Vor dem ersten Spatenstich: Verhandlungen über Tiefseebergbau bei G7

Ein Expeditions-Tauchboot sammelt hydrothermales Sulfid im Indischen Ozean
imago/Xinhua
Ein Expeditions-Tauchboot sammelt hydrothermales Sulfid im Indischen Ozean
Vor dem ersten Spatenstich: Verhandlungen über Tiefseebergbau bei G7
Rechtzeitig zum G7-Gipfel unterzeichnet die Bundesregierung einen exklusiven Lizenzvertrag zur Exploration von Industrierohstoffen in der Tiefsee. Tausend Kilometer vor Madagaskar locken "polymetallische Sulfide" die deutsche Industrie magisch an. Diese sogenannten Schwarzen Raucher enthalten wichtige Mineralien für Hochtechnologieprodukte.

"Spannende Zeiten" erleben wir im Tiefseebergbau. Davon ist David Wilkens vom Bundeswirtschaftsministerium felsenfest überzeugt. Schließlich startet gerade eine neue Ära: Wilkens führt die deutsche Delegation an, die ab Juli mit der Internationalen Meeresbodenbehörde in Kingston auf Jamaika erstmals über weltweite Abbauregeln für Rohstoffe aus dem Meer verhandeln wird. Die Zeit drängt, denn schon 2016 könnten die ersten Bagger abertausende Meter unter der Wasseroberfläche anrollen.

Vorher wird das "Erbe der Menschheit" ‑ die Industrierohstoffe im Meer ‑ einen Schwerpunkt auf dem G7-Gipfel bilden, der zurzeit im bayerischen Elmau tagt. Die Reglementierung des Tiefseebergbaus geht damit in seine entscheidende Phase. Auch Deutschland baut zukünftig auf Industrierohstoffe auf hoher See. Nii Allotey Odunton, Generalsekretär der Internationalen Meeresbodenbehörde, unterzeichnete im Mai im Bundeswirtschaftsministerium in der Berliner Scharnhorststraße einen Lizenzvertrag zur Erkundung von Sulfid-Lagerstätten im Indischen Ozean. "Die Vertragsunterzeichnung ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem umweltgerechten und nachhaltigen Tiefseebergbau", lobt der Sprecher von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) in Berlin die weltweite Übereinkunft. Skeptischer ist man da im Deutschen Bundestag. Die Parlamentarier müssen sich mit kritischen Anträgen der Linkspartei und der Grünen auseinandersetzen, die sich um soziale und umweltpolitische Risiken des maritimen Bergbaus sorgen.

Seltene Metalle, Gold und Kupfer aus "Schwarzen Rauchern"

Das deutsche Vertragsgebiet umfasst Hundert jeweils zehn mal zehn Kilometer große Claims. Deutschland kann dort nun fünfzehn Jahre lang exklusiv in 3.000 bis 4.000 Metern Tiefe nach Industrierohstoffen in "Schwarzen Rauchern" suchen ‑ Quellen, die aus dem vulkanischen Untergrund sprudeln und neben seltenen Metallen Gold und Kupfer enthalten. Im Oktober wird die zuständige Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) dann mit einem niederländischen Forschungsschiff ihre erste Expedition nach der Lizenzvergabe starten.

Aufbruchstimmung herrscht ebenfalls unter den Herstellern von Meerestechnologien. "Seit 2012 hat der Tiefseebergbau in Deutschland Fahrt aufgenommen", freut sich Michael Jarowinsky auf einem Fachkongress in Hamburg. Dank eines Strategiepapiers der schwarz-gelben Bundesregierung. Der Chef der Lobbyorganisation Deep Sea Mining Alliance erwartet infolge der neuen Lizenz nun "einen Push". Mit ganz handfesten Aufträgen für die Industrie: Der Verband plant einen "Pilot Mining Test", so ein Sprecher in Hamburg ‑ also Bergbau unter Echtzeitbedingungen. Mit finanzieller Unterstützung aus Berlin und Brüssel. Die Lobby-Allianz arbeitet mit Firmen aus Polen, Frankreich und Singapur zusammen, die ebenfalls Zugriff auf Lizenzgebiete haben und über Abbau-Know-how verfügen.

