100 Zeilen Onlinetext

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The Honorable Hans-Peter Friedrich schon wieder im Fokus - wegen eines deutschen pulp magazines. Eine frische und "sofortige" Chefredakteurs-Entlassung, schon wieder im Spiegel-Verlag. Welche Welten dort aufeinanderzuprallen beginnen. Außerdem: Frische Einstellungen und Streichungen bei Funke/ Springer.

Lust auf einen flotten Feelgood-Imagefilm eines Verlagsunternehmens, in dem dessen Mitarbeiter durchaus authentisch gute Laune beim Arbeiten in der Medienbranche vermitteln?Hier wäre einer, der in seinem nicht einmal dreiminütigen Verlauf zwar die Welt umspannt, seinen Ausgangspunkt aber sogar in Hamburg nimmt - also am ehemaligen Sitz des ehemaligen Verlags Axel Springer. Den Film stellt der Heinrich-Bauer-Verlag auf seiner Unternehmens-Webseite bauermedia.com online gratis zur Verfügung. Auch die derzeitige Chefin Yvonne Bauer tritt darin selbst auf und performt (nachdem sie ihren großen schwarzen Hund gestreichelt hat), ohne verkrampft zu verbergen zu versuchen, dass die Filmsprache Englisch nicht ihre Mutterprache ist, folgenden Satz: "Bauer is shaping popular culture like no other media house, because we tell the stories that move and excite people."Wen ein Bauerverlags-Medium derzeit zumindest aufregt: das Simon Wiesenthal Center. Es hat eine 30-seitige, reich illustrierte Studie (PDF) über das Weltkriegs-Romanheft bzw., wie es die New York Times es nennt, das "weekly German pulp magazine" Der Landser veröffentlicht und fordert in einem in der Studie enthaltenen Offenen Brief "The Honorable Hans-Peter Friedrich/ Minister of Interior/ Federal Republic of Germany" auf, untersuchen zu lassen, ob darin der Nationalsozialismus verherrlicht wird, und den Landser dann zu verbieten.Die Aktionen des Wiesenthal Center lassen sich sicher kritisieren (gerade heute kritisiert der Historiker Michael Wolffsohn im TAZ-Interview mit Cigdem Akyol, auch "als Sohn und Enkel von Holocaust-Überlebenden", die aktuelle deutsche Plakat- bzw. "Werbekampagne" des Zentrums hart). Und dass die Einschätzungen der deutschen Medienlandschaft durch das in Los Angeles ansässige Center keineswegs über alle Zweifel erhaben sind, zeigte ja die Platzierung Jakob Augsteins auf der "2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs"-Liste (siehe Altpapier). Aber die Landser-Studie stammt vom deutschen Journalisten und Historiker Stefan Klemp und wirkt fundiert.

Medien-Widerschein: Tagesspiegel und die Süddeutsche haben sich das aktuelle Landser-Heft "Tod an der Reichsgrenze" besorgt. "Die Erzählung hastet von Feuer und Tod und Harte-Männer-Romantik zur Erkenntnis, dass nur der Kampf zur 'Verteidigung der Heimat' einen Sinn hat. Kriegsverbrechen und Judenmord haben hier keinen Platz", schreibt Matthias Drobinski in der SZ. Das Heft "gilt in Deutschland als eine Art Symbol für jene militaristische Erinnerungsliteratur, die sich unkritisch mit den 'Leistungen' deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg befasst und sich teils recht hoher Nachfrage erfreut", schreibt Sonja Alvarez im Tsp. - auch deshalb, weil die von der IVW nicht erfasste Auflage des (auf der bauermedia.com-Seite gar nicht erwähnten, bei der Rastatter Verlagstochter Pabel-Moewig erscheinenden) Heftes öffentlich nicht bekannt ist; Klemp nennt in seiner Studie Zahlen von vor zehn Jahren (42.000, 28.000 und 20.000 Exemplaren für unterschiedliche Landser-Ausgaben). Zwar sind Landser-Inhalte inzwischen auch bei Amazon und in Apples iTunes-Store zu haben. Doch dass die Auflage stieg oder auch nur gleich blieb, ist kaum anzunehmen.Insofern zeigt sich der ausführlichste Presseartikel zu Thema, der der NYT, durchaus skeptisch, was die Wiesenthal-Aktion betrifft (und zitiert auch den Dortmunder Literaturwissenschaftler Peter Conrady als Experten skeptischer, als Klemps Studie ihn zitiert).Erste Reaktionen der Angesprochenen: Bauer beruft sich auf die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sowie "Einklang mit den in Deutschland geltenden Gesetzen". Bei Apple antwortete niemand auf E-Mails der NYT. Und, ebenfalls laut NYT:

"German Interior Ministry officials said they took the Wiesenthal Center complaint 'very seriously' and would investigate."

