Beauftragung zur queersensiblen Pastoral

Beauftragung zur queersensiblen Pastoral im Bistum Mainz
Christine Schardt, Mathias Berger und Brigitte Oberle am 9.10.22

© Kerstin Söderblom

Mathias Berger und Christine Schardt beim Empfang nach der Beauftragung zur queersensiblen Pastoral im römisch-katholischen Bistum Mainz.

Beauftragung zur queersensiblen Pastoral
Am 9.10.2022 sind Christine Schardt und Mathias Berger in einem Gottesdienst von Bischof Peter Kohlgraf offiziell für die queersensible Pastoral im Bistum Mainz beauftragt worden.

Nun ist es also passiert: Die römisch-katholische Kirche ist im Bistum Mainz und in manch anderen Bistümern in Deutschland an den evangelischen Kirchen vorbeigezogen. Warum? Weil Bischof Peter Kohlgraf Pastoralreferentin Christine Schardt und Pfarrer Mathias Berger am 9. Oktober 2022 im Bistum Mainz offiziell für die queersensible Pastoral beauftragt hat. Auch im Bistum München ist am selben Tag der katholische Religionslehrer Dr. Michael Brinkschröder als Leiter der Projektstelle Regenbogenpastoral beauftragt worden. Andere Bistümer wollen folgen.

Eine solche klare und transparente Beauftragung für queersensible Seelsorge hat in den Gliedkirchen der EKD meines Wissens bisher nur die Hannoversche Landeskirche mit einer halben Stelle zu bieten. Pastor Theodor Adam ist dort für queersensible Seelsorge zuständig. Sie wäre meines Erachtens aber auch auf evangelischer Seite flächendeckend nötig. Denn nur wenn queere Menschen klar und verständlich lesen, hören und erleben können, dass sie willkommen sind und mit ihren Anliegen und Wünschen einen Platz in der Kirche haben, fühlen sie sich willkommen und ehrlich angesprochen. Das muss man ihnen klar sagen, im persönlichen Gespräch genauso wie in der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit und eben durch die Ernennung von Ansprechpersonen, die Zeit und Ressourcen dafür haben, queersensible Arbeit anzubieten.

Queersensible Arbeit umfasst nicht nur die Seelsorge und Beratung, sondern vor allem auch die Planung und Durchführung von Veranstaltungen und Fortbildungen zum Thema. Ziel muss es sein, kirchliche Mitarbeitende in pädagogischen Einrichtungen, in Diakonie und Caritas, in Pflegeberufen und in der pastoralen Arbeit queersensibel aus- und weiterzubilden, damit sie queeren Personen angemessen begegnen und mit ihnen arbeiten können.

Ja klar, es gibt in den evangelischen Landeskirchen bereits fast überall das Angebot von Segensgottesdiensten für gleichgeschlechtliche Paare oder sogar von Trauungen für alle. An manchen Orten werden Namensfeste oder Segensrituale nach Geschlechtsangleichungen (Transitionen) für trans* Personen angeboten. Es gibt auch schwule, lesbische, bi, trans* und intergeschlechtliche Menschen in den evangelischen Kirchen, die ohne Angst vor Repressalien haupt-, neben- oder ehrenamtlich in Gemeinden und kirchlichen Organisationen arbeiten können.

Tatsächlich gibt es aber auch in den evangelischen Landeskirchen nach wie vor Erfahrungen queerer Gläubiger von Ausgrenzung, Beleidigungen oder biblisch legitimierte Abwertung. Nach wie vor gibt es Gemeinden, in denen queere Gläubige als Menschen zweiter Klasse angesehen werden. Und nicht nur der berüchtigte Pfarrer Olaf Latzel aus der Bremischen Landeskirche missbraucht seine geistliche Autorität, um queere Gläubige mit der Bibel in der Hand herabzuwürdigen und zu diskreditieren. Es gibt also weiterhin viel zu tun auf diesem Gebiet. Gerade im Fortbildungsbereich fehlt es vielerorts an belastbaren Angeboten.

Umso mehr freue ich mich, dass sich in den römisch-katholischen Kirchen in Deutschland etwas tut. Nicht erst seit des öffentlichen Coming-outs von Mitgliedern von #OutInChurch im Januar 2022 werden queere katholische Christ:innen lauter und sichtbarer. Auch die Gespräche und Planungen rund um den "Synodalen Weg" zeigen bei allen Schwierigkeiten und Rückschlägen, dass die Gleichstellung von Frauen und von queeren Menschen für viele an der katholischen Basis wichtige Anliegen sind. Und diese Anliegen werden auch von zahlreichen Hauptamtlichen und mittlerweile sogar von einigen Bischöfen geteilt.