Mehr zu G7
<div class="field-zusatzinfo field-info-zusatzinfo-verwendung-1"><p>Die Beschlüsse von Elmau im Überblick:<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>ERNÄHRUNG:</strong> Die Staats- und Regierungschefs stellen für den Kampf gegen den globalen Hunger zusätzlich 4,5 Milliarden US-Dollar (rund 4,3 Milliarden Euro) bereit. Damit kommen die sieben großen demokratischen Industriestaaten in diesem Jahr nach eigenen Angaben insgesamt auf mehr als 13 Milliarden Euro. Laut UN sind umgerechnet 44 Milliarden Euro nötig, um die aktuelle Nahrungsmittelkrise wirksam einzudämmen. Bislang hatten Geberländer nur etwa die Hälfte zugesagt. Russland wird zudem erneut aufgerufen, bedingungslos die Blockade der ukrainischen Schwarzmeerhäfen zu beenden, durch die die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Weizen behindert wird.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>UKRAINE-KRIEG:</strong> Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der per Video zugeschaltet wurde, sagten die G7-Staaten finanzielle, humanitäre, militärische und diplomatische Hilfen "so lange wie nötig" zu. Sanktionen gegen Russland sollen intensiviert und russische Einnahmequellen verringert werden. Explizit genannt wurde Gold. Dem ukrainischen Staatshaushalt sollen für dieses Jahr bis zu 28 Milliarden Euro zur Versorgung der Bevölkerung bereitgestellt werden. In diesem Jahr haben die G7-Länder nach eigenen Angaben umgerechnet mehr als 2,6 Milliarden Euro an humanitärer Hilfe zugesagt. Die G7-Staaten äußerten ihre Unterstützung für eine internationale Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>KLIMAZIELE UND KLIMACLUB:</strong> Laut Abschlusserklärung reichen die bisherigen Maßnahmen zur Treibhausgasreduzierung nicht aus, um die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht. Bis 2030 müssten die globalen Treibhausgase um 43 Prozent im Vergleich zu 2019 zu sinken, um Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen. Angestrebt wird bis Ende 2022 die Gründung eines Klimaclubs von Ländern, die den Kampf gegen die Erderwärmung vorantreiben sollen. Er soll dafür sorgen, dass keine wirtschaftlichen Nachteile durch Klimaschutz entstehen und CO2-Emissionen nicht in andere Länder mit weniger strengen Regeln verlagert werden.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>ENERGIE:</strong> Bis 2035 wollen die G7-Staaten bei der Stromerzeugung weitgehend oder vollständig aus fossilen Energieträgern aussteigen. Dazu sollen erneuerbare Energien massiv ausgebaut werden. Diejenigen Staaten, die auf Atomkraft setzen, unterstreichen deren Bedeutung für ihren Energie-Mix. Das Ziel, aus der internationalen Finanzierung fossiler Energieträger möglichst rasch auszusteigen, wird angesichts des Ukraine-Krieges in der Abschlusserklärung allerdings relativiert. Es sei nötig, vorübergehend neue Gas-Projekte zu fördern, um von russischem Gas unabhängig zu werden. Dies müsse aber im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens stehen.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>KLIMAHILFEN FÜR ARME LÄNDER:</strong> Die G7-Staaten bekräftigen die Finanzierungs-Beschlüsse vergangener Klimakonferenzen. Dazu zählt das bislang unerfüllte Versprechen, 100 Milliarden US-Dollar jährlich für Klimaschutz und Anpassung in armen Länder bereitzustellen. Es sollte ursprünglich 2020 eingelöst sein, nun wird 2023 angepeilt. Der Beschluss von Elmau geht nicht über bisherige internationale Vereinbarungen hinaus. Zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste in armen Staaten soll ein Programm für Klimarisikoversicherungen ausgebaut werden. Konkrete Mittel dafür werden aber nicht genannt.<br />
•&nbsp; &nbsp; <strong>INVESTITIONEN:</strong> Gemeinsam mit Entwicklungs- und Finanzinstitutionen sowie dem Privatsektor wollen die G7-Staaten knapp 600 Milliarden US-Dollar (etwa 570 Milliarden Euro) bis zum Jahr 2027 in Projekte rund um den Globus zu investieren. Dabei geht es um Bereiche, die kritisch sind für Entwicklung, globale Sicherheit und Energiesicherheit, Gesundheit, Digitalisierung, Gleichberechtigung und Klima.<br />
•&nbsp;&nbsp; &nbsp;<strong>DEMOKRATIE:</strong> Gemeinsam mit den Gastländern Argentinien, Indien, Indonesien, Senegal und Südafrika bekennen sich die G7 dazu, die Wehrhaftigkeit von Demokratien zu stärken und gemeinsam auf gerechte Lösungen für globale Krisen hinzuarbeiten. Weltweit wollen sie freie Wahlen unterstützen, die Meinungsfreiheit online und offline verteidigen ebenso wie die Unabhängigkeit der Presse.</p>

