Das fühlt sich an wie Mobbing

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Foto: Markus Raschka

Markus Raschka (hinten) mit seinem Mann Paul (vorne).

Das fühlt sich an wie Mobbing
Ein Bischof wird eingeführt, der Homosexualität nicht für Gottes Willen hält. Kurze Zeit später muss ein Kantor gehen, weil die Gemeinde seine Homosexualität nicht akzeptieren will. Beides geschieht in Sachsen. Wie ist die Situation von homo-, bi- und transsexuellen Christ_innen in der sächsischen Landeskirche? Dazu spricht Matthias Albrecht mit dem christlichen LGBT- Aktivisten Markus Raschka.

ALBRECHT: Markus, was verbindet Dich mit Sachsen, besonders auch mit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Sachsen?

RASCHKA: Ich bin in Sachsen geboren. In Dresden. Mein Vater ist Pfarrer gewesen. Als Pfarrerskind bin ich quer durch Sachsen, überall wo er als Pfarrer Dienst getan hat, mit hingezogen und dort aufgewachsen. Außerdem habe ich bei der Landeskirche Sachsens eine Ausbildung zum kirchlichen Verwaltungsmitarbeiter gemacht und arbeite heute im Landeskirchenamt.

ALBRECHT: Die evangelisch-lutherische Kirchgemeinde in Chemnitz-Klaffenbach hat vor kurzem ihren Kantor entlassen und das laut MDR so begründet, dass sie lieber keinen Kantor als einen schwulen Kantor hätten. Müssen nun auch andere lesbische und schwule Mitarbeiter_innen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens Angst um ihre Arbeitsstelle haben?

RASCHKA: Entlassen wurde er nicht, er war dort zur Aushilfe auf Honorarbasis beschäftigt, wie viele andere Organisten auch, in Gemeinden, die keine festangestellten Kirchenmusiker haben. Es war in diesem Fall bereits über längere Zeit ein Vertrauensverhältnis zwischen Kantor und Gemeinde entstanden, und dieses Vertrauensverhältnis ist abrupt abgerissen. Die Landeskirche hat kurz darauf eine Verlautbarung herausgegeben mit dem Titel Homosexualität ist weder Einstellungshindernis noch Kündigungsgrund, und die Landeskirche führt hier ganz deutlich aus, dass es juristisch nicht geht, jemandem deshalb zu kündigen. Aber das ist die juristische Ebene. Etwas anderes ist die emotionale, die Vertrauensebene, da lässt sich mit so einer Verlautbarung natürlich nichts verändern. Wenn ein Kirchenvorstand beschließt, wir wollen so bibeltreu sein, dass wir mit einem Schwulen nicht zusammenarbeiten wollen, dann kann tatsächlich niemand etwas dagegen machen.

ALBRECHT: Das ist ja erst mal ein schützende Reaktion der Landeskirche gewesen. Wie erlebst Du gerade die generelle Situation in der sächsischen Landeskirche von Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben oder transgeschlechtlich sind?

RASCHKA: Wer aktives Gemeindemitglied ist, erlebt deutlich, dass die homosexuelle oder transgeschlechtliche Identität als ein Problem gesehen wird. Nach Bischof Rentzings Einführung und den vorher schon von ihm gemachten Verlautbarungen zu Homosexualität sind einige sehr unglücklich. Einige Pfarrer denken beispielweise deutlich übers "Auswandern" in eine andere Landeskirche nach, andere haben sich sogar schon wegbeworben. Der schwul-lesbische Pfarrkonvent fühlt sich, so erlebe ich es, bedrückt, bedrängt, und die dort bisher aktiven, die nicht auswandern wollen, die gehen stattdessen in die innere Emigration. Denn wenn du schwarz auf weiß liest von dem Mann, der als Bischof eingeführt wird, dass Homosexualität nicht Gottes Wille ist, und dass er sagt, dass Gott der Herr die homosexuelle Lebensweise nicht für die Bestimmung dieser Menschen hält, ist das furchtbar! Dir wird ja damit gesagt, du darfst nicht so sein wie du bist, du darfst dein Leben nicht leben.

ALBRECHT: "Furchtbar. Beklemmend. Bedrückend": Sind das auch Deine Gefühle, die Du empfindest, wenn Du diese Verlautbarung des Bischofs zu Homosexualität liest?

