"Schweigen Sie schneller"

"Schweigen Sie schneller"

Hans Magnus Enzensberger übt Jimi Hendrix. Augstein und Blome schweigen als vielleicht erste Journalisten überhaupt Thilo Sarrazin tatsächlich tot. Sarrazin als Troll betrachtet. In Sachen Henri-Nannen-Preis für die Bild-Zeitung fragt sich Carta, wie das 2011 gleich nochmal war mit der Aberkennung eines Preises. Das ZDF dreht den Anne-Frank-Film nicht. Und Thomas Belluts Antwort auf die Lanz-Petition.

Wie könnte das Altpapier an diesem Montag beginnen, wenn nicht mit der ersten Ausgabe des FAZ-Feuilletons, das in der Zeitungsreihenfolge direkt nach dem Politikteil eingeordnet wurde, der Ausgabe vom Samstag also? Und was könnte auf der ersten Seite dieses neu eingeordneten Feuilletons anderes stehen als ein Artikel von Herausgeber Frank Schirrmacher himself, der mit der wiedererkennbar roten Überschrift den roten Faden seines Digitalfeuilletons aufnimmt?

Die Welle machte allerdings der links daneben platzierte Text mit Stéphane-Hessel-Titel ("Wehrt Euch") von Hans Magnus Enzensberger, der – was in diesem Fall als besonders erwähnenswert erkannt wird – auch online bei Faz.net steht.

Enzensberger gibt "für Leute, die keine Nerds, Hacker oder Kryptographen sind und die Besseres zu tun haben, als sich stündlich mit den Fallgruben der Digitalisierung zu befassen", eine Anleitung in zehn Punkten, wie man FAZ-Feuilletonautor wird sich der "Ausbeutung und Überwachung widersetzen" könne. Die Liste ist für Faschingssamstagsverhältnisse recht originell ("Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg" – "E-Mail, zu deutsch Strompost, ist schön, schnell und kostenlos. Also Vorsicht!" – "Solange das Wahlrecht noch existiert, sollte man ihnen [den Politikern] die Stimme verweigern, wenn sie die digitale Enteignung dulden, statt gegen sie vorzugehen") und laut FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der auf das links abgebildete Buch verwies, womöglich auch nicht völlig frei von Ironie.

Für die direkte FAZ-Konkurrenz von der Süddeutschen Zeitung allerdings sucht [Update: verlinkt] Dirk von Gehlen im heutigen Feuilleton nach dieser Ironie und wird nur bedingt fündig :

"Dabei liegt die größte Ironie in den Ratschlägen Enzensbergers gar nicht in ihrer Überspitzung, sondern in der Tatsache, dass Leser, 'die einen großen Teil ihres Lebens online führen', sie auf faz.net lesen können. Da kommt es zu einer Art Ironie-Feedback im Sinne des Hendrixschen E-Gitarren-Pfeifens, weil Enzensberger ja rät, 'auf alle Angebote, die auf diese Weise vermarktet werden, zu verzichten', und somit vor seinem eigenen Reklame-finanzierten Rat warnt. Die absonderliche Wendung der Werbefinanzierung ist dabei noch humorvoll zu nehmen, seine halbrichtigen aber vor allem ganz falschen Empfehlungen machen einen etwas ratlos, weil der Text eher undeutlich zwischen kluger Ironie und reaktionärem Ratschlag flackert."

+++ Was freilich heutzutage fortschrittlich ist, darüber kann man sich 2014 besser streiten als noch vor ein paar Jahren. Wenn man 2006 oder wenigstens 2011 eingefroren worden wäre, um heute wieder aufgetaut zu werden, man würde die alte Welt nicht gleich wiedererkennen: Wann immer Der Spiegel in den vergangenen Jahren einen Internettitel im weiteren Sinn (etwa diesen, diesen, diesen oder diesen) machte, konnte man – die diversen Snowden-Titel von 2013 ausgenommen – einigermaßen verlässlich davon ausgehen, dass er damit Empörung erzeugte. Den Hinweis auf den aktuellen Google-Titel verbreitet ein bekannter Google-Mann nun dagegen selbst gleich / mehrere / Male. Was die allseitigen Reflexe angeht, kann man vielleicht, und das ist doch insgesamt positiv, doch mal eine schleichende Entunterkomplexisierung konstatieren. Wozu auch gehört, dass Martin Giesler, Journalist beim ZDF, der an dieser Stelle und in anderen Blogs aber tendenziell eher in seiner Funktion als Blogger zitiert wird, bei den Blogrebellen die großen Internetkonzerne kritisiert, wie es vor Jahren nur Druckmedien konnten:

"Dass heute die Mehrzahl der Informationshungrigen über die sozialen Netzwerke Informationen konsumiert, ist (...) auf der einen Seiten natürlich total toll (Yay, Sender-Empfänger-Modell durchbrochen), auf der anderen Seite aber nicht im geringsten so selbstbestimmt, wie uns das die Claqueure der sozialen Netzwerke unaufhörlich einreden wollen. (...) Ich werde als Journalist also zermürbt zwischen der ständigen Selbstkontrolle via Statistik-Tools, dem internationalen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeiten und der niemals endenden Informationsflut.  (...) Immer mehr beschleicht mich das Gefühl, dass ich als Journalist in diesem Spiel immer verlieren werde und Facebook, Google und Twitter immer gewinnen. Aktuell tue ich alles dafür, dass es genau so kommen wird."

+++ Welche Rolle die sozialen Netzwerke für die Befeuerung der Sarrazin-Debatte spielen – keine Ahnung; da sind wir dann doch wieder bei einem Journalismus, der sich womöglich auch ohne Klickstatistiken selbst in logische Zwickmühlen befördert (siehe auch das Altpapier vom Freitag zur "medialen Anschlussfähigkeit"). Ich kann nicht anders als bei jedem weiteren kritischen Text über Sarrazin an dieses hübsche Medienmenschen-Happening zu denken, das sich im Februar ereignet hat: Der Sonderzahl-Verlag hatte eine Mail an einen Verteiler mit 2000 Journalisten verschickt, und der eine oder andere hatte die Mail an alle wohl mit einer Mail an alle beantwortet ("Ich bitte auch darum, nicht mit diversen Rückmeldungen belästigt zu werden, wie ja zahlreiche Kollegen auch").

So ist es auch mit Sarrazin-Besprechungen. Jeder Verriss des neuen S.-Buchs auf einem prominenten Sendeplatz gebiert weitere Verrisse und Einlassungen über die Unnötigkeit, über dieses Buch zu sprechen; die Bedeutung steigt; andere müssen dann doch auch was schreiben; die Bedeutung steigt weiter. In einem wirklich sehr beliebten Medienblog meldet sich schließlich ein besonders schlauer Beobachter zu Wort und findet es bemerkenswert, dass alle immerzu auf dieses Medienphänomen reagieren, das überhaupt keines wäre, wenn es keines wäre...

Nicht unsouverän im Sinn des medialen Einfach-nicht-Auskommens, geradezu vorbildlich, agieren da Augstein und Blome in ihrer Phoenix-Show. Sie schweigen Thilo Sarrazin mehr als eine Minute lang tot ("Schweigen Sie schneller!").

Wie man besonders laut schweigt, wissen wir seit dem Wochenende allerdings auch: An Neuem von der Sarrazin-Front lässt sich berichten, dass S. zum Cicero-Foyergespräch eingeladen worden war. Was zur Einladung geführt hat? Der anerkannt sachliche Vortrag, der gigantische Unterhaltungswert oder die intellektuell hochstehende Debatte? Cicero Online selbst erklärt es so:

"Vor allem den Medien wirft er vor, seit seinem Titel 'Deutschland schafft sich ab' einen unbändigen Hass gegen ihn und seine Thesen zu verbreiten. Das Magazin Cicero wollte diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen".

Wer möchte, kann natürlich auch von einer Instrumentalisierung erster Klasse sprechen. Dass die Cicero-Veranstaltung von Demonstranten verhindert wurde, ist eine Wochenendnachricht, die v.a. online auch die große Runde machte (siehe z.B. Berliner-Zeitung.de, Zeit.de, Welt.de u.v.a.). Am Ende der Debatte könnten wir Medien mit der großen Aufmerksamkeit für Sarrazins Meinung dafür gesorgt haben, dass der Eindruck entstanden sein wird, dass Sarrazin mit seiner These von der eingeschränkten Meinungsfreiheit Recht haben könnte. My brain hurts. Was das Spiel mit den Medien betrifft, kann man S. jedenfalls einen Troll nennen.