Ernst nehmen sie im Innenministerium ja auch Presseberichte, denen zufolge "Prism" und derlei Programme gegen deutsches Recht verstoßen könnten. Insofern wird der Landser wohl weiter erscheinen...[+++] Was geht sonst in Hamburgs und Deutschlands Verlagslandschaft? Ein Chefredakteur. Und zwar schon wieder an der Erikusspitze, im Spiegel-Verlag also, und schon wieder "mit sofortiger Wirkung". Wobei der bisherige manager magazin-Chef Arno Balzer gestern "abberufen und freigestellt" wurde, wohingegen Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron ihrerzeit "abberufen und beurlaubt" worden sind."Von der in diesen Fällen üblichen Floskel eines beiderseitigen Einvernehmens war da nichts zu lesen - aus gutem Grund", schreibt horizont.net in der ausführlichsten, allerdings mit allerhand Geraune ("Die einen im Haus sagen, ... Andere meinen, .... Dritte erzählen, ...") aufgeblasenen Analyse. Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe "räumt derzeit offenbar eher mal die eine oder andere Führungskraft weg, als sich mit Kontroversen aufzuhalten", meint Claudia Tieschky in der Süddeutschen (S. 27). Dass das manager magazin zu den ganz wenigen Zeitschriften mit steigender (im zweiten Quartal 2013 plus "knapp drei Prozent auf 109.517 Exemplare" gestiegene) Auflage gehört, werde womöglich deshalb gering geschätzt, weil der am Spiegel-Verlag beteiligte Verlag Gruner+Jahr ja seine eigene Wirtschaftsredaktion und damit Mitbewerber beinahe komplett entsorgt hatte. Einer aus dieser ehem. Redaktion, der letzte FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann, soll schon als Balzer-Nachfolger "im Gespräch sein".Ein schönes Exempel für den Clash, der auch und vielleicht gerade im Spiegel-Verlag (wo der neue Chefredakteur Wolfgang Büchner ja erst noch antreten muss) bevorsteht, erzählte der umtriebige junge und freie Journalist Daniel Bröckerhoff gerade in seinem Blog:

Eine Redaktion aus dem Print-Spiegel-Milieu hatte ihn für einen Beitrag zu einer "breit angelegten Debatte über die Zukunft der Zeitung" (super Idee übrigens!) angefragt, antwortete auf die Rückfrage nach dem Honorar jedoch mit dem großen Satz "da wir das Ganze als Debatte verstehen, werden wir die Texte leider nicht honorieren". Daraufhin inszenierte Bröckerhoff sich so multipel (als "mein innerer Popstar", "mein innerer Buchhalter" und "mein inneres Kind") wie multimedial (mit drei schmucken Fotos im Bitte-sagen-Sie-jetzt-nichts-Stil) selbst und verfasste einen, ähm, Rant für die sog. soz. Medien, der ihm vielleicht auch dann ein Honorar verschafft hätte, wenn Cordt Schnibben nicht ohnehin schon per E-Mail geantwortet hätte ("... Sorry. 250 Euro für 100 Zeilen in diesem Fall. Schöne Grüße!").Ungefähr diese Welten prallen aufeinander: Die einen bekommen halt Gehaltsschecks und denken sonst nicht an Geld, aber in Zeilen, auch wenn es um Onlinetexte geht. Die anderen schreiben alles gleich ins Netz und posen auch für selbstgemachte Fotos, bevor sie ihre E-Mails checken.Was geht im Springer/ Funke-Komplex? Schließungen (elf von 20 Geschäftsstellen in in Thüringen, siehe newsroom.de) und Stellenstreichungen auch in der Bild-Zeitungs-Gruppe ("An 15 Regionalstandorten der 'Bild' werden die Stellen der Ressortleiter und ihrer Stellvertreter gestrichen, einzelne weitere Stellen auch", siehe TAZ). Dabei handelt es sich um die Streichungen, die schon vor einer Woche bekannt wurden und wegen des Funkehandels etwas untergingen. Doch: "Auch bei der Bild-Zeitung rechnet der Springer-Konzern nicht mehr mit Wachstum", folgert die TAZ.[+++] Die hübsche Formulierung, dass Springer "viele Zeitungen und Zeitschriften abschüttelt", hat Daniel Bouhs ebenfalls in der TAZ, im großen LSR-FAQ zum heutigen Tag der Wirksamwerdung. Rasch also noch Leistungsschutzrecht im Schnelldurchlauf. Zur Frage, warum nochmal die Gesetzgeber dieses Gesetz verabschiedeten, antwortet Bouhs sich: "Oft haben die Entscheidungsträger in der Regierung keine Ahnung, wie sehr sie mit ihren Entscheidungen das Internet ins Chaos stürzen". Das ist inzwischen wohl Konsens. Zur Frage, ob die Verlage denn inzwischen an der Gründung einer Verwertungsgemeinschaft zum Verwerten ihrer neuen Rechte arbeiten, antwortete Zeitschriftenverlegerverbandspräsident Dietmar Wolff: "Es zeigt sich, dass die Umsetzung nicht mal eben in ein paar Wochen geht." Das Gesetz ist ja auch noch kein Jahrzehnt in der Diskussion.Der Heise-Verlag erinnert im Rahmen eines umfassenden Überblicks nochmals an sein nicht für Google optimiertes, sozusagen allgemeines Opt-in, das nur einerseits etwas absurd anmutet, andererseits, aufgrund der möglichen viel absurderen Folgen des neuen Gesetzes, durchaus sinnvoll scheint ("Daher legen wir Wert darauf, unseren Nutzern noch einmal klar öffentlich zu erklären, dass Links auf und kurze Textausschnitte/Snippets aus unseren Publikationen weiter höchst willkommen sind und dass dies weiterhin keiner Erlaubnis des Verlages bedarf oder gar Geld kostet.")

