Die Aufregung war groß in der Stadt in den letzten Wochen: Ein 35-Jähriger wird Oberbürgermeister der drittgrößten Stadt Deutschlands! Dominik Krause hat am 22. März 2026 in München klar die Stichwahl gegen den bisherigen Amtsinhaber Dieter Reiter gewonnen. Grün und schwul – im Boulevard und an manchen Stammtischen ist die Aufregung groß. Stimmen sind zu vernehmen, dass ihm ja eigentlich die demokratische Legitimation fehle, da nur 44,5 Prozent der Wahlberechtigten an der Stichwahl teilgenommen haben.
Dominik Krause ist gut in der queeren Szene der Stadt vernetzt, entsprechend große Unterstützung hat er durch die queere Community bei den Wahlen erhalten. Die Rosa Liste, seit fast dreißig Jahren in München als queere Lokalpartei etabliert, hat sich vor der Stichwahl ganz eindeutig für Krause ausgesprochen. Auch politisch freilich wenig verwunderlich, da sie seit vielen Jahren mit den Grünen im Stadtrat eine Fraktionsgemeinschaft bildet.
Gleichgeschlechtlich l(i)ebende Menschen sind heute in allen Parteien in exponierter Position zu finden: Wenige Tage nach der Wahl von Dominik Krause erschien ein ausführliches Interview mit den Fraktionsvorsitzenden von Union und SPD im Bundestag, Jens Spahn und Matthias Miersch, bei dem beide auch auf ihre Homosexualität angesprochen wurden (DIE ZEIT vom 31.03.2026) – offenbar zu beider Überraschung, da sie sich in ihren Fraktionen keineswegs als queere Exoten fühlen. Alice Weidel, Parteivorsitzende der AfD, lebt in der Schweiz mit einer Frau mit Migrationshintergrund zusammen und zieht mit ihr zusammen Kinder groß – queer ist sie aber nicht, wie sie schon im Jahr 2023 im ARD-Sommerinterview betont. Der Politikwissenschaftler und Soziologie Henrik Düker kommentiert: „Das stimmt. Denn queer ist eine positive Selbstbezeichnung von Menschen, die nicht heterosexuell und/oder cis geschlechtlich sind (…).“ Von einer positiven Identifikation als lesbische Frau sei bei Weidel aber schier nichts zu erkennen, vielmehr sei sie zutiefst rechtskonservativ und hetze gegen Transmenschen und „Gender-Quark“. (https://www.campact.de/blog/2025/01/ich-bin-nicht-queer/)
Auch der LSVD-Bundesverband betont in seinem Dossier zur AfD, dass diese trotz der pointierten Stellung von Alice Weidel eine zutiefst homophobe Politik verfolge – und zum Beispiel als einzige im Bundestag vertretene Partei wiederholt gefordert habe, die Ehe für alle rückgängig zu machen.
Spielt Queer-Sein also keine Rolle mehr in der Politik – ähnlich vielleicht, wie der Apostel Paulus in seinen Gemeinden dazu aufruft, dass kulturelle, rassische und genderbezogene Unterschiede in der christlichen Gemeinschaft keine Rolle mehr spielen dürfen, da wir „alle eins sind in Christus“ (Gal 3,26)? Und ist es dann für uns Queers egal, welche Partei wir wählen, reicht es, wenn wir uns da von anderen Überlegungen als der Gender-Frage leiten lassen?
Ich meine: Nein! Die Razzia gegen rechtsextreme Jugendverbände hat gezeigt, wie verbreitet Gewalt gegen Queers in Deutschland inzwischen wieder ist. Das Bundeskriminalamt spricht in seinem Lagebericht 2025 davon, dass Gewalt gegen queere Gewalt im Jahr 2023 um mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen ist! Hetzreden gegen „Gender-Quark“ bereiten solcher Gewalt den Weg. Ich würde Alice Weidel gerne einmal fragen, wie sie das für sich zusammenbringt: Als Migrantin in der Schweiz mit einer Migrantin in einer lesbischen Beziehung zu leben und in ihrem politischen Alltag gegen Migration, Migrant:innen und Queers zu hetzen…
Auch wenn wir – in aller unserer Verschiedenheit und Vielfalt – sichtbarer geworden sind in der deutschen Gesellschaft: Wir bleiben eine Minderheit. Deswegen finde ich es wichtig, bei Wahlen für eine Partei zu stimmen, die für Freiheiten und Rechte von Minderheiten und deren Schutz eintritt – ganz sicher nicht die Partei von Alice Weidel.
Dass es dabei nicht nur um die eigenen Rechte als Minderheit gehen kann, ist für mich in der Nachfolge Jesu eigentlich selbstverständlich: Jesus hat sich ganz verschiedenen Menschen(gruppen) zugewendet, die in seiner Zeit marginalisiert waren.




