Katastrophen der Katastrophenberichterstattung

"Passagiere des Flugzeugabsturzes", netzkollektive Trauer, Journalisten in Haltern, geistiger Flächenbrand, 10-Dinge-Liste, Gebrüll der Affen. Die Ausgehöhltheit des Begriffs "Nachricht". Und kann ein Tweet eine Katastrophe sein? Außerdem: Neues aus Netzpolitik und "Kreativer Ökonomie".

"Der Presserat hat in seiner Spruchpraxis die nicht von Betroffenen oder Hinterbliebenen genehmigte Veröffentlichung von Opferfotos regelmäßig beanstandet, weil das Wissen über ihre Identität nicht zur Aufklärung des Sachverhalts beiträgt."

Das steht im Text "Germanwings-Absturz: Opferschutz hat Vorrang", den der Deutsche Presserat aus dem traurigen aktuellen Anlass oben auf seine Homepage gestellt hat. Es unterstreicht noch mal, dass die regelmäßigen Beanstandungen des Deutschen Presserats regelmäßig zu verhallen pflegen, insbesondere bei der einen Zeitung, die jede Menge Kritik verdient und auch davon lebt, dass sie viele wütend macht.

Einen ausführlichen illustrierten Überblick über teilweise aggressiven "Nachrichten"-Irrsinn, längst nicht nur der Bild-Zeitung, auch öffentlich-rechtlicher Medien, hat Mats Schönauer für bildblog.de zusammengestellt.

Auch in den letzten 24 Stunden wurde auf Metaebenen viel reflektiert und zugespitzt. Z.B. von Sascha Lobo, Michael Konken, Michael Hanfeld, Arno Frank und Udo Stiehl.

Sascha "Eigen-PR-Coup" Lobo (wer diesen, nennen wir es: Witz, verstehen will, muss das kurze und dennoch eine ganze Mütze solcher Witze enthaltende Interview der heutigen SZ-Medienseite mit Lobo über eine bekannte Nicht-Nachricht in Zusammenhang mit Lobo und der re:publica lesen) ... Lobo also hat im Rahmen seiner wöchentlichen Spiegel Online-Rede an die Nation appelliert, "allgemein akzeptierte Instrumente der netzkollektiven Trauer" zu entwickeln. Denn zurzeit verhalte es sich so, dass "das digitale Trauerkollektiv ... nach einem Moment der Bestürzung wütend sein" möchte, und das ist ja keine Lösung.

DJV-Chef Michael Konken, auch er ein begnadeter Ruckredner (vor allem im Format der Pressemitteilung), "trat ... vereinzelt geäußerter" und gezeigter "Kritik an der Anwesenheit zahlreicher Journalisten" in Haltern entgegen, und das auch noch ausführlicher im Tagesspiegel: "Wenn eine ganze Schülergruppe aus einer Kleinstadt ums Leben kommt, will die Öffentlichkeit wissen, wie die Menschen in dieser Stadt und die Mitschüler mit der Katastrophe klarkommen. Journalisten dürfen die Trauernden aber nicht bedrängen ...", sagt er da. Vielleicht ließe sich fragen, ob so ein "Klarkommen" überhaupt am Tag des Unglücks selbst schon beginnen kann. Aber Wortklauberei wäre ja ebenfalls keine Lösung.

Michael Hanfeld, der FAZ-Medienredakteur, hat aktuelle Fernseherfahrungen zu einer Glosse vorn auf dem FAZ-Feuilleton kondensiert: "Je länger der Abend vor dem Fernseher oder vorm Computer, desto reißender die Spekulationskaskade. Bei Sat1 bedrängt Ulrich Meyer in der 'Akte' seinen Experten, das 'heute journal' im ZDF hat fast kein anderes Thema, und die ARD sendet einen 'Brennpunkt', der den geistigen Flächenbrand der Berichterstattung paradigmatisch exerziert", heißt es da. "So sieht heute die Unfähigkeit zu trauern aus", lautet der Schluss-Satz einer starken Glosse, die bloß unter ihrem ersten Satz leidet. "Die Berichterstattung ist eine Katastrophe", lautet er. Mit dem Begriff müsste in der Katastophenberichterstattungs-Kritik vorsichtiger umgegangen werden, würde ich sagen.

Apropos: Kann ein Tweet eine Katastrophe sein? Twitter ist ja wieder ein ganz anderer Rahmen, aber Ines Pohl, die TAZ-Chefredakteurin, arbeitet daran, es auszuprobieren.

"Es könnte sein, dass alle Stimmen zusammen nur ein Geheul sind im medialen Innenraum unserer Gesellschaft. Es klingt nicht anders als das erregte Gebrüll von Affen, die merken, dass der schwarze Panther wieder einen der Ihren geholt hat", bilanziert Arno Frank in der TAZ. "Ein Unglück dieser Größenordnung ist immer eine Wunde, die kollektiv behandelt und geschlossen werden will."

