Und es gab ihn doch! Den Thesenanschlag

Tatsache

Illustration: Evangelische Verlagsanstalt/Klaas Neumann

Seit dem Ende der Reformationsfeierlichkeiten ist es ruhiger um Wittenberg geworden. Doch eine Pressekonferenz am Mittwoch könnte das ändern. Am 10. Oktober nämlich stellen Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr, beide wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten, ein kleines Büchlein vor, in dem sie behaupten, dass es ihn doch gegeben habe - den Thesenanschlag. Ein Gastbeitrag der Autoren.

Zwei Dinge haben uns im Reformationsjubiläum vergangenes Jahr besonders überrascht: Dass die mediale Öffentlichkeit so laute Zweifel an Luthers Thesenanschlag äußerte und dass aus der Reformationsforschung so laute Kritik an der Nutzung des wirkmächtigen "Hammer"-Bildes als Werbung für die Jubiläumsveranstaltungen kam. Das erste überraschte uns, weil die Forschung mittlerweile wieder überwiegend vom Thesenanschlag überzeugt ist, das zweite, weil wir geglaubt hatten, dass die mit Luther verbundenen Mythen und Bilder, wie sie vor allem aus dem 19. Jahrhundert stammen, im Lichte der neueren kultur- und ideengeschichtlichen Forschung längst entspannter beurteilt und zumindest als didaktische Chance verstanden werden, Reformationsgeschichte einem heutigen Publikum zu vermitteln.

In unserem Buch "Tatsache!" haben wir deshalb - ein Jahr nach dem Jubiläum - versucht darzulegen, warum aus unserer Sicht kein begründeter Zweifel daran möglich ist, dass Luthers Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 tatsächlich stattfand - und warum die Frage nach dem Thesenanschlag wichtiger ist, als sie auf den ersten Blick scheint. Zwar hätte es die Reformation selbstverständlich auch ohne Thesenanschlag gegeben, denn Luther hat seine Thesen nicht nur per Anschlag verbreitet, sondern auch brieflich verschickt. Aber ein Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche, einen Tag bevor dort der Reliquienschatz Friedrichs des Weisen für die zahlreich erwarteten Pilger ausgestellt wurde, wäre noch etwas anderes gewesen als der bloße Versuch eines Professors, mit seinen Kollegen ein theologisches Problem zu diskutieren: Es wäre, wie der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh festgestellt hat, ein "Akt des Protestes" gewesen.

Genau das war es auch. Mit seinen Thesen forderte Luther die Papstkirche seiner Zeit heraus - auch wenn er sich einige Jahre später noch wesentlich radikaler ausdrücken sollte. Luther selbst war der 31. Oktober 1517 so wichtig, dass er mit diesem Datum eine Namensänderung (von "Luder" zu "Luther") verknüpfte und sich unter seinen Freunden zeitweise "Eleutherius" nannte: "der Befreite". Und nur zehn Jahre nach dem Ereignis bezeichnete Luther in einem Brief diesen Tag als den Beginn seines Kampfes gegen den Ablass. Ein Thesenanschlag ist daher plausibel, denn er passt zu Luthers mit den Thesen verbundenem Selbstverständnis.

Und tatsächlich: Die Quellenlage spricht sehr deutlich für einen Thesenanschlag: Es gibt zwei explizite Zeugnisse für den Thesenanschlag, beide von engen Vertrauten Luthers, nämlich Philipp Melanchthon und Georg Rörer. Das ältere der beiden Zeugnisse, das von Rörer, stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den frühen 1540er Jahren, also aus einer Zeit, zu der Luther noch lebte. Darüber hinaus gibt es mit Johannes Agricola und Georg Major zwei potenzielle Augenzeugen, deren Berichte ebenfalls für den Thesenanschlag sprechen. Luthers eigene Schilderungen der Ereignisse lassen sich viel besser mit der Annahme eines Thesenanschlags vereinbaren als mit dem Gegenteil. Dass er selbst nie vom Anschlag der Thesen sprach, hängt mit der Alltäglichkeit des Vorgangs zusammen; immerhin ist aber für das Jahr 1517 ein weiterer Thesenanschlag belegt, den Luthers Kollege Andreas Bodenstein (besser bekannt als Karlstadt) verübte, und zwar nach eigenem Bekunden eigenhändig. Im Falle Luthers kennen wir sogar den Plakatdruck, der für den Thesenanschlag benutzt wurde, nämlich der des Leipziger Druckers Jacob Thanner.

Und was ist mit dem berühmt-berüchtigten Hammer? Im vergangenen Jahr wurde die Möglichkeit erwogen, dass Luther gar nicht mit Hammer und Nagel, sondern mit Leim und Pinsel beziehungsweise mit Siegelwachs zu Werke ging. Aber das ist wenig plausibel. Warum? Das verraten wir in unserem Buch...