TV-Tipp: "Sarah Kohr: Bis auf den Grund"

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27. April, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Sarah Kohr: Bis auf den Grund"
Ein Protest kippt ins Chaos, eine Polizistin gerät unter Verdacht, und Sarah Kohr stößt auf ein Netz aus Macht, Lügen und Interessen. "Bis auf den Grund" verbindet aktuelle Konflikte mit starkem Thrillerkino.

"Na los doch, make my day": So wörtlich wollte Timo Berndt den legendären Spruch von Harry Callahan dann wohl doch nicht zitieren, aber der Schlusssatz dieses "Sarah Kohr"-Krimis – "Ja, tu mir den Gefallen" – erinnert kräftig an die vergleichbare Szene aus "Dirty Harry kommt zurück" (1983). Dann folgt allerdings ein Epilog, mit dem die Kommissarin eine sehr empathische Seite offenbart; anders als der Kinobulle aus San Francisco ist sie keine Zynikerin.

Von diesem zu Tränen rührenden Moment abgesehen ist "Bis auf den Grund" ein durchgehend fesselnder und von Christian Theede auf handwerklich hohem Niveau inszenierter Thriller: In einem Dorf vor den Toren Hamburgs will ein Konzern das Tiefwasser anzapfen. Die Einheimischen haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, weil völlig unklar ist, welche Folgen es haben wird, wenn wie geplant in 200 Metern Tiefe 400 Millionen Liter Wasser pro Jahr entnommen werden. Bei einer eskalierten Demonstration ist ein alter Mann gestorben. Die Aufnahmen einer polizeilichen Bodycam zeigen einen gezielten Schlag gegen seine Kehle. Seither sitzt eine junge Beamtin im Gefängnis. Ihre Blutwerte wiesen einen Mix aus Aufputsch- und Beruhigungsmitteln auf; sie selbst kann sich an nichts mehr erinnern. Kohr kennt die Kollegin und ist überzeugt, dass sie als Sündenbock benutzt worden ist, auch wenn die Videobilder ihre Schuld zweifelsfrei zu beweisen scheinen.

Zunächst beginnt Berndt, der seit dem eigentlichen Start der Reihe im Jahr 2018 alle Drehbücher geschrieben hat, die Geschichte jedoch mit einem friedlichen Protest. Der Eindruck täuscht, ahnt der Zugführer der Bereitschaftstruppe, und tatsächlich stürmen kurz drauf vermummte Gestalten die Demonstration. Sie werfen Rauchbomben und Böller, doch dabei bleibt es nicht: Eine junge Frau schießt mit Stahlkugeln auf die Polizisten, dann haut sie ab, Kohr verfolgt sie, es kommt zu einer Prügelei in einer Scheune, aber die Frau und ihr Partner können fliehen. Später werden auch noch Molotow-Cocktails entdeckt. Kohr kriegt einen Rüffel vom Zugführer, eigentlich war sie nur als Beobachterin zugegen, aber ein Kollege ist froh, dass sie eingegriffen und Schlimmeres verhindert hat.

Natürlich kommt die schlagkräftige Kommissarin auch ganz gut alleine klar, aber dieser Kollege (Jalil Berkholz) wird sich gegen Ende revanchieren und so entscheidend dazu beitragen, dass sie zwar nicht mit heiler Haut, aber im Großen und Ganzen unversehrt aus der Sache rauskommt. Zunächst muss sie sich allerdings durch ein Dickicht aus Korruption und Loyalität kämpfen. "Bis auf den Grund" knüpft an die im Gegensatz zum US-Krimi hierzulande nicht sonderlich ausgeprägte Tradition jener Polizeifilme an, bei denen die Feinde in den eigenen Reihen lauern. Kohrs Gegenspieler treibt’s zwar nicht ganz so skrupellos wie die Schurken aus diversen modernen Hollywood-Klassikern, allen voran "Internal Affairs" (1990), aber über Leichen geht offenbar auch er.

Die Besetzung solcher Rollen mit Schauspielern, die gern auch in romantischen Komödien mitwirken, ist immer clever: dort Richard Gere, hier Kostja Ullmann. "Internal Affairs" ist hierzulande mit dem unnötigen, inhaltlich aber treffenden Titelzusatz "Trau’ ihm, er ist ein Cop" versehen worden, und das gilt für "Bis auf den Grund" nicht minder. Damit ist nicht zu viel verraten, denn Berndt und Theede lassen schon früh keinen Zweifel daran, dass Till Rupprecht nicht zu den Guten gehört. Fortan lebt "Bis auf den Grund" auch von der Frage, welche Agenda der öffentlich belobigte Zugführer verfolgt. Wie Berndt nun weitere Figuren und mit ihnen scheinbar völlig neue Aspekte ins Spiel bringt, ohne den roten Faden auch nur vorübergehend aus dem Blick zu verlieren, ist große Klasse. Kohr vermutet, dass der alte Mann kein Zufallsopfer war, aber es bleibt zunächst völlig unklar, warum der unbescholtene Rentner regelrecht in seine Hinrichtung geschubst worden ist.

Davon abgesehen ist der Film durchgehend spannend, zumal die Kommissarin selbstverständlich schmerzhaft zu spüren bekommt, dass ihre Ermittlungen nicht erwünscht sind. Dass sie dabei ihren maskierten Angreifern nicht einfach in die Beine schießt, sondern gleich mehrfach auf die durch eine Weste geschützte Brust zielt, ist zwar nicht recht nachvollziehbar, hat aber vermutlich dramaturgische Gründe, damit nicht zu früh rauskommt, wer hinter dieser Attacke steckt. Bineta Hansen und Michelangelo Fortuzzi agieren als auf Krawall gebürstetes Demo-Pärchen mitunter etwas übereifrig, aber davon abgesehen ist "Bis auf den Grund" ein weiterer richtig guter Kohr-Krimi.