RASCHKA: Ja. Es ist beklemmend, mehr als beklemmend. Angstmachend. Das fühlt sich an wie Mobbing. Das ist natürlich kein Mobbing. Schon gar keines, das von einem konkreten Menschen ausgeht, denn der Herr Dr. Rentzing ist ein richtig herzlicher, fröhlicher Mensch, mit viel Herzenswärme. Aber wenn er in dieser Hinsicht, der Homosexualität, seinen Mund aufgemacht hat, dann war es plötzlich das ganze Gegenteil. Härte. Das ist ein totaler Widerspruch. Ich habe mehrere solcher Menschen schon kennengelernt. Mir hat neulich eine Pfarrfrau erzählt, so Anfang Vierzig, eine herzensgute Frau, dass sie von ihrem Sohn gefragt wurde: "Wenn ich nun schwul wäre, was würdest du mir denn da sagen, Mutter?" Sie habe geantwortet: "Dann würde ich dich verstoßen, dann dürftest du nicht mehr nach Hause kommen." Etwas Vergleichbares von Dr. Rentzing erlebte ich auch vor drei Jahren. Da gab es ein Podium zum Thema Lesben und Schwule im Pfarrhaus. Dr. Rentzing hatte auf dem Podium ganz klar deutlich gemacht, was er von Homosexuellen hält. Und da bin ich im Publikum aufgestanden und habe ihn gefragt: "Wo sollen wir lesbischen und schwulen Gemeindemitglieder denn dann hin?" Darauf hat er lachend geantwortet: "Na in die Wüste schicken kann ich Sie ja nicht." Ich habe diese Antwort damals nur verkraften können, indem ich sie jahrelang - im Sinne eines Blackouts - verdrängt habe.

ALBRECHT: Bischof ist ein Hirtenamt. Welchen Schutz brauchen und erwarten homo-, bi- und auch transsexuelle Christ_innen von ihrem Landesbischof?

RASCHKA: Dass er uns unser Leben leben lässt. Dass er sagt: "Ja ihr seid ganz normale Gemeindeglieder", und nicht eine Erwartung aufstellt, dass wir unser Leben nicht leben dürfen. Konkret haben wir jetzt ja zum Glück schon einen ganz guten Draht zu ihm. Er wird in absehbarer Zeit zu uns zum Christlichen schwul-lesbischen Stammtisch kommen, der Dachorganisation aller LGBT-Gruppen in Dresden, wo z. B. auch Zwischenraum und HuK dazu gehören. Seit er mich deshalb persönlich angesprochen hat und gesagt hat, dass er zu uns kommen will - und das so bald als möglich -, bin ich etwas hoffnungsfroher. Und ich hoffe, dass wir mit ihm dort über Gefühle sprechen können. Ich hoffe, dass wir ihm herüber bringen können, dass es für uns nur die Möglichkeit gibt, entweder zu leben oder nicht zu leben. Wir wollen ihm sagen, wie seine Äußerungen zu Homosexualität auf uns gewirkt haben. Es kann dann natürlich sein, dass er dann sagt: "Ich unterscheide zwischen Ihnen als Person - Sie sind ja ganz lieb und nett - und Ihrem Tun, das unbiblisch ist." Wenn er dabei bleibt, dann ist es ganz schrecklich, das könnte ich mir nicht vorstellen. Trotzdem halte ich es für nicht ausgeschlossen.

ALBRECHT: Du sagst: Zu leben oder nicht zu leben? Was bedeutet das für Dich?

RASCHKA: In der Pubertät habe ich das ganz stark erlebt, und ich denke, anderen jungen Schwulen und Lesben, die in der Pubertät stecken, geht das heute auch so: Wenn Du die Bibel als Homosexueller ernst nimmst, dann geht es oft um die Entscheidung Suizid oder nicht Suizid. Für mich liegt das hinter mir, ich hatte mein Coming-out. Ich bin nicht suizidgefährdet, aber ich würde schon sagen, wenn es darauf ankommt, dann muss ich schon überlegen, ob es noch möglich ist, dass ich noch in dieser Landeskirche Gemeindeglied sein kann.

ALBRECHT: Wenn Du von jungen lesbischen und schwulen Christ_innen sprichst, die sich wegen Konflikten zwischen ihrem Glauben und ihrer sexuellen Gabe suizidieren oder dies vorhaben, was denkst Du, wie könnte Kirche hier präventiv reagieren?

RASCHKA: Sie könnte sich darauf besinnen, was die Botschaft des Evangeliums ist. Die Kirche hat das zu verkündigen, was ihr Auftrag ist, und keine Prinzipien. Es gibt immer nur die Möglichkeit Liebe oder Prinzip. In der Bibel sind natürlich auch Prinzipien niedergeschrieben, aber die Liebe ist das Eigentliche. Jesus antwortet dem Schriftgelehrten auf die Frage: "Was ist das höchste Gebot?": "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst." Das halte ich für das Zentrum der Bibel. Und in dieser Weise sollte gerade bei uns, in unserer lutherischen Kirche, die sich für das Erbe Martin Luthers hält, klar sein, dass wir genauso wie Martin Luther unterscheiden müssen zwischen wichtigen und weniger wichtigen Bibelstellen in unserer Verkündigung.