Dass das so ist, hat vor allem mit queeren Christ:innen an der römisch-katholischen Basis selbst zu tun. In Jahrelangen Gesprächsprozessen haben sie Gesicht gezeigt und sich für ihre Belange eingesetzt. Was Bischof Kohlgraf im Bistum Mainz davon gelernt hat, hat er in seiner Predigt am 9.10.2022 eindringlich zusammengefasst:

"Nicht über queere Menschen reden, sondern mit ihnen!"

Diese Erkenntnis war für ihn der Wendepunkt. Als er anfing mit queeren Menschen zu reden, hörte er erstmals von ihren schmerzhaften Verletzungen und Ausgrenzungserfahrungen. Er hörte von Abwertung, Häme und spiritueller Gewalt, die ihnen von Pfarrpersonen und anderem kirchlichen Personal angetan wurden. Dafür hat sich der Bischof im Gottesdienst am 9.10.2022 persönlich entschuldigt. Er sei beschämt, dass auch seine Ignoranz und Unwissenheit dazu geführt haben, dass sich queere Menschen in der katholischen Kirche immer noch nicht sicher fühlen. Mittlerweile kann er klar und deutlich sagen:

"Alle Menschen sind Gottes Kinder, unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung."

Sie sind alle "made by God", wie es Pastoralreferentin Christine Schardt im Gottesdienst formulierte. Menschen sind eins in Christus, und doch so unendlich verschieden. Das betonten Christine Schardt und Mathias Berger in ihrer Dialogansprache vor ihrer Beauftragung. So wie ein Leib nicht nur aus Armen und Beinen bestünde, sondern aus ganz verschiedenen Organen und Körperteilen, so ist auch die christliche Gemeinschaft vielfältig und bunt. Und so verschieden sie sind, so gehören sie doch alle zusammen und können nur gemeinsam lebendige und funktionstüchtige Gemeinden ergeben.

Ich erwarte von den Beauftragungen zur queersensiblen Pastoral im Bistum Mainz und in anderen Bistümern in Deutschland und in der Schweiz solide queersensible Arbeit in Seelsorge, Verkündigung und Weiterbildung. Ich hoffe, dass diese Arbeit an möglichst vielen Orten ökumenisch geschieht, so wie es in Mainz schon lange gute Praxis ist. Und ich wünsche mir auch von den evangelischen Landeskirchen transparente Beauftragungen oder öffentlich sichtbare Fachstellen für queersensible Arbeit, damit erkennbar ist, wo queersensible Seelsorge, Beratung und Fortbildungen angeboten werden. Denn das ist nach wie vor auch in den evangelischen Kirchen notwendig.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Arbeit der Offenen Kirche Elisabethen (OKE) in Basel. Dort werden regelmäßige Regenbogengottesdienste, Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare und queersensible Seelsorge angeboten. Diese Angebote gehören zum klar kommunizierten Profil der Gemeinde und ihrer Mitarbeiter:innen. So transparent und klar sollte es überall geregelt sein.

Denn ich bin davon überzeugt, dass es für Kirche und Gesellschaft ein Lackmus-Test ist, wie sie mit Minderheiten und vulnerablen Gruppen umgehen. Nur wenn es gelingt sichere Orte für alle zu schaffen, in denen sie üben sich gegenseitig zuzuhören und voneinander zu lernen, kann Kirche glaubwürdig gastfreundlich und inklusiv für alle sein. So wie es auch im Instagram-Auftritt der Mainzer katholischen und evangelischen Hochschulgemeinden (KHG Mainz und ESG Mainz)  notiert ist: #allarewelcome! Alle sind herzlich willkommen!

Zum Weiterlesen und Weiterhören:

Bischof Peter Kohlgraf, "Es muss Schluss damit sein in eine Lebenslüge gedrängt zu werden!" Predigt am 9.10.2022 in St. Quirin/Mainz

Queer in Church: Queersensible Pastoral im Bistum Mainz

"Gott hat alle so gewollt", in: Bistum Mainz, Nachrichten (9.10.2022)

Andrea Schlaier: "Das ist einfach so von Gott geschaffen", in: Süddeutsche Zeitung (10.10.2022)

Corinna Lutz, Bistum Mainz bietet Seelsorge für queere Menschen in: SWR (8.10.2022)

Pastor Theodor Adam wird Beauftragter für queere Seelsorge und Beratung am ZFSB (2.2.2022)

"Gott ist (jede) Liebe!" LGBTQI* welcome in this Church! Offene Kirche Elisabethen in Basel

Arbeitskreis Queer in Kirche und Theologie, Segen. Ritus. Kasualie - Trans* Menschen vor Gott. Ein liturgischer Baukasten (2022)

 

 

weitere Blogs

Nun ist der Montag nach dem ersten Advent, eigentlich blicken wir auf einen schönen ersten Adventssonntag zurück:
Ex-Präsident Trump ist zurück auf Twitter. Elon Musk nutzte für die Abstimmung über die Rückkehr eine aus christlicher Sicht sehr fragwürdige Formulierung.