In dem Artikel taucht auch die "10 Dinge, die wir nach einer Flugzeugkatastrophe nicht sehen/hören/lesen wollen"-Liste auf, die Ihnen schon ganz am Ende des oben verlinkten bildblog.de-Artikels begegnet sein könnte und die derzeit kräftig kursiert. Ursprünglich verfasst wurde sie im so wahren wie wohlfeilen Buzzfeed-Stil von Lorenz Meyer (sheng-fui.de).

Eine absolut lesenswerte Stelle dieses Internets, an dem sie auch auftaucht: ein wiwo.de-Blog-Gastbeitrag von "PR-Experte Frank Behrendt, Geschäftsführer der Kommunikations-Agentur Fischer-Appelt". "Michael Kessler, Comedian und Schauspieler, der gerne mal an den Grenzen des wie auch immer ausgelegten Geschmacks lungert, hat Tacheles gepostet", bloggte Behrendt los, weil er von der lustigen Liste durch einen Tweet des umtriebigen Fernsehkomikers Kessler erfahren hatte. Womit er sich von Kessler per Kommentar ein "wer lesen kann, ist klar im Vorteil" einhandelte. Kessler war eben auch nur Weiterverbreiter. Lesenswert ist Behrendts Beitrag vielleicht auch wegen der Aufforderung an "die eifrigen Tadler und Experten, die kaum einen Tag nach der Tragödie nörgeln", "in solchen Stunden, an solchen Tagen mal nichts sagen und Euch nicht versuchen zu profilieren", aber vor allem als Appell, immer und überall zwischen PR und Journalismus zu unterscheiden.

Aus sich heraus lesenswert jedenfalls ist noch, was Udo Stiehl, "Redakteur & Sprecher", aus ähnlicher Anlass-Gemengelage bloggte. Er beklagt fundiert, wie "verwaschen und ausgehöhlt" inzwischen die Definition des Begriffs "Nachrichten" sei:

"Die Bezeichnung 'Nachrichten' hat sich mit der Zeit in viele journalistische Formen eingeschlichen, die Mischformen aus Information, Kommentar, Einschätzung und Wertung sind. Dementsprechend dürfen sich die Verantwortlichen nicht wundern, dass das Publikum überhaupt nicht mehr einordnen kann, was nun tatsächlich zu den gesicherten Informationen zählt und was nicht - wenn es das überhaupt jemals können musste, denn diese Unterscheidung ist die ureigene Aufgabe der Profis in den Redaktionen. Dass inzwischen - mit Verlaub - jeder Krempel als Nachricht deklariert wird, dieses Rad wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen."

Aber einen pragmtischen Lösungsvorschlag hat Stiehl doch:

"Dann eben künftig zur vollen Stunde (oder wann auch immer es sinnvoll sein mag) eine 'Fakten-Sendung'. Mehr nicht. Der Rest möge in anderen Formaten seine Plätze finden."

Die Frage der Formate, das schien gestern hier auch schon durch, könnte entscheidend sein, um bessere Mittel und Wege im Echtzeit-Journalismus zu finden.

Bleibt noch die Frage nach den im Vorspann erwähnten "Passagieren des Flugzeugabsturzes": Das ist ein Google-Begriff. "Zum Gedenken an die Passagiere des Flugzeugabsturzes" drückte die Suchmaschine des Datenkraken gestern ihre Trauer aus, wie Stiehl und Lobo erwähnen. Die deutschsprachigen Google-Mitarbeiter sind halt mit Werbemittel-Verkauf und Lobbyismus ausgelastet und können nicht noch die Texte auf Unsinn überprüfen ...

 

[+++] Damit rasch zur Netzpolitik. Es gibt einen neuen Funktionsträger, einen offiziellen "Beauftragten für Kreative und Digitale Ökonomie": "Es ist niemand geringeres als Dieter Gorny!" (netzpolitik.org)

Zur Einordnung: Gorny war Chef eines ehemaligen Musiksenders, ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, also eines noch zu Beginn der Digitalisierung bedeutend gewesenen Branchenverbands, sowie Parteifreund des "ehemaligen Pop-Beauftragten der SPD und jetzigen Bundeswirtschaftsministers" Sigmar Gabriel

Einen Bericht über eine Veranstaltung, auf der Gorny und weitere Vertreter der aktuellen Bundesregierung die "Herkules- wie Sisyphosaufgabe" der Netzpolitik aus ihrer Sicht schilderten, gibt's bei heise.de.

Ziemlich untergegangen ist, dass die Bundesregierung entgegen ihren Gewohnheiten Anfang der Woche nicht nur eine, sondern gleich zwei Meinungen zu einer wichtigen netzpolitischen Frage geäußert hatte. Und zwar zwei gegensätzliche. Es ging um den gerade begonnenen, von Max Schrems initiierten Prozess um den Datenschutz bei Facebook vor dem Europäischen Gerichtshof (netzpolitik.org, faz.net, FAZ-S. 8 heute). Faktisch geht es darin auch um das "Safe-Harbor-Abkommen" zwischen der EU und den USA.

"Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat der Aufforderung von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), zu einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof über die Schlagkraft des EU-Datenschutzes Stellung zu beziehen, eine klare Absage erteilt",

berichtete handelsblatt.com kürzlich. Als Kompromiss wurde aus den zwei Meinungen der Bundesregierung dann doch wieder gar keine.

Jener Minister de Maizière ist übrigens auch, mit ein paar Aussagen von leicht gruseliger Nichtssagendheit, in dem sehenswerten Arte-Dokumentarfilm "Terrorgefahr! Überwachung total?" (zurzeit in der Arte-Mediathek) vertreten, in dem ansonsten auch ein faszinierend herablassender Google-Vertreter und Mario Consteja zu sehen sind. Consteja wiederum ist der Grund, aus dem der EuGH-Prozess sehr spannend ist: Er war der Kläger, der vor demselben Gerichtshof das sog. Recht auf Vergessenwerden durchsetzte.


Altpapierkorb

+++ Stefan Niggemeier versteht es sehr oft, auch komplexe Medienthemen nachvollziehbar darzustellen, aber ... hier versucht's der Tagesspiegel. Es geht um Justiziabilität des Teilens von Artikeln aus Medien bei Facebook und um Urheberpersönlichkeitsrecht. Siehe auch golem.de. +++

+++ Anderes Thema, aber auch mit Fotos: Muss, wer einen "privaten Lebensvorgang ohne Öffentlichkeitsbezug" erledigt, dennoch damit rechnen, von einem Künstler fotografiert zu werden? Und "wie viel professionelle Alltagsfotografie wäre überhaupt noch möglich, wenn Persönlichkeitsrecht über die Kunstfreiheit gestellt würde? Gäbe es sie noch, die ikonografischen Bilder, die sich tief in das kollektive Gedächtnis eingefressen haben - die Fotos von spielenden Kindern am Mauerstreifen? Das berühmte Urinjogginghosen-Bild aus Rostock-Lichtenhagen? Verzichten Fotografen künftig auf solche Bilder, aus Angst vor Rechtsstreit?" Da macht Meike Laaff in der TAZ einen bis ans Totenbett Bismarcks führenden Rechtsstreit zwischen einem Fotografen der Agentur Ostkreuz und einer Berlinerin nachvollziehbar. +++

+++ Morgen werden in Marl bei Haltern wieder die Grimmepreise verliehen. Daher rekapituliert auf der FAZ-Medienseite Jurymitglied Jochen Hieber, was dieser Preis noch mal ist und was die neue Grimme-Instituts-Chefin Frauke Gerlach ändern wollen könnte ("Zunächst möchte sie die 'Kategorie Unterhaltung' stärken, die bisher gegenüber der 'Fiktion', also den Fernsehfilmen, Mehrteilern und Serien, wie gegenüber der 'Information', also den Dokumentarfilmen, Gesprächsformaten und Fernsehfeatures, eine Art Schattendasein führe, gerade was die Zahl der Preise betreffe". Die könnte also steigen). +++

 +++ Ferner enthält dies. Seite zwei weitere Hanfeld-Glossen. In einer geht's um die Ex-GEZ ("Franz Kafka müsste beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich hoch im Kurs stehen. Denn die Auskünfte in eigener Sache, die man dorten auf Nachfrage bekommt, sind nicht selten im feinsten Sinne des Dichters kafkaesk"; unkafkaeskere Zusammenfassung am Ende: "Der Geschäftsführer des 'Beitragsservices' hat" in einer Verwaltungsratssitzung " einen auf den Deckel bekommen. Bei einer Organisation, die jedes Jahr mehr als acht Milliarden Euro eintreibt, haben ARD und ZDF auch allen Grund, schon kleinsten Anzeichen für Nepotismus nachzugehen.") +++ Thema der anderen: Jeremy Clarkson. +++

+++ Themen der SZ-Medienseite: der Boom bei Podcasts ("Der Begriff Podcast meint längere, digital verbreitete Wortsendungen ...") in den USA. +++ Sowie neue "Heidi"-Adaptionen: als 3-D-Zeichentrick-Fernsehserie, als Kinofilm mit Bruno Ganz. +++

+++ Berlin soll Drehort der nächsten "Homeland"-Staffel werden und ist sowieso ein toller Drehort (Tagesspiegel). +++

+++ Für Bauers jüngste Zeitschrift könnte entgegen den Erwartungen "im Einzelverkauf kein Blumentopf zu gewinnen zu sein" (Georg Altrogge bei meedia.de). +++

+++ Und Mathias Döpfner, der als Springer-Chef dem Totholz ja allmählich adé sagt, strebt aber auf die Bretter, die die Welt bedeuten, und zwar in Darmstadt (FAZ). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.