Tiefseebergbau ohne Regeln: "Wir müssen uns einmischen"

Finger auf kleiner Weltkugel
Getty Images/iStockphoto/Gandolfo Cannatella
Auch beim Thema Tiefseebergbau heißt es, verantwortlich mit der Erde umzugehen
Tiefseebergbau ohne Regeln: "Wir müssen uns einmischen"
Ein Interview mit Francisco Marí über Chancen und Risiken des Tiefseebergbaus und seine Hoffnungen für den G7-Gipfel in Elmau.

Herr Marí, Sie überraschen uns: Brot für Welt beschäftigt sich mit dem Tiefseebergbau. Wie passt das zusammen?

Francisco Marí: Wir sind ja leider seit Jahrzehnten damit beschäftigt, dass viele unserer Partnerorganisationen in aller Welt mit Ressourcenabbau, Bergbau und Offshore-Förderung von Öl konfrontiert sind. Was immer wieder zu Einschränkungen der Lebensverhältnisse oder  Menschenrechtsverletzungen führt. Konflikte, mit denen dann auch Kirchen und unsere Partnerorganisationen konfrontiert sind. Sobald Menschen betroffen sind, wir in einer Region Partner haben und internationale Akteure dort auftreten, die Tiefseebergbau betreiben wollen, müssen wir uns einmischen.

Auch im Pazifik.

Mari:  Ja, beispielsweise ist die Bismark Ramu Group eine Organisation in Papua-Neuguinea, die vor allem Gemeindearbeit macht. Sie versucht die Menschen zu ermutigen, ihre sozialen und politischen Rechte in Anspruch zu nehmen. Vor allem gegenüber Bergbau-Interessen.

Sie referierten kürzlich auf einem Symposium über Tiefseebergbau des Bundesamtes für Seeschifffahrt. Was war Ihre Botschaft an die versammelte Forschungsprominenz?

Mari: Unsere Sorge ist, dass die Zusammenarbeit von Forschung und Unternehmen dazu verführt, die kritische Distanz gegenüber wirtschaftlichen Interessen in einem ökologisch so sensiblen Gebiet wie dem Meeresboden zu verlieren. Es wäre wünschenswerter, Grundlagenforschung würde ausschließlich öffentlich finanziert. Wir können aber nachvollziehen, dass momentan die Forscherinnen auf die Tauchroboter der Industrie zurückgreifen.

"Küstennaher Tiefseebergbau ohne echte Regeln - das ist für uns nicht akzeptierbar"

Auf Jamaika will die Internationale Meeresbodenbehörde Regeln für den zukünftigen Abbau auf Hoher See festlegen. Doch das ist Zukunftsmusik. Viel weiter gediehen ist der Abbau von Rohstoffen in Gewässern, die zu den Ausschließlichen Wirtschaftszonen jedes Staates gehören, bis 200 Seemeilen vor der Küste. Droht nun ein Zwei-Klassen-Abbau?

Mari: Ja, ganz stark. Und zwar, weil noch gar keine Regeln in diesen nationalen Gewässern existieren. Für Unternehmen ist das lukrativ. Stattdessen werden die allgemeinen Bergbauregeln genommen. Vor Papua-Neuguinea wird wahrscheinlich der erste Tiefseebergbau stattfinden. Die Vorbereitungen laufen bereits. Das ist für uns nicht akzeptierbar: Dort gibt es dann küstennahen Tiefseebergbau ohne echte Regeln ‑ und auf den Weltmeeren soll nach hohen Standards geschürft werden.

Woran mangelt es normalen Bergbauregeln?

Mari: Vor allem ist die ökologische Situation im Ozean dermaßen unbekannt. Die Forschung steht erst am Anfang. Und es gibt keine Erfahrungen mit Bergbau in der Tiefsee. In Papua-Neuguinea gibt es keine Regeln für die Einbeziehung der Zivilgesellschaft und der Betroffenen – auch an Land. Dort entsteht aber beispielsweise die Logistik für die Bohr- und Förderschiffe.