Die einzige derzeit bekannte Zeitung, die auf Google News-Werbepennys verzichtet, die Rhein-Zeitung aus Koblenz, hat sich in Gestalt ihres Chefredakteurs Christian Lindner nun auch im DPA-Interview zu Wort gemeldet, und zwar mit sinnvollen Argumenten ("...Wir decken ein Gebiet ab, dass vier Mal so groß wie Luxemburg ist. Wir haben hier rund 160 fest angestellte Redakteure, die über Dinge schreiben, die man sonst nirgendwo findet. Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Außerdem haben wir selbst eine überzeugende Präsenz in den sozialen Netzwerken aufgebaut, mit der wir unsere Leser besser erreichen können als mit einem anonymen Algorithmus einer Suchmaschine.")Und auf der FAZ-Medienseite sind sie jetzt auch gegen das LSR. Zumindest gibt sie einen kleinen Überblick in diesem Sinne ("Damit ist Google fürs Erste fein raus. Doch wirkt das Leistungsschutzrecht an anderer Stelle - genau dort, wo es dies eigentlich nicht tun sollte - bei Blogs und kleineren Aggregatoren..."). Als Beispiele werden natürlich rivva.de sowie der Nachrichtendienst für Historiker genannt, um den es auch wirklich schade ist. Außerdem zitiert Josh Groeneveld "neunetz.de", wo (bzw. korrekter bei neunetz.com) auch noch eine große LSR-Oper erschien: "Wider die Lügner".


Altpapierkorb

+++ Eigentlich mindestens ein Kapitel für sich: die Kommentierung des Bradley-Manning-Urteils und seiner Auswirkungen auf die Medienfreiheit auf den deutschen Kommentarseiten. "So ist das Urteil vor allem eine Aufforderung an die Medien und ihre Zuträger, noch vorsichtiger zu sein. Dem Geheimnisverrat - einem Volkssport in Washington - wird das kein Ende setzen. Dem haben schon andere Präsidenten vor Obama den Krieg erklärt. Und verloren" (Hubert Wetzel, Süddeutsche, S. 4) +++ Am ehesten ansatzweise überzeugend auf dieser staatstragenden Linie der Politikressorts (zeit.de: "Ein Held, der ins Gefängnis gehört", "Manning muss hart bestraft werden. Das heißt nicht, dass der Whistleblower moralisch falsch gehandelt hat") ist Malte Lehming im Tsp. ("Das Problem beim Utilitarismus ist, dass er leicht als Normenübertretungslegitimation missverstanden werden kann"). +++ Das Urteil "passt freilich genau in den Rahmen, den die Regierung Obama mit ihrer stetig intensivierten Überwachungspolitik vorgegeben hat. Sie scheint bereit zu sein, im Namen der nationalen Sicherheit die rechtsstaatlichen Fundamente zu untergraben" (Jordan Mejias, FAZ, S. 27). +++ "Bradley Manning ist der Prototyp eines Informanten, der unter großen persönlichen Risiken politische Missstände öffentlich gemacht hat", sagte Reporter ohne Grenzen-Geschäftsführer Christian Mihr. +++

