"Gottesdienste sollen auch Konfis ansprechen"

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"Gottesdienste sollen auch Konfis ansprechen"
Der Konfirmanden-Unterricht zählt zu den wichtigsten evangelischen Bildungsangeboten. Peter Schreiner, Direktor des Comenius-Instituts erzählt, welche spannenden Erkenntnisse die Konfi-Studien gebracht haben, wie es im Vergleich in anderen Ländern aussieht und wie eine Konfi-App bei der Verbesserung der Konfirmanden-Arbeit helfen kann.
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Welche Aufgabe hat das Comenius-Institut?

Peter Schreiner: Wir haben als Evangelische Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft die Aufgabe, theologische mit erziehungswissenschaftlichen Perspektiven zu verbinden. Und zwar in den Feldern, in denen die evangelische Kirche im Bildungsbereich aktiv ist.

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Peter Schreiner

Dr. Peter Schreiner ist Direktor des Comenius-Instituts und twittert unter @PeterComenius.

Wie setzt das Comenius-Institut diesen Anspruch in der Praxis um?

Schreiner: Wir arbeiten mit allen Landeskirchen und deren religionspädagogischen Einrichtungen sowie mit anderen Bildungseinrichtungen zusammen. Unsere Aufgabe im Geflecht dieser Institutionen und Institute ist es, grundsätzliche Fragen evangelischen Bildungshandelns zu bearbeiten. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, mit welchem Bildungsverständnis wir auf der Grundlage einer evangelischen Perspektive arbeiten. Im Hinblick auf die Bildungspolitik auf nationaler oder europäischer Ebene ist es aus unserer Sicht wichtig, dass wir einen ganzheitlichen Bildungsansatz, den wir aus evangelischer Perspektive heraus vertreten, auch in den Diskurs und die Gespräche einbringen.

"Lehren und Lernen ist ein wechselseitiger Prozess"

"Ganzheitlicher Ansatz" klingt im ersten Augenblick recht schwammig. Was kann man sich konkret darunter vorstellen?

Schreiner: Ein ganzheitlicher Bildungsansatz geht davon aus, dass es nicht nur darum geht, Kompetenzen und Fähigkeiten zu erwerben, die auf dem Arbeitsmarkt für einen Arbeitsplatz erforderlich sind, sondern ebenso auch um Persönlichkeitsentwicklung. Als Person, als Persönlichkeit, benötige ich auch Lebenskompetenzen und Orientierung und nicht nur Arbeitsmarktkompetenzen. Ich muss beispielsweise wissen, wie ich mich in dieser zunehmend unübersichtlichen Welt orientieren oder wie ich Fragen nach Gut und Böse beantworten kann. Diese Aspekte spielen im evangelischen Bildungsverständnis eine zentrale Rolle.

Wie können evangelische Bindungseinrichtungen diesen ganzheitlichen Ansatz vermitteln?

Schreiner Ich denke, dass es erstmal darum geht wahrzunehmen, wie die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen aussieht. Es geht nicht darum zu fragen: "Was wollt ihr eigentlich im Unterricht?" Aber es geht doch darum, zu verstehen, dass sich der Unterricht an konkrete Personen richtet und deren Vorerfahrungen und Perspektiven eine zentrale Rolle spielen, wenn es um Bildungsprozesse geht. Denn Lehren und Lernen ist ein wechselseitiger Prozess. Eine gute Lehrkraft wird nie davon ausgehen, dass sie alle Antworten auf alle Fragen hat. Sie erarbeitet und bearbeitet auch Fragen mit den Schülerinnen und Schülern. Und das ist ein wichtiges Merkmal, wenn es darum geht, eine Schüler- und Dialogorientierung in konkreten Bildungsmaßnahmen umzusetzen.

Das Comenius-Institut hat in der Vergangenheit einige Studien zur Konfirmanden-Arbeit veröffentlicht. Welche Ergebnisse waren bemerkenswert und welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Zukunft des Konfirmanden-Unterrichts?

