sobald er dieses Kleinod in der Mitte Berlins betritt. Seubert hat die alte Remise als Ruine übernommen und mit viel Eigeninitiative saniert.

Grabstein

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Die wenigsten Menschen lassen sich zu Lebzeiten einen Grabstein anfertigen. Das Thema Tod - und wie man das eigene Ableben gestalten möchte, ist keines, das im Leben eine Rolle spielt. Und selbst, wenn es um den Tod von nahestehenden Menschen geht, wissen nicht viele, welche Möglichkeiten es gibt, das Grab zu gestalten. Es muss keine Massenware sein. Eine Grabstele kann individuell sein und so viel liebevoller an den geliebten Menschen erinnern.

Steinbildhauerei

© Severin Wohlleben

In der Remise duftet es nach frisch gebrühtem Tee, kleine Steinbildhauereien stehen auf dem Tisch. In der Werkstatt ist Nikolaus Seubert bei der Arbeit. Der Ort wirkt lebendig, obwohl es hier um den Tod geht.. Seit 1980 lebt Seubert schon in Berlin. Vom katholischen Süden in den protestantischen Norden. Das Handwerk hat er in der Ausbildung gelernt, dann den Meister gemacht und schließlich seine künstlerische Nische entdeckt.

Erinnerungsstücke

© Severin Wohlleben

Gibt es einen Gegenstand, der mich an die verstorbene Person erinnert? In einer Stele ist ein Kreisel integriert. Die verstorbene Mutter hat Kreisel gesammelt, und für die Tochter war klar, dass ihr Grabstein an ihre kleine, geliebte Leidenschaft erinnern sollte.

Steinarbeit

© Severin Wohlleben

Die Steine, die der Handwerksmeister benutzt, kommen allesamt aus europäischen Steinbrüchen. "Keine Kinderarbeit", wie er betont. Kalkstein, Sandstein, Dolomit oder Thüringer Travertin aus Bad Langensalza – das sind die Steine, die er bearbeitet. Zuerst grob, dann sanft mit einem Marmorschaber. Soll der Stein hell sein oder dunkel? Wie möchte ich die Oberfläche haben, rau und wild oder glatt poliert? Stein ist eben nicht Stein.

Werkstatt

© Severin Wohlleben

Knorrige Hölzer, alte Bienenwaben, ein alter verrosteter Sargnagel, all diese Gegenstände hat Seubert schon in seinen Stelen verarbeitet. Er finde immer etwas, wenn er durch die Natur laufe oder auch durch die Stadt. Aufs Auge komme es an. Und die Fantasie.

Skizze

© Severin Wohlleben

Politisch ist Nikolaus Seubert, wenn es ums Sterben geht. Ein Thema, das ihn bewegt. Die Friedhofskultur habe sich verändert. Der Trend gehe hin zu Urnen, zu Feldern mit anonymen Gräbern, zum Friedwald, oft schlecht erreichbar außerhalb der Stadt. Die innerstädtischen Friedhofsflächen schrumpften - Bauland ist in Berlin viel wert. Die Kirchen bräuchten Geld. Es ginge nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um das richtige Maß: "Die Grabstellen sind viel zu klein, warum gibt man den Leuten nicht mehr Platz?"

Friedhof

© Severin Wohlleben

"Friedhöfe sagen sehr viel aus, über die Menschen, die hier gelebt haben." Wer kennt das nicht: Im Ausland, der kleinen Stadt in den Bergen, oder den großen Metropolen der Welt? Oft sind es die Friedhöfe, die uns reizen, die Geschichten der Menschen, die dort begraben sind, die unsere Phantasie anregen. Ein schönes Grabwort über die junge unbekannte Schönheit, die vielen Blumen am Grab desjenigen, der schon lange Zeit tot ist. Die Namen, die Verwandtschaftsverhältnisse, das Todesdatum, das überproportional oft zu lesen ist. Friedhöfe sind unser Erbe für die Nachwelt.

Kunstwerk

© Severin Wohlleben

Eine von Seubert gearbeitete Stele braucht Zeit. Es gibt Vorgespräche. Man nähert sich an, versucht gemeinsam eine Idee für den Stein zu entwickeln. Wenn dann feststeht, wie er aussehen soll, dann dauert es in der Regel fünf bis sechs Wochen, bis aus dem Rohstück ein Kunstwerk entstanden ist.

Friedhof

© Severin Wohlleben

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Wer geht, der nimmt nichts mit. Keine Reichtümer, auch keine Armut. Er bleibt in der Erinnerung derer, die ihn liebten und auch derer, die das vielleicht nicht taten. Was bleibt von einem Menschen, wenn er geht? Am Ende auch der Ort, an dem die Mutter, der Vater, das Kind, der Freund, die Freundin die letzte Ruhe findet.

Dass Schmid die komplexen Anforderungen an eine Bestattungsfachkraft hervorragend meistert, wurde ihr mehrfach anerkannt. Die Stuttgarter Handwerkskammer zeichnete sie aufgrund ihrer sehr guten Abschlussprüfung im März 2019 aus. Im Vergleich der einzelnen Kammern in Baden-Württemberg gewann sie erneut und wurde Landessiegerin.

Die sieben Landessieger nahmen wiederum am Bundesleistungswettbewerb teil. Auch hier konnte Jennifer Schmid die Prüfer überzeugen. Mit dem ersten Preis wurde sie als beste Jungbestatterin Deutschlands ausgezeichnet. In der Prüfung dafür musste in 45 Minuten Vorbereitungszeit ein extremer fiktiver Trauerfall bearbeitet werden: Ein 12-jähriges Mädchen wurde erstochen, erschwerend für die Angehörigen ist auch, dass die Presse involviert ist. Wie gestaltet man Abschiednahme und Trauerfeier?

Schmid würde beim ersten Schock zunächst die jüngere Schwester aus dem Geschehen herausnehmen, dann der Familie einen geschützten Raum zum Abschiednehmen geben. "Ich würde alle anderen Trauerfälle aus dem Bestattungshaus auslagern und ein familieninternes Passwort vereinbaren, damit kein Fremder Zutritt bekommt", erklärt die Preisträgerin. Für die Trauerfeier schlägt sie vor, so viele nahestehende Menschen wie möglich einzubinden, beispielsweise die Schulklasse des Mädchens, Luftballons steigen zu lassen, den bereits bekannten Taufpfarrer um Unterstützung zu bitten, neben Blumenschmuck auch Erinnerungsfotos aufzustellen.

Generell findet es Jennifer Schmid wichtig, sich der eigenen Sterblichkeit zu stellen, mit Angehörigen über Vorstellungen zu sprechen, Vorsorge für Grundlegendes zu treffen. "Es ist sehr schwierig für nahestehende Menschen, wenn sie noch nicht einmal wissen, ob sich der Verstorbene für eine Feuer- oder eine Erdbestattung entschieden hätte", weiß die junge Frau. Ein hilfreicher Zugang zur Thematik könne sein, sich zunächst mal zu fragen: Worin liegen die eigenen Ängste im Blick auf den Tod?