Die Befreiung von über 100 Jahre alten Strukturen - das hat sich die Evangelische Kirche in Pforzheim getraut. "Wir haben aus neun Gemeinden eine gemacht, deren Struktur auf fünf Themenbereichen basiert", erklärt Dekanin Christiane Quincke. Sie seien nun unter dem Motto "Wir sind eins. Eine Gemeinde. Mehr Miteinander. Jede Menge Segen" unterwegs. Diese Neustrukturierung ist innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland in dieser Form wohl bisher einmalig.
Anstoß für die Neustrukturierung ist der Rückgang der Kirchenmitglieder. Damit werden auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer zurückgehen. Die Kirche muss sich neu aufstellen, um ihrem Auftrag weiter gerecht werden zu können.
Über mehrere Jahre hinweg erarbeiteten Pforzheimer Gemeindemitglieder, Haupt- und Ehrenamtliche, wie ihre Kirche in Zukunft aussehen soll. Der Gedanke sei nicht gewesen, Pfarrstellen zu retten, sondern nach den Bedürfnissen der Menschen zu fragen. "Biblisch formuliert wollen wir 'Licht für die Welt' sein", erläutert Quincke. Grundlegend solle eine "Kultur der Ermöglichung" gelebt werden.
Der Heidelberger Theologe Steffen Bauer, der seit Jahren Reformprozesse in den Landeskirchen begleitet, erklärt, dass in allen Gemeinden Veränderungen anstünden. Viele seien bereits auf diesem Weg. "Was Pforzheim auszeichnet, ist, dass hier nicht mehr von den bestehenden Gemeinden und Orten aus gedacht wurde, sondern mehr und mehr von Themen", sagt er dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Lern- und Erfahrungsprozess
Die Grundlage dafür sei in einem Prozess des Hinhörens auf Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche gelegt worden. "Nirgendwo sonst wurde dieses Hören auf Menschen dann so konsequent in eine Struktur übersetzt", sagt Bauer. Ob dieses Modell inhaltlich-strukturell übertragbar ist, werde sich zeigen. Für ihn sei es jetzt schon mustergültig.
Seit September gilt nun die neue Struktur. Quincke sagt, es sei ein Lern- und Erfahrungsprozess. Zu jedem Themenbereich gehört ein Leitungsteam mit Haupt- und Ehrenamtlichen. Die Themenbereiche heißen etwa "Zusammenwachsen" oder "leben feiern". Auch die Webseite ist nach Angeboten wie "Musik" oder "Bildung/Gesellschaft" aufgebaut. Zudem gibt es in jedem Leitungsteam einen Kirchenmusiker.
Veränderungen leichter machen
Im Alltag gilt das Prinzip "denken von den Menschen her". So sei unter anderem die Gestaltung des Erntedankgottesdienstes mit den Kindergärten verändert worden, erklärt Quincke. Dieser habe traditionell sonntags stattgefunden, was sich aus kirchlicher Sicht gut angefühlt habe. Für die Kindergärten habe sich der Sonntags-Termin als aufwendig herausgestellt.
Auch vielen Familien habe dies nicht gepasst. Jetzt könne der Erntedankgottesdienst ganz einfach freitags stattfinden. "Das Tolle an der neuen Struktur ist, dass wir die Freiheit haben, Dinge leichter zu verändern", sagt Quincke. Ingesamt gebe es sonntags weniger Gottesdienste, dafür neue zu anderen Terminen.
In den Leitungsteams könnten auch Menschen mitmachen, die nicht der evangelischen Kirche angehören. Quincke erläutert: "Ich möchte diese Vielfalt gerne als einen Reichtum entdecken." Diese seien nicht der Kirche verbunden oder gehörten einer anderen Konfession an, fänden aber ein bestimmtes Angebot toll. Da könne man zusammenarbeiten, so wie es bei den Vesperkirchen schon lange normal sei.
Zeit für neue Formate
"Offen gesagt, diese Menschen auszuschließen, würde ich bei der Entwicklung unserer Mitgliederzahlen als Realitätsverdrängung betrachten", so Quincke. Die Umstellung sei aber nicht nur leicht. So seien einzelne Pfarrer gegangen. Und manche Gemeindemitglieder "hängen an ihrem Kirchturm" und seien enttäuscht, dass dort nicht mehr jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfindet. "Wir versuchen aber zu erklären: Wir nehmen nichts weg, sondern machen in der Summe ein größeres Angebot", so die Dekanin.
Positiv sei an der neuen Struktur, dass sich Pfarrer und Ehrenamtliche für einen Schwerpunkt, wie etwa Kinder und Taufen, entscheiden. So sei auch Zeit für neue Formate frei geworden, die früher wegen "Routinearbeiten" nie umgesetzt worden wären, erläutert Quincke. Ein Beispiel dafür sei die Aktion "Einfach heiraten", die jetzt zum Standard gehöre.
Ein wichtiger Anlaufpunkt für Gemeindemitglieder und Interessierte ist die sogenannte Zentrale Servicestelle. Statt in der Gemeinde vor Ort, werden dort allgemeine Auskünfte erteilt, Bescheinigungen ausgestellt und Fragen rund um Taufen, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigungen beantwortet.


