Leistungsorientierter Service public

Leistungsorientierter Service public

Die FAZ hat was gegen Dr. Eumanns Journalismus-Stiftung, auch wenn man nicht ganz genau versteht, was. Die FAZ hat nichts gegen David Schravens deutsches "Pro Publica"-Modell "Correctiv". In der Schweiz gibt es Überlegungen über eine leistungsorientierte Ausrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, gegen die man auf Anhieb nicht viel haben kann. Im DLF findet die Generalprobe für die Eigenwerbung beim nächsten Tag der offenen Tür in der Sendung "Das Kulturgespräch" statt.

Als Gesprächs- und Programmbefüllungsstoff aus dem gestrigen WM-Achtelfinale ist neben der heat map von Manuel Neuer das Per-Mertesacker-Interview hervorgegangen.

Das wird für die nächsten Tage ablenken von den etwas ziellosen Aktionen der Kommentatorenkritik. Zuletzt hatte Matthias Kalle im Tagesspiegel Harald Staun aus der FAS beigepflichtet, dass das alles nicht erst seit dieser WM so ist:

"Jedenfalls las ich am Sonntag auch bei meinem Freund und Kollegen Harald Staun in der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung', dass die Kritik an der ARD und am ZDF im Prinzip genau so schon 1982 formuliert wurde (nur besser), dass man daraus aber nicht den Schluss ziehen dürfe, dass keine Kritik eine Lösung sei – und weil ich mich nicht daran erinnern kann, Staun jemals widersprochen zu haben, folgt hier der Sonntagabend im Schnelldurchlauf."

Wenn Sie jetzt fragen, ob das ein Fall fürs LSR ist, fragen Sie den Falschen: Wir weisen hier doch auch immer nur darauf hin, was kluge Leute anderswo geschrieben haben.

Dass Kommentatorenkritik kein Feld ist, auf dem man zum man of the match wird, auch wenn es an interessanten Vorschlägen keinen Mangel hat und die Arnd-Zeigler-Irritation im ARD-Balla-Bolla schon auch beschrieben werden muss, hat wohl auch mit den Kommentatoren zu tun: Die sind wie die "US-Boys" (Oliver Schmidt) – es gibt keinen, der bei einem besseren Verein spielen würde; anödendes Mittelmaß.

Und das nimmt den Abneigungsbekundungen die Spitze, wobei wir vielleicht doch nicht so weit gehen würden zu sagen, dass der Béla-Réthy-Diss so unargumentiert daherkommt wie J-C-Juncker-Kritik – zumindest in der Schilderung von Wolfgang Michal gestern auf Carta.

Außerdem tragen ARD und ZDF selbst schon zu den Meta-Reflexionen über sich selbst bei. So schneidet die ARD bei der Interviewkette nach dem Spiel die Zwischengeräusche der Produktion (Jürgen Bergener vor dem Niersbach-Interview ab Minute 16.00: "Das wird komplett gesendet, ne, weißt Bescheid") nicht raus. Und im ZDF bewirbt sich Oliver Kahn, um dem nächsten Bert-Donnepp-Preis, wenn er über dämliche Fragen der Kollegen spricht, als sei er selbst noch Spieler und nicht an dem Dämliche-Fragen-Komplex beteiligt.

In den nächsten Tagen kann jedenfalls Mertesackers "Was wollen Sie jetzt?" im Angesicht von Boris Büchler durchdekliniert werden wie aktuell der Facebook-Positiv-Negativ-Test (siehe Altpapier von gestern). So hat die Süddeutsche ihren mehrfach promovierten Moral-Kolumnisten Erlinger vor den Teller mit der Frage gesetzt, ob Facebook zu Testzwecken rummanipulieren sollte am User-Content.

"Bei erster ethischer Betrachtung scheint klar: Es ist, vorsichtig ausgedrückt, äußerst fragwürdig, Informationen, die Menschen erhalten, zu manipulieren, um die Menschen selbst zu manipulieren. Das lässt sich auch relativ einfach mit Kant begründen."

Sonja Alvarez schreibt im Tagesspiegel:

"Facebook bedauert inzwischen das Vorgehen, wie Kramer [der an der Studie mitgearbeitet hat, AP] schreibt: 'Rückblickend haben die Erkenntnisse der Studie die ausgelösten Ängste vielleicht nicht gerechtfertigt.'"

Was sollnse auch sonst sagen.

Was Mertesacker hätte sagen können, ist heute in der SZ (Seite 27) in einem kleinen Willi-Winkler-Text zu lesen, der von einem Interview mit Prince Charles handelt, in dem dieser eine blöde Frage galant konterte:

"Der Prinz lächelt und rettet die Situation, indem er Barber milde tadelt. 'Naughty', nennt er den investigativen Vorstoß, ungezogen. Dann wendet sich das Gespräch wieder den Blumen und der Energiegewinnung durch Biomasse zu, und alle sind zufrieden. Eine königliche Sternstunde."

Damit nun aber raus ausm Stadion. Und rein in die ganzen großen medialen Zusammenhänge.

