Steinmeier bekennt Schuld an NS-Verbrechen in Weißrussland

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einem Besuch in Weißrussland der Opfer deutscher Kriegsverbrechen in dem osteuropäischen Land gedacht

Foto: epd-bild/Belarussisches Staatliches Museum der Geschichte des Groïßen Vaterländischen Krieges Minsk

Eine historische Aufnahme zeigt das "Wehrdorf" Maly Trostenez, eine NS-Vernichtungsstaette bei Minsk in Weißrussland.

Steinmeier bekennt Schuld an NS-Verbrechen in Weißrussland
Präses Kurschus würdigt Zeichen der Versöhnung
Maly Trostenez - die meisten kennen den Namen nicht. Dabei gilt es als die größte unter deutschem Befehl betriebene Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Eine Gedenkstätte soll den weitgehend unbekannten Schauplatz des Holocaust vorm Vergessen bewahren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einem Besuch in Weißrussland der Opfer deutscher Kriegsverbrechen in dem osteuropäischen Land gedacht. Bei der Eröffnung eines Gedenkortes am Freitag auf dem Gebiet der früheren Massenvernichtungsstätte Maly Trostenez in der Nähe von Minsk würdigte er zudem die Bereitschaft zur Versöhnung. Der Bau der Gedenkstätte wurde aus Deutschland mit einer Million Euro mitfinanziert. Unterstützung kam dabei auch von Kirchen.

Die Erinnerung an die Verbrechen der deutschen Besatzer in der damaligen Sowjetrepublik zwischen 1941 und 1944 bezeichnete Bundespräsident Steinmeier als eine "Verpflichtung, die niemals erlischt." Er fügte hinzu: "Und so stehe ich heute vor Ihnen - als Bundespräsident, als Deutscher und als Mensch - dankbar für die Zeichen der Versöhnung und voll Scham und Trauer über das Leid, das Deutsche über Ihr Land gebracht haben." Steinmeier ist der erste deutsche Bundespräsident, der das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 besucht.

Steinmeier erklärte, die NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg seien zielgerichtet geplant worden und hätten zu einer "Orgie der Vernichtung" geführt. In Weißrussland sei jeder vierte Bürger im Krieg getötet und mehr als 600 Dörfer vernichtet worden. 2015 hatte sich die deutsche Bundesregierung in Minsk für die Verbrechen der deutschen SS und Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges in der damaligen Sowjetrepublik Weißrussland entschuldigt.

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Auch der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen bekräftigte bei der Zeremonie die Mitschuld seines Landes an den NS-Verbrechen. Zu lange hätten sich Österreicher als die frühe NS-Opfer dargestellt, tatsächlich seien aber auch Österreicher Täter gewesen, sagte Van der Bellen an dem Ort, an dem mindestens 10.000 Juden aus Österreich erschossen oder in Gaswagen erstickt wurden.

Der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko hob das Leid der Opfer seines Landes hervor. Außer Juden waren das Kriegsgefangene, Partisanen oder Widerstandskämpfer. Auch Lukaschenko trat für einen Dialog in Europa ein.

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, betonte in Minsk die Bedeutung des Erinnerungsortes für den Frieden. Angesichts der gemeinsamen Geschichte sei das auch ein Zeichen der Versöhnung zwischen Deutschland und Weißrussland, sagte die Theologin, die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. "Auf dem Boden der Versöhnung können Hass und Rassismus nicht wachsen", unterstrich sie. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung mahnte eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur an.

Steinmeier, Lukaschenko und Van der Bellen gingen gemeinsam die etwa 500 Meter vom Eingang der Gedenkstätte bis zum sogenannten Platz des Todes. Es ist die Strecke, die zehntausende Menschen zu den Gruben gehen musste, vor denen sie erschossen wurden.

Am Mittag kamen Steinmeier und Lukaschenko zu einem Gespräch zusammen. Danach wollte Steinmeier in dem nach seinem Amtsvorgänger Johannes Rau benannten Zentrum des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks mit jungen Historikern über Möglichkeiten der Erinnerungskultur diskutieren.

Maly Trostenez gilt als die größte unter deutschem Befehl betriebene Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Die neue Gedenkstätte an dem in Deutschland weitgehend unbekannten Schauplatz des Holocaust wurde auf Initiative des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) aus Dortmund errichtet. Weißrussische Historiker gehen davon aus, dass bis zu 200.000 Menschen in Maly Trostenez getötet wurden. Zu den Opfern zählten Juden, die aus deutschen, österreichischen und tschechischen Städten deportiert wurden, sowie Menschen aus Mittel- und Osteuropa.

Maly Trostenez war der größte Vernichtungsort in Weißrussland während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Dort wurden unter deutschem Befehl mindestens 60.000 Menschen ermordet, meist Juden. Sie waren aus Hamburg, Köln, Düsseldorf, Bremen, Frankfurt Berlin, Wien und Prag in Zügen mit jeweils 1.000 Menschen zwischen 1941 und 1942 nach Minsk deportiert worden.

Die Massenerschießungen in Maly Trostenez, das heute auf dem Stadtgebiet von Minsk liegt, begannen im Frühjahr 1942. In 34 Massengräbern wurden die Leichen zunächst verscharrt. Damit wurde Maly Trostenez zu einem der Hauptschauplätze des "Holocaust mit Kugeln". "Vom Baby bis zum Greis wurden die Leute erbarmungslos erschossen. Manchmal hat man bei Babys noch die Kugeln gespart und sie lebendig in die Grube geworfen," sagt der Historiker und Direktor des Berliner Denkmals für die ermordeten Juden, Uwe Neumärker.

Als die sowjetische Rote Armee nach ihrem Sieg in der Schlacht von Stalingrad 1943 auf dem Vormarsch war, ordnete die deutsche Führung an, die Gräber auszuheben, die Toten auf letzte Wertsachen, etwa Zahngold, zu untersuchen und die Leichen zu verbrennen. Russische Gefangene, die dazu abkommandiert waren, wurden nach dieser sogenannten "Aktion 1005" ebenfalls erschossen.

Über die Zahl der Opfer sind deutsche und weißrussische Historiker uneins. Deutsche halten aufgrund der Deportationslisten etwa 60.000 Tote für belegt, weißrussische gehen von mindestens 200.000 Toten aus. "Allein die Menge der Asche belegt, dass es so viele sein müssen", sagt der orthodoxe Erzpriester von Minsk, Fjodor Powny.

Die deutsch-weißrussische Organisation Internationales Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) aus Dortmund setzt sich seit der Perestroika für Verständigung mit Weißrussland ein und hat nach Bekanntwerden der Verbrechen von Maly Trostenez den Bau einer Gedenkstätte angeregt. 2016 unterzeichneten das IBB und die Stadt Minsk eine Vereinbarung zur Errichtung des Mahnmals. Am 29. Juni wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier es nun einweihen. An der Finanzierung der Gedenkstätte haben sich auch das Auswärtige Amt, die Bethe-Stiftung und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge sowie private Spender, Kirchen und Kommunen aus Deutschland beteiligt.

 

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