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Andernorts ist man bereits weiter als in Deutschland: Russland und China könnten ab 2016 mit dem Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee beginnen. Dazu müssten sie allerdings im Sommer den Zuschlag der Meeresbodenbehörde auf Jamaika erhalten. Angesichts immer noch hoher Rohstoffpreise würden sich solche Projekte nach Auffassung der Geo-Bundesanstalt in Hannover durchaus rechnen. Jedoch fehle es an Technik: "Die ist noch nicht gebaut." Mit "teuren Kinderkrankheiten" sei daher zu rechnen.

Das wegweisende Pilotprojekt für den kommerziellen Tiefseebergbau findet vor Papua-Neuguinea statt. Im Pazifik bereitet der in Kanada registrierte multinationale Konzern Nautilus Minerals den Abbau von Manganknollen vor. Noch in diesem Jahr könnten dort erstmals rohstoffreiche Manganknollen in großen Mengen zu kommerziellen Zwecken aus der Tiefsee gefördert werden.

Küstenregionen wie vor Papua-Neuguinea gelten unter Juristen als besonders problematisch. Rund 370 Kilometer ragen die nationalen "Ausschließlichen Wirtschaftszonen" in die Meere  hinein ‑ dafür allein verantwortlich ist der jeweilige Küstenstaat. Für den von Deutschland abgesteckten Claim gilt dagegen das Seerechtsübereinkommen (SRÜ) der Vereinten Nationen. SRÜ regelt grob die Erforschung und Ausbeutung des "Gemeinsamen Erbes der Menschheit". So müsste der zukünftige Ertrag aus dem Meeresbergbau zur Hälfte an arme Länder fließen. Und der Schutz der Meeresumwelt muss gewährleistet sein. Was das konkret bedeutet, ist allerdings auch unter den 167 Mitgliedsstaaten der Meeresbodenbehörde heftig umstritten.

Karin Lochte sieht allerdings Grund zum Optimismus. "Zum ersten  Mal besteht die Chance, eine kommerzielle Nutzung der Meere gut und umfassend zu regeln – vor dem ersten Spatenstich", sagt die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. Dessen Wissenschaftler forschen seit Jahrzehnten in der Arktis und den Ozeanen und sehen sich gut auf die ökologischen Herausforderungen vorbereitet. Aber, gesteht die Nummer eins unter Deutschlands Tiefseeexperten, viele Fragen sind noch ungeklärt. Der G7-Gipfel könnte einen Beitrag leisten, das zu ändern.