"In Nordrhein-Westfalen soll morgen ein Gesetz beschlossen werden, das einen Dammbruch bedeutet"

Posaunt die Wichtigkeitsfanfare über dem FAZ-Text von Reiner Burger (Seite 15). In dem geht es – Mörder-Gag! – natürlich nicht um die Aufweichung der Mindestlohnregelung, von der die Zeitungsausträger ausgenommen werden sollen (was für das journalistische Geschäft eigentlich mehr Credit-Verlust bedeutet, als Arnd Zeigler zwischen Guido Cantz und dem nächsten ARD-Bolla-Billa-Einspieler je produzieren könnte).

Nein, es geht um den Dr. Eumanns "Journalismus-Stiftung mit dem politisch korrekten Namen 'Partizipation und Vielfalt'."Wobei man schon an dieser beliebten, aber verqueren Formulierung ("politisch korrekt") sehen kann, wie Burger keine Chance auslässt, um nebenher zu foulen (die Sache mit dem Doktortitel für die kaum veränderte Magisterarbeit, die Eumann in die Nähe von Feuilletongiganten wie Frank Schirrmacher rückt, wird noch mal dick ausgebreitet).

Burgers Text geht mit einer Empörung ins Spiel, die einen an Michals Kritik der Juncker-Kritik denken lässt: Man weiß schon, dass die Stiftung gar nicht geht, bevor man liest, warum.

"Man könnte es sich leichtmachen und die Sache damit abtun, dass es sich 'nur' um 1,6 Millionen Euro handelt. Und überhaupt: Eumann meint es gut, er will den Journalismus retten! Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) etwa würdigt Eumanns Idee als Möglichkeit, den Transformationsprozess im Lokaljournalismus zu begleiten."

Könnte man. Macht Burger aber nicht, wobei nicht ganz klar wird, warum er, wenn er gegen politische Einflussnahme ist, seine Energie nicht auf die Argumentation eines Modells verwendet, bei dem die Vergabe von Geld von politischen Interessen entkoppelt ist. Die FAZ wittert wohl Konkurrenz:

"Mit seiner Idee der subkutanen Entgrenzung der Rundfunkabgabe-Verwendung ermöglicht Eumann nicht nur den staatlichen Zugriff auf Print- und Online-Medien, er gefährdet zugleich die Akzeptanz des gesamten Finanzierungsmodells der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Denn Ergebnis der Entgrenzung könnte nicht eine allgemeine Medienabgabe, sondern das Ende der bisherigen Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein."

Dabei ist der Gedanke, dass die Rundfunkgebühr nicht nur ARD, ZDF, Deutschlandradio und Landesmedienanstalten finanziert, keineswegs revolutionär.

In der NZZ zeigen Rena Zulauf, Jürg Bachmann und Kurt Schaad heute in einem lesenswerten Text, dass sich durchaus anregend über Korrekturen am öffentlich-rechtlichen System diskutieren lässt. Etwa: dass die – hierzulande wäre das dann –Grundversorgung nicht mehr instutionell, sondern akzidentiell abgesichert wird. Öffentlich-rechtliches Geld kann jeder kriegen, der damit wertvollen Journalismus macht.

"Im Gegensatz zum geltenden Finanzierungssystem würde eine leistungsorientierte Unterstützung nicht massgeblich ein einzelnes Unternehmen finanzieren, sondern konkret Service-public-Inhalte fördern. ... Sie hätte im Ergebnis zur Folge, dass unter den bestehenden Radio- und Fernsehsendern ein wirksamer Qualitätswettbewerb angekurbelt würde und zudem dank der Möglichkeit zur Einreichung eigener Service-public-Konzepte Anreize zur Schaffung neuer, innovativer und qualitativ hochstehender Inhalte gesetzt würden."

Bestimmt gibt es auch hier Sachen, die man bedenken muss, aber es wäre schon äußerst verführerisch, sich die Generalüberholung aller Rhetorik vorzustellen, wenn ARD und ZDF nicht mehr in der Gewissheit, das Geld sowieso zu kriegen, auf ihre Alibi-Programme für Bildungsauftrag und so zu verweisen.


Altpapierkorb

+++ Wie sich diese Gewissheit anhört, wenn sie sich die Cojones schaukelt, kann man im Deutschlandfunk nachhören. Dort war das Kulturgespräch am Freitag einem Medienthema (der Auslandsberichterstattung) gewidmet, und auch wenn der DLF vielleicht stärkere repräsentative Pflichten empfindet als jedes Podcast – als zwei von vier Gästen Fritz Pleitgen (Ex-WDR) und Hans Janke (Ex-ZDF-Fernsehspielchef) plus eine aktive ARD-Auslandskorrespondentin (Antje Diekhans) einzuladen, ist eine Beleidigung jeder am Diskurs interessierten Hörerin. Muss der DLF seine Intern-Talks für den nächsten Tag der offenen Tür on air proben? Hätte man auch nicht gedacht, sämtliche Sympathien einmal auf einen Adabei wie Achim Achilles aka Hajo Schumacher zu setzen. +++