ALBRECHT: Wo können Lesben und Schwule, aber auch Transgeschlechtliche Schutzorte in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens finden? Gibt es da konkrete Beispiele?

RASCHKA: Das hängt an einzelnen Gemeinden, Kirchenvorstehern, Pfarrern, an Superintendenten. Da gibt es tatsächlich ganz liebevolle Beispiele: Im Erzgebirge, wo es so ganz schwierig ist, wo so sehr viele bibeltreue Christen leben, da ist so eine Gemeinde, wo ich jeden hinschicken würde, die St.-Wolfgangs-Gemeinde in Schneeberg. Dort ist ein Pfarrer und ein Kirchenvorstand, die gehören überhaupt nicht der sächsischen Bekenntnisinitiative an. Sie verkünden eine ganz große Offenheit gegenüber Lesben und Schwulen. Andere Beispiele sind Gemeinden im Leipziger Land oder viele auch in Dresden.

ALBRECHT: Gibt es auch Orte, wo Du sagen würdest, diese Orte sollten Lesben und Schwule in der Landeskirche meiden, weil sie da das Gegenteil von Schutz erwartet?

RASCHKA: Ja, eindeutig. Zum Beispiel Markersbach. Da gibt es ja auch die Markersbacher Erklärung vom Beginn der Sächsischen Bekenntnisinitiative. Nach Markersbach zu fahren, das muss man sich nicht antun. Die Gemeinde dort ist so geprägt, wie es uns nicht gut tut. Und es gibt eine ganze Menge solcher Gemeinden. Das muss man einfach wissen.

ALBRECHT: Was würde Schwule und Lesben dort erwarten, wenn sie sich dahin begeben?

RASCHKA: Wenn die Gemeinde mitbekommt, da kommt jemand, der aktiv werden möchte, da wird man ganz herzlich aufgenommen. Das war ja auch in Chemnitz-Klaffenbach bei dem Organisten so. Gleich mit Liebe aufgenommen und mit viel Herzenswärme integriert. Wenn dann aber heraus kommt, dass man lesbisch ist, dass man schwul ist, dann schlägt das ins totale Gegenteil um. Die totale innere Ablehnung auf der atmosphärischen Ebene. Du wirst nicht mehr angeguckt, kriegst keinen Handgruß mehr und so weiter. Es hat dann auch keinen Zweck mehr, ehrenamtlich mitarbeiten zu wollen, denn das Vertrauensverhältnis ist ja vollkommen zerstört.

ALBRECHT: Wenn ich das jetzt höre und die Entwicklungen in der sächsischen Landeskirche in den letzten Wochen verfolge, dann frage ich mich: Was wird von Seiten der lesbischen, schwulen und transgeschlechtlichen Gläubigen und deren Unterstützer_innen unternommen, um die Lage zu verändern?

RASCHKA: Wir hoffen sehr auf das persönliche Treffen mit dem Landesbischof beim Christlichen schwul-lesbischen Stammtisch. Eine andere Aktion ist das, was Pfarrer Maier aus Leipzig getan hat: er hat in der Woche vor der Einführung des Bischofs eine kritische Onlinepetition herausgeschickt. Sie ist wirklich schon von vielen, vielen Menschen unterschrieben worden. Er hatte so mit 500 Personen gerechnet, inzwischen sind es über 1500.

ALBRECHT: Wenn Menschen jetzt von Eurer Situation hören in Sachsen und euch konkret unterstützen wollen, welche Möglichkeiten gibt es da?

RASCHKA: Konkret kann man zur Zeit noch die Onlinepetition unterschreiben. Das ist hilfreich. Und in konkreten Situationen, in der Gemeinde, den Kirchengremien oder auf der Straße den Mund aufmachen.

ALBRECHT: Markus zum Abschluss. Welche Gebetsanliegen magst Du den Leser_innen des kreuz&queer Blogs, die Fürbitte für Dich und Deine Geschwister in Sachsen halten wollen, mitgeben?

RASCHKA: Dass wir uns im Geist Gottes nicht auseinander dividieren, sondern im Geist Gottes beisammen bleiben und uns in unserer Verschiedenheit stehen lassen können. Die einen die anderen, die anderen die einen. Und dass Gott die Herzen bewegt.

 

Markus Raschka (58) lebt mit seinem Mann in Dresden. Er arbeitet als Kirchenbeamter im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er ist aktives Mitglied der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche – HuK – e.V. und bei Zwischenraum e.V., außerdem bei deren Dresdner Dachorganisation Christlicher Schwul-lesbischer Stammtisch Dresden.

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