Berliner Abgeordnetenhaus erinnert an Reichspogromnacht

Die ausgebrannte Synagoge in Nürnberg im November 1938.

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Die ausgebrannte Synagoge in Nürnberg im November 1938. Im ganzen Deutschen Reich und im besetzten Österreich hatte es in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Überfälle auf Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen gegeben.

Mit einer Gedenkstunde hat das Berliner Abgeordnetenhaus am Donnerstag an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 erinnert. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, Ralf Wieland (SPD), rief dazu auf, die historische Verantwortung, die aus den Verbrechen an den Juden in der NS-Zeit erwachse, anzunehmen: "Die Gnade der späten Geburt zählt nicht."

Vor dem Hintergrund eines sich gerade verändernden Blickes auf die NS-Zeit dürfe nicht nachgelassen werden, der historischen Bildung einen eigenen Stellenwert zu geben, sagte Wieland weiter. Dabei reiche die historische Faktenvermittlung nicht aus. Vielmehr müsse angesichts des moralisch Verwerflichen der Pogromnacht die historische Verantwortung der Nachgeborenen in die Erinnerungsarbeit einfließen. "Es reicht nicht aus, nur zu erinnern", unterstrich Wieland. Denn es sei nicht zu verstehen, dass deutsche Männer und Frauen sechs Millionen Jüdinnen und Juden getötet haben. Zu der Gedenkstunde kamen neben Parlamentariern und Senatsmitgliedern auch zahlreiche Holocaust-Überlebende und die beiden Berliner Bischöfe Markus Dröge und Heiner Koch. Schüler einer jüdischen Schule lasen aus Zeitzeugenberichten.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) rief in der Gedenkstunde dazu auf, Antisemitismus und Rassismus offen und laut entgegenzutreten. Antidemokratischen Tendenzen müsse Einhalt geboten werden. Der 9. November 1938 erinnere daran, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich seien: "Hier sind wir alle in der Pflicht, uns eindeutig zu positionieren." Erschreckend sei, dass die Novemberpogrome von 1938 in aller Offenheit stattfanden, sagte Müller weiter. Mehr als 7.000 jüdische Geschäfte wurden im Deutschen Reich zerstört, rund 1.400 Synagogen brannten und mehr als 30.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert, davon allein rund 12.000 aus Berlin. Der 9. November sei deshalb Mahnung und Auftrag, betonte Müller.



Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, bemängelte in einer Ansprache eine abnehmende "Sympathie für die Demokratie". Zugleich rief er dazu auf, in Schulen und der Öffentlichkeit die Vorzüge der Demokratie und der grundlegenden Menschenrechte herauszustellen. Den Menschen müsse das Geschenk der Demokratie nähergebracht werden. Mit einer starken Demokratie in Deutschland würden auch die Opfer des 9. November geehrt, sagte Joffe. Weiter mahnte er an, dass noch zu wenige antisemitische Straftaten auch juristisch geahndet würden.