+++ Eine "Kolumne zum TV" von Klaus Staeck, und zwar offensichtlich dem Klaus Staeck, hat die Berliner Zeitung (und zwar der Frankfurter Rundschau entnommen): "Jetzt wird schon bei 3Sat mit banalen Sendungen belästigt, die sonst nur bei RTL2 laufen? Da kommt jeder Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ins Schlingern", hebt der bekannte Grafiker schwungvoll an. Um den Dokummentarfilm "Mit Bleifuß durch Germany - Touristen ohne Tempolimit" geht es dann... +++ Gegenprogramm ebenda: "Ich liebe Talkshows. Kaum sind sie in der Sommerfrische, fehlen sie mir. Ich nehme dann mein Buch und gehe raus zu den Mücken...", schreibt Birgit Walter hochkolumnös, aber pro-öffentlich-rechtlich. +++

++++ "Bücher von Fernsehschaffenden sollte man, wenn überhaupt, nur mit spitzen Fingern anfassen. Meistens sind das Auftritte in eitler Selbstbespiegelung, das verrät oft schon der Buchdeckel, wo sich der Autor in mehr oder weniger verunglückten Posen breitmacht". Den Deckel von Gerd Ruges Buch "Unterwegs" hält Stefan Klein auf der SZ-Medienseite auch nicht für so toll, das Buch selbst lobt er aber ausgiebig. +++

+++ Die FAZ-Medienseite befasst sich mit New Yorks Bürgermeisterkandidat Anthony Weiner ("In den Medien ist er unten durch") und der Idee des polnischen Publizisten Adam Krzeminski, der UMUV-Sender ZDF solle zum siebzigsten  Jahrestag des Warschauer Aufstands "einen gemeinsamen deutsch-polnischen Film zu produzieren" +++

+++ Laufendes TV-Programm: Die SZ empfiehlt "Gewalt hinter Gittern" (ARD, 21.45 Uhr) als einen "Film über Gewalt im Gefängnis, der zornig macht". +++ Der Tagesspiegel empfiehlt das Arte-Dokudrama "Die Gentlemen baten zur Kasse" (morgen, 20.15 Uhr) so, als würde er statt der Neuproduktion lieber den 1960er-Jahre-Mehrteiler "Die Gentlemen bitten zur Kasse" sehen, der bei Arte bloß auszugsweise ver-, äh: -wertet wird ("Dem Charme des TV-Klassikers kann man sich kaum entziehen. Nicht nur wegen des Wiedersehens mit Tappert, Siegfried Lowitz, Grit Böttcher und anderen Darstellern. Das dramatische, an den Fakten orientierte Spiel fesselt. Ein stilprägendes Stück TV-Geschichte, Vorläufer heutiger Dokudramen, in Szene gesetzt zuerst von Inge Meysels Ehemann John Olden und danach von Claus Peter Witt...") +++ Heute schon um 22.15 Uhr im ZDF auf den Sender dürfen "vielversprechende Nachwuchsregisseure" im Rahmen der Reihe "Shooting Stars", die die FAZ recht pauschal empfiehlt. Gegen den Startfilm "Kriegerin" hat der Tsp. doch einige Einwände ("Dem Film fehlt es über die klischeehafte Darstellung von ostdeutschen Neonazi-Gruppen hinaus am Überbau, die politischen Ansichten und Gewaltexzesse bleiben holzschnittartig. Eine Tangente zum NSU-Prozess und der Angeklagten Zschäpe ist nicht zu ziehen"). Wobei, als der Film im Sommer 2011 Kino-Premiere hatte, der Wissensstand der breiten Öffentlichkeit ein anderer war... +++

+++ Ob es nun dritt- oder fünfthöchste (KSTA) Hochhaus Kölns ist: Es ist nun zumindest das "bisher höchste in Deutschland, das abgerissen werden soll": das ehemalige Deutsche Welle-Hochhaus, das seit 2003 leersteht, auch weil es asbestbelastet ist (FAZ-Medienseite). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag. 

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