Satt ist nicht genug: Biobauern in Brasilien und die lutherische Kirche

Frauen kochen in der Großküche der Landkooperative Obst und Gemüse ein.

Foto: Andreas Behn

Frauen kochen in der Großküche der Landkooperative Obst und Gemüse ein.

Satt ist nicht genug: Biobauern in Brasilien und die lutherische Kirche
Die Organisation CAPA fördert ökologische Landwirtschaft als Alternative zum Agrobusiness in Brasilien. Anstatt Landflucht zu betreiben, sollen brasilianische Bauern zur nachhaltigen Nutzung des Bodens biologische Produkte für ihre Arbeit verwenden. Das Projekt steht im Mittelpunkt der 58. Spendenaktion von Brot für die Welt "Satt ist nicht genug".

In der Großküche der Landkooperative herrscht Hochbetrieb. In riesigen Töpfen werden Obst und Gemüse eingekocht, heute sind es Orangen und Rote Beete. In einem weiteren Topf mit siedendem Wasser werden die Konservengläser desinfiziert. Schon am nächsten Tag können die Marmeladen, Süßmus und eingelegten Gemüsearten im Laden der Kooperative gekauft werden – alles aus biologischem Anbau und ohne chemische Zusatzstoffe verarbeitet.

Heute ist der Trubel am Herd besonders groß. Eine Gruppe Deutscher ist zu Besuch, Vertreter der Diakonie Mitteldeutschland, die die Arbeit des Projekts CAPA im Süden Brasiliens kennenlernen wollen. CAPA unterstützt Kleinbauern beim Umstieg auf biologische Produktion. Das Projekt wird seit langem von Brot für die Welt gefördert und steht dieses Jahr im Mittelpunkt der 58. Spendenaktion des Hilfswerks, die am ersten Advent mit einem Gottesdienst in Eisenach eröffnet wird.

Abwandern kommt nicht in Frage

"Viele Themen, mit denen wir uns bei dem Besuch in Brasilien beschäftigt haben, spielen auch bei uns eine große Rolle: Gesunde Ernährung, eine gerechte Verteilung des Landes, Bewahrung der Schöpfung", resümiert Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg. Zehn Tage lang war er mit fünf weiteren Kirchenvertretern aus seiner Region im September in Südbrasilien unterwegs. Grüneberg benennt den Widerspruch zwischen "Agrarkonzernen, die den Boden verseuchen, und den Menschen, die ökologischen Landwirtschaft betreiben, um sich besser zu ernähren". Es sei ein sehr interessanter, aber auch schwieriger Weg, den die Menschen hier in Brasilien gehen, sagt der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland. "Deswegen ist die Unterstützung von Brot für die Welt für CAPA wichtig und angebracht."

Tags darauf ist die Gruppe bei Familie Reck zu Gast. Maycon ist gerade dabei, Bananen zu ernten. Mit einem gezielten Hieb trennt er das Bananenbüschel von der Staude. Dann zerhackt er den Rest des Scheinstammes und der großen Blätter. "Noch sind die Früchte grün, aber schon in wenigen Tagen sind sie reif und können gegessen werden", sagt der junge Landwirt. Wie sein älterer Bruder arbeitet Maycon Reck begeistert auf dem Landgut mit. "Abwandern kommt für mich nicht in Frage", sagt er, und ist damit eine Ausnahme in der Landbevölkerung Brasiliens. Das Leben auf dem Land gilt als Plackerei, das wenig Einkommen bringt und weniger Perspektiven als in den Städten bietet.

Landgut der Familie Reck: "Das Geheimnis der Agrarökologie ist, dass du die Pflanzen so wachsen lässt, wie sie es von Natur aus mögen", erklärt Maycon (rechts im Bild)

Das ist auch im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná nicht anders. Doch für Maycon hat das Dasein als Bauer einen besonderen Anreiz: Seitdem sein Vater Waldir den Hof in der Nähe der Kleinstadt Cruzeiro do Iguaçu auf biologischen Anbau umgestellt hat, ist der Ackerbau für die Familie zu einer Art Experimentierwiese für Agrarökologie geworden. Maycon hält bei der Bananenernte inne und zeigt, wie Landwirtschaft ohne Zusätze von außen funktioniert: Die geschlagenen Stauden triefen vor Flüssigkeit, die sie peu à peu an den Boden abgeben. Daran laben sich wochenlang die frisch gepflanzten Wassermelonen, die mehr Wasser brauchen als der geringe Niederschlag dieser Jahreszeit bringt. Zugleich wirken die zersetzten Staudenreste als Langzeitdünger. Vor der Ernte dienten die Stauden als Schattenspender, beispielsweise für kleine Zitrusbäume. "Das Geheimnis der Agrarökologie ist, dass du die Pflanzen so wachsen lässt, wie sie es von Natur aus mögen", erklärt Maycon enthusiastisch.

