TV-Tipp: "Tatort: Gegen die Zeit"

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26. April, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Gegen die Zeit"
Der jüngste Wien-Tatort arbeitet mit Rückblenden und Vermischung von Zeitebenen. Abgesehen von diesem Kunstgriff überzeugt der Film auch durch hervorragendes Schauspiel vor allem der jugendlichen Protagonisten.

Keine Reihe hat das kunstvolle Spiel mit der Zeit dramaturgisch derart perfektioniert wie die "Spreewaldkrimis" vom ZDF. Zu ihren besonderen Merkmalen gehört die Rolle des mittlerweile pensionierten Kommissars, denn der wirkt auch in den Rückblenden mit, wenngleich nur als stiller Beobachter.

Katharina Mückstein bedient sich dieses Stilmittels in ihrem zweiten "Tatort" aus Wien ebenfalls, setzt aber noch eins drauf: Moritz Eisner und Bibi Fellner (Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser) stehen nicht nur daneben, wenn die Schilderungen der Beteiligten zu sehen sind, sie setzen in den Rückblenden auch die Vernehmungen fort. Auf diese Weise kommt es zu einer in der Tat faszinierenden Vermischung der Zeitebenen, weil die Befragten innerhalb ihrer Erinnerung quasi aus ihrer Rolle fallen.

Das ist kurzzeitig möglicherweise gewöhnungsbedürftig, zieht sich aber durch den gesamten Film, weshalb sich die Verwirrung rasch legt. Die Bedeutung dieses Konzept wird bereits unmittelbar nach der Einführung klar, als ein Mann leblos auf der Landstraße liegt und der Titel "Gegen die Zeit" zwischen den Straßenlaternen eingeblendet wird, allerdings in umgekehrter Wortfolge: hinten erscheint "Zeit", dann in der Mitte "die" und im Vordergrund schließlich "Gegen".

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die spezielle dramaturgische Struktur wesentlich interessanter ist als die Geschichte, die schließlich in eine zudem etwas enttäuschende Auflösung mündet. Schauplatz der Handlung ist ein Haus am Stadtrand: Im "Sonnenhof" leben mehrere männliche Jugendliche in einer betreuten Wohngemeinschaft. Leiter der Einrichtung, die für die aus schwierigen Verhältnissen stammenden Jungs so etwas wie die letzte Hoffnung verkörpert, ist David Walcher (Roland Silbernagl), aber der ist nun tot: Jemand hat ihm in der Nacht auf besagter Landstraße mit einem Knüppel eine erhebliche Kopfverletzung zugefügt, an der er dann gestorben ist.

Die Atmosphäre im Haus ist von Spannungen geprägt, weil die vierzehn- bis siebzehnjährigen Bewohner samt und sonders schwer erziehbar und verhaltensauffällig sind, zum Teil bereits einiges auf dem Kerbholz haben und zu einer gewissen Aggressivität neigen. Ein offenkundiges Mordmotiv hat jedoch keiner von ihnen, ebenso wenig wie ihre gleichfalls männlichen Betreuer.

Als Hauptverdächtiger gilt daher alsbald ein Nachbar, der gern mit seinem Jagdgewehr ’rumfuchtelt, sich mehrfach über die Jugendlichen beschwert und bereits unverhohlen Gewalt angedroht hat; aber der war’s natürlich nicht.
Dem Oberstleutnant und der Majorin bleibt daher nichts anderes übrig, als sich intensiv mit den Bewohnern des Hauses zu befassen; die Gestaltung der Rückblenden steht auch für die Empathie, mit der sie dabei vorgehen.

Ihre Erkundigungen konzentrieren sich recht bald auf Cihan (Alperen Köse): Der Junge ist am Morgen nach der Tat abgehauen. Nebenbei kommen auch die pädagogischen Leitlinien der Einrichtung zur Sprache: Es handele sich nicht um einen Knast, wie die Betreuer betonen. Die "Klienten" müssen sich an gewisse Regeln halten (keine Drogen), dürfen aber offenbar nach Belieben kommen und gehen. Trotzdem soll Cihan natürlich befragt werden, weshalb es zur einzigen wirklich spannenden Szene des Films kommt, als Meret Schande (Christina Scherrer), die deutlich jüngere Kollegin des BKA-Duos, ihn nach einer Verfolgungsjagd stellt und prompt in ein Dilemma gerät, als er ein Messer zückt.

Sehenswert ist "Gegen die Zeit" abgesehen vom gestalterischen Grundgedanken vor allem darstellerisch. Gerade die jugendlichen Mitwirkenden machen ihre Sache ausgezeichnet, zumal sich ihre Figuren vom anfänglichen Eindruck der Klischeehaftigkeit emanzipieren. Das gilt vor allem für einen Jungen, den Eisner zunächst für zehn gehalten hat, aber Levi (Christoph Lackner-Zinner) ist nicht nur deutlich älter, als er aussieht, sondern auch längst nicht so unschuldig, wie er wirkt.

Optisch dagegen wirkt "Gegen die Zeit" aufgrund der vielen Dialoge und der wenigen Schauplatzwechsel recht sparsam. Zum Ausgleich sorgt Mückstein, die auch das Drehbuch geschrieben hat (Koautor: Hermann Schmid), einige Male durch kleine Regieeinfälle für Überraschungen.

Mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser hat sie schon mal einen "Tatort" gedreht: In dem herausragend guten Wiener Krimi "Dein Verlust" (2024) wurde Eisner Opfer eines perfiden Rachekomplotts. Gleichfalls sehenswert waren ihre hierzulande 2021 und 2022 ausgestrahlten drei Beiträge zum "Wien-Krimi" (damals noch "Blind ermittelt") mit Philipp Hochmair und Andreas Guenther.