Spiritus

Spiritus: geistvoll in die Woche

Wer ist dieser Jesus?

Wer ist dieser Jesus?
Zwei Geschichten übers Schlafen

Die bewegendste Geschichte der Passionszeit, die ich kenne, spielt in der Karwoche. Ganz am Schluss. Es ist die von den schlafenden Jüngern (Mt 26,36-40). Als Jesus im Garten Gethsemane zu seinen Jüngern sagt: Setzt euch hier, während ich dorthin gehe und bete. Als er Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich nimmt. Und ihn Traurigkeit und Angst ergreift. Als er den dreien sagt: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir. Und er weitergeht und sich auf sein Gesicht wirft und betet: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst. Und zu seinen Jüngern zurückkehrt. Und sie schlafen. Und er zu Petrus sagt: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?

Jedesmal bricht es mir das Herz, wenn ich diese Stelle lese oder in der Matthäus-Passion höre. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst einmal an diesem Felsen war, auf dem sich Jesus zu Boden geworfen hatte, mit all seiner Angst und Traurigkeit. Ich war fast allein in der Kirche gewesen, in der sich der Felsen befindet, und ich hatte alles um mich herum vergessen. Ich hörte nichts, und ich sah niemanden. Ich sah nur den Felsen, ich berührte ihn und … Jesus war da. Er war da, mit seiner Verzweiflung und seinem Flehen, mit seinem Rufen und seinen Tränen. Er war da, mit mir. Und ich kniete nieder und legte meine Hand auf den Boden, den Felsen seiner Tränen. Und ich betete und weinte und betete und weinte. Wir, er und ich. Ich und er.

Diese Verzweiflung, dass seine Jünger schliefen. Diese totale Einsamkeit. Und seine Gott-Ergebenheit. Trotz alledem. Das ist kaum auszuhalten.

Und dann ist da die andere Geschichte vom Schlafen. Die auf dem See Genezareth (Mt 8,23-27). Als Jesus in das Boot steigt und seine Jünger ihm folgen. Als sich auf dem See ein gewaltiger Sturm erhebt, sodass das Boot von den Wellen überflutet wird. Als seine Jünger von Angst erfüllt sind. Und Jesus schläft. Als seine Jünger ihn wecken und rufen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! Und er zu ihnen sagt: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Und er aufsteht und den Winden droht. Und völlige Stille eintritt auf dem See.

Auch an diesem Ort war ich einmal. Niemand hatte etwas gesagt, als wir diese Geschichte hörten, während unser Boot mitten auf dem See vor Anker lag. Und völlige Stille herrschte. Ich weiß noch, wie ich auf den See schaute. Und daran dachte, wie kleingläubig ich oft bin, wie schnell mich der Zweifel überkommt, wie oft mein Lebensboot von Zweifelswellen überflutet wird - und ich sicher bin, dass Jesus schläft. Dabei schläft er nicht, der Hüter Israel schläft und schlummert nicht, er ist immer da, bei mir, wie er bei den Jüngern war, als er aufstand und den Winden und dem See drohte und völlige Stille eintrat. Und es schien mir auf einmal, als säße Jesus neben mir im Boot, mit dem wir unterwegs waren auf dem See. Wir, er und ich. Ich und er.

Was ist das für einer, dass er verzweifelt, wenn seine Jünger schlafen?

Was ist das für einer, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen?

Es ist Jesus von Nazareth.

Der Mensch.

Der Gottessohn.

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