+++ Sonja Alvarez listet im TSP die Einnahmesituation der ÖR auf: "Doch auch wenn die Sender durch den neuen Beitragsservice 188 Millionen Euro an Mehreinnahmen haben, dürfen sie diese nicht nach Belieben ausgeben. Sofern die Einnahmen nämlich über die Anmeldung bei der Gebührenkommission KEF hinausgehen, sind die Sender aufgefordert, Rücklagen zu bilden." +++

+++ Wohlwollend schreibt Andreas Rossmann in der FAZ über das deutsche "Pro Publica" namens "Correctiv", das nicht von Eumanns Stiftung, sondern von der Brost-Stiftung, also aus dem finanziellen Schatten, den die WAZ-Gewinne von einst noch immer werfen, finanziert werden soll. Chef ist David Schraven, der vorher bei der WAZ geschafft hat und vor einiger Zeit keine gute Figur in den Auseinandersetzungen um die deutsche Russlandberichterstattung gemacht hat. (Wobei sich Spaßvögel schon ausmalen könnten, wie Peter Praschl in seiner nächsten Cargo-Kolumne die Vorhabensrhetorik durchexerziert - was er in der aktuellen Ausgabe mit der Sprache der Krautreportervideos gemacht hat) +++

+++ Da wir bei den sentimentalen Momenten sind: Die letzte AZ in alter Form ist raus. Claudia Tieschky in der SZ (Seite 27): "Und jetzt ist also dieser seltsame Tag da, an dem die alte Zeitung nicht mehr existiert, und die neue noch nicht ganz auf der Welt ist. An diesem 30. Juni dürfen auch diejenigen, die in der künftig personell stark verkleinerten Abendzeitung weiterarbeiten können, aus rechtlichen Gründen noch nicht für den neuen Besitzer arbeiten. Erst am Dienstag kann Balle sie aus der Transfergesellschaft abwerben. Die Zeitung vom 1. Juli ist eine einmalige Ausnahme-Nummer, die praktisch ohne Mitarbeiter herauskommt und ohne München-Teil. Dafür will Balle, der neue Eigentümer, auf Seite Eins eine Art Antrittserklärung abgeben." +++ Robert Saviano war auf dem Filmfest München zur Premiere der Serie, die auf seinen Mafia-Recherchen basiert. Markus Ehrenberg hat für den TSP mit ihm über Klandestinitätslogistik gesprochen. Es muss im voraus geplant werden: "Angefangen von dem Restaurant, in dem ich drei Tage später essen werde, bis hin zu der Person, die ich in zehn Tagen treffe. Reise ich mit dem Flugzeug, und handelt es sich um einen nationalen Flug, reicht es, die Details eine Woche vor Abreise mitzuteilen, um sich mit dem Polizeischutz vor Ort zu einigen. Ist der Flug jedoch international, ist es besser, die Details einen Monat vor Abreise durchzugeben, da das Innenministerium des Gastgeberlandes frühzeitig wissen muss, welche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden sollten." +++ Fritz Göttler zeigt sich in der SZ von den ersten Folgen der Serie aber wenig beeindruckt: "Für die TV-Serie ist Saviano nun selbst unter die Drehbuchschreiber gegangen, die Produktion hat sein Skript als Steinbruch genutzt und aus vielen Miniaturen ein dramatisches Konstrukt fabriziert, das Mafia-Atmosphäre und -Mentalität einfangen soll, diese unglaubliche Mischung aus bürgerlicher Behäbigkeit – ein Horror: das Protzsofa der Frau Savastano! – und gemeinster Brutalität, in einer zerstörten urbanen Umgebung. Nur selten aber wird man von dieser Schizophrenie gepackt." +++

+++ Jens Mayer bilanziert für die TAZ Tele 5s Bemühungen um Differenz: "In der Reihe 'On Stage' ging vor einigen Wochen das Bühnenprogramm des "neoParadise"- und 'Circus HalliGalli'-erprobten Entertainers Olli Schulz unter. 'Das ist unser größtes Problem", gibt Blasberg zu. "Wir können nur sehr begrenzt Reichweite aufbauen.' Dabei steht Blasbergs Sender inhaltlich so gut da wie noch nie und hat neben einer Menge neuer Science-Fiction-Serien, Wrestling- und Musik-Formate bald sogar einen Sendeplatz für neue Arthouse-Filme und Klassiker." +++ Auf Topfvollgold berichtet ein Supermarktleiter von der Yellow-Press-Kundschaft: "Der Großteil der Kunden, welche sich für diese Schundblätter entschieden, sind 40 Jahre und älter. Nicht schlimm genug, dass diese Blätter in der Tat im realen Leben gekauft werden; nein, der einzelne Kunde beziehungsweise die einzelne Kundin — denn es sind ausschließlich Frauen — erwirbt gleich zwei bis vier verschiedene Hefte vom Regenbogen." +++

Der Altpapierkorb füllt sich morgen wieder.

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