Tiefseebergbau ohne Regeln: "Wir müssen uns einmischen"

Finger auf kleiner Weltkugel

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Auch beim Thema Tiefseebergbau heißt es, verantwortlich mit der Erde umzugehen

Deutschland spricht 2019
Tiefseebergbau ohne Regeln: "Wir müssen uns einmischen"
Ein Interview mit Francisco Marí über Chancen und Risiken des Tiefseebergbaus und seine Hoffnungen für den G7-Gipfel in Elmau.

Herr Marí, Sie überraschen uns: Brot für Welt beschäftigt sich mit dem Tiefseebergbau. Wie passt das zusammen?

Francisco Marí: Wir sind ja leider seit Jahrzehnten damit beschäftigt, dass viele unserer Partnerorganisationen in aller Welt mit Ressourcenabbau, Bergbau und Offshore-Förderung von Öl konfrontiert sind. Was immer wieder zu Einschränkungen der Lebensverhältnisse oder  Menschenrechtsverletzungen führt. Konflikte, mit denen dann auch Kirchen und unsere Partnerorganisationen konfrontiert sind. Sobald Menschen betroffen sind, wir in einer Region Partner haben und internationale Akteure dort auftreten, die Tiefseebergbau betreiben wollen, müssen wir uns einmischen.

Auch im Pazifik.

Mari:  Ja, beispielsweise ist die Bismark Ramu Group eine Organisation in Papua-Neuguinea, die vor allem Gemeindearbeit macht. Sie versucht die Menschen zu ermutigen, ihre sozialen und politischen Rechte in Anspruch zu nehmen. Vor allem gegenüber Bergbau-Interessen.

Sie referierten kürzlich auf einem Symposium über Tiefseebergbau des Bundesamtes für Seeschifffahrt. Was war Ihre Botschaft an die versammelte Forschungsprominenz?

Mari: Unsere Sorge ist, dass die Zusammenarbeit von Forschung und Unternehmen dazu verführt, die kritische Distanz gegenüber wirtschaftlichen Interessen in einem ökologisch so sensiblen Gebiet wie dem Meeresboden zu verlieren. Es wäre wünschenswerter, Grundlagenforschung würde ausschließlich öffentlich finanziert. Wir können aber nachvollziehen, dass momentan die Forscherinnen auf die Tauchroboter der Industrie zurückgreifen.

"Küstennaher Tiefseebergbau ohne echte Regeln - das ist für uns nicht akzeptierbar"

Auf Jamaika will die Internationale Meeresbodenbehörde Regeln für den zukünftigen Abbau auf Hoher See festlegen. Doch das ist Zukunftsmusik. Viel weiter gediehen ist der Abbau von Rohstoffen in Gewässern, die zu den Ausschließlichen Wirtschaftszonen jedes Staates gehören, bis 200 Seemeilen vor der Küste. Droht nun ein Zwei-Klassen-Abbau?

Mari: Ja, ganz stark. Und zwar, weil noch gar keine Regeln in diesen nationalen Gewässern existieren. Für Unternehmen ist das lukrativ. Stattdessen werden die allgemeinen Bergbauregeln genommen. Vor Papua-Neuguinea wird wahrscheinlich der erste Tiefseebergbau stattfinden. Die Vorbereitungen laufen bereits. Das ist für uns nicht akzeptierbar: Dort gibt es dann küstennahen Tiefseebergbau ohne echte Regeln ‑ und auf den Weltmeeren soll nach hohen Standards geschürft werden.

Woran mangelt es normalen Bergbauregeln?

Mari: Vor allem ist die ökologische Situation im Ozean dermaßen unbekannt. Die Forschung steht erst am Anfang. Und es gibt keine Erfahrungen mit Bergbau in der Tiefsee. In Papua-Neuguinea gibt es keine Regeln für die Einbeziehung der Zivilgesellschaft und der Betroffenen – auch an Land. Dort entsteht aber beispielsweise die Logistik für die Bohr- und Förderschiffe.

Experten halten auch die spätere Verhüttung der Erze an Land für eine Gefahr.