Waldir Reck ist stolz auf seinen Sohn. Er selbst war auch ein Pionier der ökologischen Landwirtschaft. In jungen Jahren vergiftete er sich an den Pestiziden, mit denen er seine Pflanzungen besprühte. "Es war eine schreckliche Erfahrung, zuerst dachte ich, ich würde nie wieder gesund werden", erinnert sich Waldir. Ein Arzt verbot ihm den Kontakt mit Chemikalien und so suchte er nach Alternativen. Unter den Nachbarn gilt die Familie Reck als exotisch. Nicht, weil sie Nachfahren von deutschen Migranten sind, die zu Tausenden rund um den ersten Weltkrieg nach Brasilien einwanderten. Sondern weil sie auf Chemie in der Landwirtschaft verzichtet, was die meisten für "verrückt" halten.

Für CAPA ist die Familie ein gutes Beispiel, wie Menschen in einer schwierigen Lage zuerst unterstützt werden und schließlich ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen. Und heute auf alle Fälle gesünder leben als früher. Seit den 70er Jahren ist CAPA in Brasilien aktiv, zuerst im Bundesstaat Rio Grande do Sul und später auch in Santa Catarina und Paraná. Ursprünglich ging es der in Zusammenarbeit mit der lutherischen Kirche entworfenen Nichregierungsorganisation (NGO) darum, die Nachfahren von deutsche Siedlern zu motivieren, in der Region und damit auch in ihren lokalen kirchlichen Gemeinden zu bleiben. Zu der Zeit versuchte die Regierung, die spärlich besiedelten Gegenden im Westen des Landes, vor allem im Staat Mato Grosso, besser zu erschließen. Land und Kredite gab es besonders günstig, und einige Deutschstämmige waren bereits auf die Lockangebote eingegangen.

Schon bald gelang es mit CAPA, Zugang zu vielen Migranten mit deutschem Hintergrund zu bekommen. "Wir waren jedoch immer ein ökumenisches Projekt, das sich genauso an Brasilianer richtete wie an die Nachfahren deutscher Siedler", betont Jhony Luchmann, Koordinator von CAPA in der Kleinstadt Verê in Paraná. Zielgruppe von CAPA sind Kleinbauern, die im Spannungsfeld von Großgrundbesitz und giftiger Agrarwirtschaft ihre Perspektive verloren haben. Ihr Einkommen schrumpfte und sie waren nicht einmal mehr in der Lage, einen Teil ihrer Subsistenz zu produzieren. Erschreckendstes Beispiel war der Tabakanbau: Die Böden wurden aufgrund der Monokultur immer unfruchtbarer, die eingesetzten Gifte machten den Menschen zu schaffen und der sinkende Marktpreis verschärfte die Armut.

Verkaufs-Kooperative von CAPA

"Deswegen kann eine Förderung von familiärer Landwirtschaft nur erfolgreich sein, wenn sie auf einen Übergang zu biologischem Anbau hinausläuft", argumentiert Jhony. Es sei ein langwieriger Prozess, denn bis zur Entgiftung der Böden vergehen viele Jahre. Einige Bauern geben auch nach kurzer Zeit wieder auf, da sie in der Umstellung auf Bio keine finanziellen Perspektiven sehen. Capa-Koordinator Jhony: "Uns geht es um Ernährungssouveränität, denn es ist wichtig, gut und gesund zu essen, und die Abhängigkeit von belasteten Produkten der Lebensmittelindustrie zu verringern."

CAPA bietet Hunderten Landwirten technische Beratung bei der Produktion und hilft beim Vertrieb der Produkte. Zum Konzept gehört die Gründung von Kooperativen, um gemeinsam zu produzieren und einen besseren Marktzugang zu haben. Neben den wenigen Öko-Märkten verkaufen die Bio-Bauern inzwischen auch in lokalen Supermärkten. Das meiste setzen die CAPA-Bauern jedoch bei staatlichen Programmen ab, zum Beispiel beim Schulspeisungsprogramm PNAE.

Nahrung muss gesund und bezahlbar sein

Im Lauf der Jahre hat CAPA erkannt, dass es nicht ausreicht, nur die kleinbäuerlichen Betriebe zu fördern. "Aufgrund der harten Arbeit und ihrer geringen Wertschätzung hält die Landflucht an. Treibende Kraft dabei sind Jugendliche und Frauen, die angesichts der patriarchalen Familienstrukturen keine Perspektive haben", erklärt Ingrid Giesel, Koordinatorin von CAPA in der Stadt Erexim. Die NGO hat ihre Beratungsarbeit auf die ganze Familie ausgeweitet, und die Schaffung von Agrarschulen unterstützt, damit auch die Kinder einbezogen werden. Das Ziel ist klar, sagt Ingrid: "Wenn wir die Veralterung und Vermännlichung auf dem Land nicht aufhalten, wird die Landkonzentration weiter zunehmen, während die Migranten in den städtischen Armenvierteln einem ungewissen Schicksal entgegengehen."

Für Mareike Bethge von Brot für die Welt ist CAPA das richtige Projekt für die neue Spendenaktion zum Auftakt des Reformationsjubiläums. "Die Arbeit von CAPA macht deutlich, was wir mit unserer Kampagne 'Satt ist nicht genug' erreichen wollen", sagt Bethge. In der Landwirtschaft und bei der Produktion von Lebensmitteln dürften die Interessen großer Konzerne nicht im Mittelpunkt stehen. "Wir wollen vermitteln, dass Nahrung für alle bezahlbar und vor allem auch gesund sein muss", erklärt die Schwerpunktreferentin von Brot für die Welt.