Gastfreundfeindschaft

Transparente mit dem Text "Hass schadet der Seele" am Eingangsportal des Berliner Doms.

Transparente am Eingang zum Berliner Dom / Foto: Rainer Hörmann

Ein Vorfall in den USA wirft erneut die Frage nach den Grenzen von Gastfreundschaft auf. Will man jene am Tisch haben, die ihrerseits gerne reglementieren, wen sie an ihrem Platz nehmen lassen wollen?

Sie hätte vorher ihren Chef fragen sollen. Nachdem Sarah Huckabee Sanders, Pressesprecherin von Donald Trump, öffentlich machte, dass sie von der Besitzerin des "Red Hen" gebeten worden war, das Lokal zu verlassen, zwitscherte Trump, dass das Restaurant (das er nur von Fotos kennt) "dreckig" sei und besser mal putze, als sich zu weigern, so anständige Menschen wie Sanders zu bedienen. Fragt man sich, warum in Gottes Namen Frau Sanders mit ihrer Familie ausgerechnet dort, in jenem kleinen Lokal in Lexington, Virginia, essen wollte, wenn es doch angeblich schon von außen schäbig wirkt.

Einige der Restaurantangestellten sind schwul. Ihnen missfiel, dass sie eine Person bedienen mussten, die die Politik Donald Trumps, Transgender aus dem Militär zu verbannen, verteidigt. Unbehagen bereitete auch Sanders Unterstützung für eine Politik, die Kinder von mexikanischen Einwanderern von ihren Eltern trennt und in Käfige sperrt. Ehrlichkeit und Mitgefühl zählten zu den Standards des Restaurants, deswegen sei sie, so Restaurantbesitzerin Stephanie Wilkinson, den Bitten des Personals nachgekommen. Wilkinson, so gibt es die "Washington Post" wieder, bat Sanders - das Essen hatte bereits begonnen und war vom Personal korrekt serviert worden - diskret um ein Gespräch auf der Terrasse, erläuterte ihr dort die Situation. Sanders willigte ein und verließ mit ihrer Familie das Restaurant.

Danach machte Sanders den Vorfall öffentlich und seitdem streitet man sich (wieder), wie man miteinander umgehen soll, wenn man in zentralen Ansichten verfeindet, die Gesellschaft politisch polarisiert ist. Es gab Zustimmung wie Kritik an der Restaurantbesitzerin. "The Red Hen" ist nach Protesten und Drohungen geschlossen, soll aber diese Woche wieder öffnen.

Der Vorfall spielt sich nicht nur vor dem Hintergrund einer (politisch) zerstrittenen Gesellschaft ab. Er hat auch diverse Vorgeschichten: etwa die Bäcker, die sich weigern, Hochzeitstorten für homosexuelle Paare zu machen. In Deutschland erinnert man sofort an den Rauswurf eines lesbischen Paares aus einer Berliner Eisdiele. Es erübrigt sich, dass natürlich niemals jemand etwas gegen Homosexuelle hat, aber ... In den USA müsste man also sagen: Niemand hat etwas gegen Trumps Republikaner, aber ... am Tisch haben will man sie trotzdem nicht.

Es ist eine merkwürdige Verquickung, wenn Gastfreundschaft auf die Ansprüche einer Dienstleistungsgesellschaft trifft. Und sosehr ich politisch auf der Seite des Personals der "Red Hen" bin, so unangenehm erscheint es mir, mit Ausgrenzung auf persönlicher Ebene zu reagieren. Sind Schwule und Lesben nicht oft genug selbst ausgegrenzt, beschämt, gedemütigt worden? Andererseits: Ist es nicht ein bisschen viel verlangt, Anstand gegenüber jenen zu zeigen, die denselben meist vermissen lassen, wenn sie Trans*Menschen verächtlich machen, gegen Flüchtlinge hetzen? Wie Höflichkeit wahren, wenn einige bedeutsame (Welt-)Politiker vorführen, dass es auch mit grober Unhöflichkeit geht? Wie oft soll man Ärger runterschlucken, wenn manche Theologen dem ihren ohne allzu große Hemmungen freien Lauf lassen?

Müssen Gäste immer Engel sein?

Es ist merkwürdig, dass es ausgerechnet in jener Bibelstelle, der Geschichte von Lot (1. Mose 19), die seit zu langer Zeit und immer wieder gern als Beleg genommen wird, dass Homosexualität Sünde sei und mit der Zerstörung Sodoms geahndet wird, es eigentlich um Gastfreundschaft inmitten einer gastfeindlichen Nachbarschaft geht.

Die hehre Tugend der Gastfreundschaft hat viel von einem Mythos. Sie ist eine Erzählung aus einer Vergangenheit, die es so nie gab, uns aber heute immer noch als Idee leitet. Sie stiftet keine ein für allemal gültige Ordnung, vielmehr muss sie ständig neu errungen werden - und es gibt immer wieder die vielen Menschen, die sie durch ihr freundliches Wesen realisieren. Tag für Tag. Denn bei allen Komplikationen und persönlicher Zerrissenheit, die sich aus der Begegnung mit jenen ergeben, deren menschenunfreundliches Verhalten oder politische Ansicht man ablehnt: Gastfeindschaft ist auch keine Lösung.