Mehr zu G7
<div class="field-zusatzinfo field-info-zusatzinfo-verwendung-1"><p>Die Beschlüsse von Elmau im Überblick:<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>ERNÄHRUNG:</strong> Die Staats- und Regierungschefs stellen für den Kampf gegen den globalen Hunger zusätzlich 4,5 Milliarden US-Dollar (rund 4,3 Milliarden Euro) bereit. Damit kommen die sieben großen demokratischen Industriestaaten in diesem Jahr nach eigenen Angaben insgesamt auf mehr als 13 Milliarden Euro. Laut UN sind umgerechnet 44 Milliarden Euro nötig, um die aktuelle Nahrungsmittelkrise wirksam einzudämmen. Bislang hatten Geberländer nur etwa die Hälfte zugesagt. Russland wird zudem erneut aufgerufen, bedingungslos die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen zu beenden, durch die die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Weizen behindert wird.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>UKRAINE-KRIEG:</strong> Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der per Video zugeschaltet wurde, sagten die G7-Staaten finanzielle, humanitäre, militärische und diplomatische Hilfen "so lange wie nötig" zu. Sanktionen gegen Russland sollen intensiviert und russische Einnahmequellen verringert werden. Explizit genannt wurde Gold. Dem ukrainischen Staatshaushalt sollen für dieses Jahr bis zu 28 Milliarden Euro zur Versorgung der Bevölkerung bereitgestellt werden. In diesem Jahr haben die G7-Länder nach eigenen Angaben umgerechnet mehr als 2,6 Milliarden Euro an humanitärer Hilfe zugesagt. Die G7-Staaten äußerten ihre Unterstützung für eine internationale Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>KLIMAZIELE UND KLIMACLUB:</strong> Laut Abschlusserklärung reichen die bisherigen Maßnahmen zur Treibhausgasreduzierung nicht aus, um die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht. Bis 2030 müssten die globalen Treibhausgase um 43 Prozent im Vergleich zu 2019 zu sinken, um Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen. Angestrebt wird bis Ende 2022 die Gründung eines Klimaclubs von Ländern, die den Kampf gegen die Erderwärmung vorantreiben sollen. Er soll dafür sorgen, dass keine wirtschaftlichen Nachteile durch Klimaschutz entstehen und CO2-Emissionen nicht in andere Länder mit weniger strengen Regeln verlagert werden.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>ENERGIE:</strong> Bis 2035 wollen die G7-Staaten bei der Stromerzeugung weitgehend oder vollständig aus fossilen Energieträgern aussteigen. Dazu sollen erneuerbare Energien massiv ausgebaut werden. Diejenigen Staaten, die auf Atomkraft setzen, unterstreichen deren Bedeutung für ihren Energie-Mix. Das Ziel, aus der internationalen Finanzierung fossiler Energieträger möglichst rasch auszusteigen, wird angesichts des Ukraine-Krieges in der Abschlusserklärung allerdings relativiert. Es sei nötig, vorübergehend neue Gas-Projekte zu fördern, um von russischem Gas unabhängig zu werden. Dies müsse aber im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens stehen.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>KLIMAHILFEN FÜR ARME LÄNDER:</strong> Die G7-Staaten bekräftigen die Finanzierungs-Beschlüsse vergangener Klimakonferenzen. Dazu zählt das bislang unerfüllte Versprechen, 100 Milliarden US-Dollar jährlich für Klimaschutz und Anpassung in armen Länder bereitzustellen. Es sollte ursprünglich 2020 eingelöst sein, nun wird 2023 angepeilt. Der Beschluss von Elmau geht nicht über bisherige internationale Vereinbarungen hinaus. Zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste in armen Staaten soll ein Programm für Klimarisikoversicherungen ausgebaut werden. Konkrete Mittel dafür werden aber nicht genannt.<br />
•&nbsp; &nbsp; <strong>INVESTITIONEN:</strong> Gemeinsam mit Entwicklungs- und Finanzinstitutionen sowie dem Privatsektor wollen die G7-Staaten knapp 600 Milliarden US-Dollar (etwa 570 Milliarden Euro) bis zum Jahr 2027 in Projekte rund um den Globus zu investieren. Dabei geht es um Bereiche, die kritisch sind für Entwicklung, globale Sicherheit und Energiesicherheit, Gesundheit, Digitalisierung, Gleichberechtigung und Klima.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>DEMOKRATIE:</strong> Gemeinsam mit den Gastländern Argentinien, Indien, Indonesien, Senegal und Südafrika bekennen sich die G7 dazu, die Wehrhaftigkeit von Demokratien zu stärken und gemeinsam auf gerechte Lösungen für globale Krisen hinzuarbeiten. Weltweit wollen sie freie Wahlen unterstützen, die Meinungsfreiheit online und offline verteidigen ebenso wie die Unabhängigkeit der Presse.</p>

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Experten halten auch die spätere Verhüttung der Erze an Land für eine Gefahr.