Mari: Die Verhüttung - zumindest in Papua-Neuguinea - soll nicht vor Ort stattfinden. In anderen Regionen könnte es aber zu Konflikten mit Umwelt- und Menschenrechten kommen, wie wir das schon vom Aufbau großer Metall- und Verhüttungswerke in Entwicklungsländern her kennen.

Tiefseebergbau und die Logistik drum herum wären doch aber auch für viele Länder eine Chance, quasi bei Null mit modernen, umweltverträglichen Techniken zu arbeiten?

Mari: Das ist nicht auszuschließen. Aber unsere Sorge ist, dass es keine ökologische und soziale Absicherung für die Menschen vor Ort gibt und die Gewinne abfließen. Doch auch wenn es anders käme, ist die ganze Richtung verkehrt. Dieser Run auf die letzten Flecken der Erde ist falsch.

Alternative "Recycling"?

Mari: Recycling und Effizienz beim Einsatz von Rohstoffen.

Aber das dürfte auf Dauer nicht ausreichen, um die Wirtschaft mit Rohstoffen zu versorgen...

Mari: Das wird sicherlich der Fall sein. Daher setzen wir beispielsweise auf den Dialog mit der Internationalen Meeresbehörde in Jamaika, um weltweit gleiche Regeln zu schaffen. Auch in Küstenregionen. Bestimmte Risiken sollten wir nicht auf uns nehmen. Und nicht alles technisch Machbare umsetzen. Bei Öl und Kohle gibt es ja solche Nicht-Förderungsentscheidungen.

"Einige Eliten kassieren. Und die küstennahe Erz-Förderung gefährdet die Fischerei"

Rohstoffreichtum vor der Küste könnte doch ein Segen sein für die Menschen?

Mari: Entgegen allen Behauptungen machen wir seit vierzig Jahren die Erfahrung, dass hohe Einnahmen aus Rohstoffen selten ein Segen für Länder gewesen sind. Das droht nun beispielsweise vielen Inseln im Pazifik mit wenigen tausend Bewohnern. Einige Eliten kassieren. Und die küstennahe Erz-Förderung gefährdet die Fischerei. Was die Existenzsicherung der Bevölkerung bedroht.

Das "Erbe der Menschheit", Rohstoffe aus dem Meer, stehen auf dem Gipfelfahrplan der G7 in Elmau. Was erwarten Sie von Angela Merkel?

Mari: Die Bundeskanzlerin hat sich in der Vorbereitung des G7-Gipfels mit Wissenschaftlern getroffen. Und klare Aussagen getätigt: Die Bundesrepublik werde nur unter hohen umwelt- und entwicklungspolitischen Standards Tiefseebergbau überhaupt zulassen. Und Frau Merkel setzt sich für eine Stärkung der Internationalen Meeresbodenbehörde ein. Es wäre ein großer Erfolg, wenn sich diese Positionen in der Abschlusserklärung des Gipfels wiederfänden. Damit wären dann auch die USA mit im Boot, die bislang der Meeresbodenbehörde nur als Beobachter beisitzen. Wir sind großer Hoffnung.

Die Vereinten Nationen wollen im September die Nachhaltigkeitsziele für die Welt festschreiben. Welche Rolle dabei Ozeane und Tiefseebergbau spielen, ist noch offen?

Mari: Bislang ist der Tiefseebergbau nicht ausdrücklich erwähnt. Vor zwei, drei Jahren, als die Diskussion in der UN anfing, war der Tiefseebergbau noch nicht so ein großes Thema wie heute. Der hohe Rang, den der Ozean in den Nachhaltigkeitszielen hat, könnte dadurch konterkariert werden. Man kann sich nicht weltweit eine große Zahl von Meeresschutzzonen vornehmen, einen besseren Zustand der Weltmeere in fünfzehn Jahren fordern und das so sensible Gebiet der Tiefsee, von dem man noch nicht einmal weiß, wie es zum Gesamtsystem Ozean beiträgt, außen vor lassen. Die Trennung Nord-Süd, Industrie- und Schwellenländer, Wirtschaft und Entwicklung könnte durch die Nachhaltigkeitsziele endlich aufgehoben werden. Eine große Chance. Auch, um den Tiefseebergbau ganz sein zu lassen.