Er hält im ewigen Troll-Ranking allerdings trotzdem nur Platz zwei hinter der Bild-Zeitung, die für die Enthüllung eines Skandals, der keiner war, den Henri-Nannen-Preis erhalten hat. Wolfgang Michal bei Carta:

"Was ist eine investigative Leistung wert, die etwas skandalisiert, was für einen Skandal nicht reicht? Die Jury des Henri-Nannen-Preises ist wohl dem Hype der eigenen Branche erlegen. Sie hat nicht die 'beste investigative Leistung' ausgezeichnet, sondern die heiße Luft, die den Fall umgab."

Zur Strafe bringt er – "wie 2011" – einfach mal die Aberkennung des Preises ins Spiel.


ALTPAPIERKORB

+++ Das ZDF dreht den Anne-Frank-Film (siehe Altpapier) "nach einem Konflikt mit den Anne-Frank-Erben" (SZ) nun doch nicht. Die FAZ vom Samstag gewohnt deutlich: "Was für eine Blamage für das ZDF!" +++

+++ Der ZDF-Intendant Thomas Bellut hat der Initiatorin der Sie-wissen-schon-Petition nun laut Spiegel geantwortet, dass er "Kritik an unseren Sendungen", Kenner ahnen, dass es sich um "Markus Lanz" handelt, "sehr ernst" nehme usw., womit diese spezielle Sache womöglich endgültig als abgehakt gelten kann und alle so weiterwurschteln können wie vorher +++

+++ "Wohl nie in der jüngeren türkischen Geschichte waren die Medien so sehr parteiisch. Viele Kommentatoren agieren wie Fans, die stets nur ihre Fußballmannschaft unterstützen. Dabei gibt es derzeit, grob gesprochen, nur noch zwei Lager: für oder gegen Erdoğan. Die Medien sind so polarisiert wie die türkische Gesellschaft". Schreibt die SZ aus der Türkei +++ Der Tagesspiegel lobt einseitige, polarisierende, verkürzte Darstellungen – in Late-Nights und politischen Comedys +++

+++ Große Fernsehfragen werden auch heute bzw. wurden auch am Wochenende wieder erörtert. Da wäre ein Interview mit Sky-Chef Brian Sullivan im Spiegel, der behauptet, ein Pay-TV-Land werde Deutschland nach wie vor nicht – auch nicht, wenn Netflix komme +++ (Apropos Sky: Die zweite Staffel von "House of Cards" läuft dort in synchronisierter Fassung an, zum Start schreiben die FAS und der Tagesspiegel) +++ Und es gibt einen Beitrag bei Carta, in dem Thomas Frickel mehr Geld für Produzenten fordert: "schon 2008 erhob eine unheilige Allianz aus Verbraucherverbänden, DGB und dem vom WDR aus regierten Deutschen Kulturrat mit dem Slogan 'Was GEZahlt ist, muss von Dauer sein' die Forderung nach zeitlich unbegrenzten online-Abrufmöglichkeiten für das gesamte Fernsehprogramm – freilich ohne zu wissen, dass ein großer Teil des öffentlich-rechtlichen Programmangebots mitnichten 'GEZahlt' ist" +++

+++ Das Magazin namens Der Spiegel werde Anfang Mai "neu" im Sinn von Cover und "mehr Inhalte für Frauen", berichtet New Business; siehe auch DWDL +++

+++ Jörg Pilawa moderierte eine Neuauflage von "Einer wird gewinnen", und während Nikolaus von Festenberg beim Tagesspiegel vorher auf die Zeit von Kulenkampff zurückblickte, kritisiert die Berliner Zeitung hinterher: "letztlich zeugt diese ARD-Reprise vor allem von einer großen Ratlosigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems (...). (A)uf dem Weg in eine Gemeinsinn stiftende öffentlich-rechtliche Unterhaltungszukunft ist die Erinnerungsshow EWG doch eher ein einfallsloser Rück- als ein noch so kleiner Fortschritt. Denn es liegt auf der Hand, dass sich vor allem die Senioren mit dem Traditionslabel locken werden" +++

+++ Nicht ganz einig ist man sich in der Welt da draußen, ob Karnevalsfernsehen nun gut oder schlecht sei. Hans Hoff sieht die Jugend diskriminiert (DWDL), während Tobias Rüther in der FAS wohlwollend auf "eine Art Realismus" erkennt +++

+++ Die FAZ, die Taz und die SZ besprechen den ZDF-Nachwuchskrimi "Der zweite Mann" (23.50 Uhr) +++

Das Altpapier gibt es am Dienstag wieder.

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