Mari: Die Verhüttung - zumindest in Papua-Neuguinea - soll nicht vor Ort stattfinden. In anderen Regionen könnte es aber zu Konflikten mit Umwelt- und Menschenrechten kommen, wie wir das schon vom Aufbau großer Metall- und Verhüttungswerke in Entwicklungsländern her kennen.

Tiefseebergbau und die Logistik drum herum wären doch aber auch für viele Länder eine Chance, quasi bei Null mit modernen, umweltverträglichen Techniken zu arbeiten?

Mari: Das ist nicht auszuschließen. Aber unsere Sorge ist, dass es keine ökologische und soziale Absicherung für die Menschen vor Ort gibt und die Gewinne abfließen. Doch auch wenn es anders käme, ist die ganze Richtung verkehrt. Dieser Run auf die letzten Flecken der Erde ist falsch.

Alternative "Recycling"?

Mari: Recycling und Effizienz beim Einsatz von Rohstoffen.

Aber das dürfte auf Dauer nicht ausreichen, um die Wirtschaft mit Rohstoffen zu versorgen...

Mari: Das wird sicherlich der Fall sein. Daher setzen wir beispielsweise auf den Dialog mit der Internationalen Meeresbehörde in Jamaika, um weltweit gleiche Regeln zu schaffen. Auch in Küstenregionen. Bestimmte Risiken sollten wir nicht auf uns nehmen. Und nicht alles technisch Machbare umsetzen. Bei Öl und Kohle gibt es ja solche Nicht-Förderungsentscheidungen.

"Einige Eliten kassieren. Und die küstennahe Erz-Förderung gefährdet die Fischerei"

Rohstoffreichtum vor der Küste könnte doch ein Segen sein für die Menschen?

Mari: Entgegen allen Behauptungen machen wir seit vierzig Jahren die Erfahrung, dass hohe Einnahmen aus Rohstoffen selten ein Segen für Länder gewesen sind. Das droht nun beispielsweise vielen Inseln im Pazifik mit wenigen tausend Bewohnern. Einige Eliten kassieren. Und die küstennahe Erz-Förderung gefährdet die Fischerei. Was die Existenzsicherung der Bevölkerung bedroht.

Das "Erbe der Menschheit", Rohstoffe aus dem Meer, stehen auf dem Gipfelfahrplan der G7 in Elmau. Was erwarten Sie von Angela Merkel?

Mari: Die Bundeskanzlerin hat sich in der Vorbereitung des G7-Gipfels mit Wissenschaftlern getroffen. Und klare Aussagen getätigt: Die Bundesrepublik werde nur unter hohen umwelt- und entwicklungspolitischen Standards Tiefseebergbau überhaupt zulassen. Und Frau Merkel setzt sich für eine Stärkung der Internationalen Meeresbodenbehörde ein. Es wäre ein großer Erfolg, wenn sich diese Positionen in der Abschlusserklärung des Gipfels wiederfänden. Damit wären dann auch die USA mit im Boot, die bislang der Meeresbodenbehörde nur als Beobachter beisitzen. Wir sind großer Hoffnung.

Die Vereinten Nationen wollen im September die Nachhaltigkeitsziele für die Welt festschreiben. Welche Rolle dabei Ozeane und Tiefseebergbau spielen, ist noch offen?

Mari: Bislang ist der Tiefseebergbau nicht ausdrücklich erwähnt. Vor zwei, drei Jahren, als die Diskussion in der UN anfing, war der Tiefseebergbau noch nicht so ein großes Thema wie heute. Der hohe Rang, den der Ozean in den Nachhaltigkeitszielen hat, könnte dadurch konterkariert werden. Man kann sich nicht weltweit eine große Zahl von Meeresschutzzonen vornehmen, einen besseren Zustand der Weltmeere in fünfzehn Jahren fordern und das so sensible Gebiet der Tiefsee, von dem man noch nicht einmal weiß, wie es zum Gesamtsystem Ozean beiträgt, außen vor lassen. Die Trennung Nord-Süd, Industrie- und Schwellenländer, Wirtschaft und Entwicklung könnte durch die Nachhaltigkeitsziele endlich aufgehoben werden. Eine große Chance. Auch, um den Tiefseebergbau ganz sein zu lassen.