Schreiner: Es gab eine ganze Reihe von interessanten Ergebnissen. Dazu gehört zum Beispiel, dass die befragten Konfirmanden zum Ende ihrer Konfirmandenzeit den Gottesdienst negativer beurteilt haben als noch zu Beginn. Im Rückschluss bedeutet das, dass wir überlegen müssen, wie unsere Gottesdienste so gestaltet werden können, dass sie auch Konfirmierende oder Konfirmierte ansprechen und ihnen etwas geben.

Eine weitere Erkenntnis aus diesen Studien ist, dass die Konfirmandenzeit oft dazu führt, dass sich Jugendliche ehrenamtlich engagieren. Es hat eine große Entwicklung gegeben, Konfirmierte als Teamer zu gewinnen und mit ihnen mit den neuen Konfirmandengruppen zu arbeiten. Durch diese Teamer-Tätigkeit gibt es ein enormes Potenzial, was sich dann in der ehrenamtlichen Arbeit auch über die Konfirmandenzeit hinaus nochmal deutlich konkretisiert.

Peter Schreiner, haben die Studienergebnisse auch über die Grenzen Deutschlands hinaus Relevanz? Warum darf sich die Institution Kirche aus Ihrer Sicht nicht gegen die Digitalisierung verschließen?

Wie werden die Erkenntnisse aus den Studien jetzt in die Praxis umgesetzt?

Schreiner: Wir haben zum Beispiel eine neue Initiative, die auf den Erfahrungen dieser Konfirmandenstudien aufbaut. Wir sind dabei eine App zu entwickeln, die es relativ einfach möglich macht, diese Befragung der Konfirmanden auf lokaler oder regionaler Ebene durchzuführen. Damit stehen dann Daten zur Verfügung, die man nutzen kann, um die Konfirmandenarbeit vor Ort gezielt zu verbessen.

Wie funktioniert diese App?

Schreiner: Es gibt einen extra für diese App entwickelten Fragebogen, der sich auch schon in den vorherigen Konfirmandenstudien bewährt hat. Mit dem ist es gut möglich, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie sich die Konfirmierenden selbst eingebracht haben, wie sie Strukturen und Themen bewerten und noch vieles mehr. Und diese Ergebnisse kann man dann verwenden, um den Konfirmanden-Unterricht, der ja eine zentrale Bildungsaktivität in den evangelischen Kirchen darstellt, weiter zu verbessern.

Die App klingt nach einem guten Instrument, wenn es denn genutzt wird. Wie wollen Sie diejenigen, die den Konfirmanden-Unterricht in den Gemeinden gestalten, darauf aufmerksam machen und sie von dem Nutzen der App überzeugen?

Schreiner: Das wird nochmal ein wichtiger Punkt sein, das stimmt. Die Digitalisierung funktioniert ja nicht automatisch und auch nicht als Selbstzweck. Man muss schon auch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, dass es ein sinnvolles Instrument ist – nicht um des Instrumentes willen, sondern um eben bestimmte Zielsetzungen im Hinblick auf Qualitätsentwicklung weiterführen zu können. Es wird nochmal eine große Aufgabe sein, die Haupt- und Ehrenamtlichen dafür zu gewinnen. Denn natürlich kann man niemanden zwingen, bestimmte Instrumente zu nutzen. Ich denke, dass es gut ist, über positive Erfahrungen zu berichten und so deutlich zu machen, warum bestimmte Instrumente für bestimmte Projekte und Initiative vorteilhaft sind. Aber es sollte auf gar keinen Fall einen Zwang zur Digitalisierung geben. Und es sollte von Anfang an die Frage gestellt werden, wie sinnvoll und nützlich etwas ist.

Welches Vorgehen würden Sie einer Person empfehlen, die jetzt gerade damit anfängt, die religionspädagogische Bildung digitaler zu gestalten?

Schreiner: Ich würde empfehlen, sich einfach mal bestimmte Internetseiten anzuschauen und zu kontaktieren. Wir haben ja das religionspädagogische Institut virtuell – rpi-virtuell – da gibt es eine ganze Reihe von Arbeitsinstrumenten und Tools, die für die konkrete Arbeit von Lehrkräften in der Gemeinde oder der Schule zur Verfügung stehen. Wir versuchen mit unserem Angebot die unterschiedlichsten Bedürfnisse von Lehrkräften wahrzunehmen und abzudecken.