TV-Tipp: "Die Frau in Blau"

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21. Januar, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Die Frau in Blau"
Ein tödlicher Autounfall bringt Täter Denis und Opfer Alfred zusammen. Zwei Jahre später kämpft der Ex-Fotograf um seinen Führerschein und entdeckt im Atelier des traumatisierten Witwers unerwartete Menschlichkeit.

Vor einigen Monaten ging die ARD-Serie "Hundertdreizehn" der Frage nach, wie viele Leute direkt oder indirekt involviert sind, wenn jemand tödlich verunglückt. Die Antwort war der Titel: Es handelt sich laut einer vom Bundesverkehrsministerium veröffentlichten Studie um 113 Personen. Betroffen sind ja nicht nur Familie und Freundeskreis, sondern auch jene, die den Unfall beobachtet haben oder als Mitglieder von Polizei, Feuerwehr und Rettungsteams im Einsatz ist.

Von einigen dieser Menschen erzählte die WDR-Serie. Ruth Toma (Buch) und Rainer Kaufmann (Regie) haben ihren im Auftrag des SWR entstandenen Film "Die Frau in Blau" radikal anders konzipiert. Die Handlung konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Männer: Der eine ist Täter, der andere Opfer. Der Prolog schildert eine fröhliche Ausflugsfahrt. Ein Liebespaar ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf die enge Landstraße zu achten. Gianna Nannini singt "Bello e impossibile", dann kommt es zur Tragödie: Das Auto erfasst einen älteren Herrn und seine Frau. Sie ist sofort tot, er wird nie mehr derselbe sein. 

Knapp zwei Jahre später beginnt die eigentliche Geschichte: Denis Reuter (Jonas Nay) ist zu einer auf Bewährung ausgesetzten Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt worden. Diese Frist ist jetzt vorbei, daher hätte er gern seinen Führerschein zurück. Bei der psychologischen Beratung stellt sich jedoch umgehend heraus, dass ihm jegliche Einsicht zur Selbstkritik fehlt, außerdem hat er sein Opfer kein einziges Mal besucht; das holt er nun nach.

Er findet Alfred Hansen (Joachim Król) in einem Mainzer Gemeinschaftsatelier. Der Witwer erweist sich als gut gelaunter älterer Herr, der Denis direkt das Du anbietet und ihm seine Bilder zeigt. Alfred wirkt ein bisschen wunderlich, ebenso wie der Rest der malenden Gemeinschaft, aber offenbar trägt er ihm nichts nach. Denis kauft ihm eins seiner originellen Bilder ab. Damit ist die Sache für ihn erledigt, aber so einfach lassen ihn weder der Film noch die Psychologin davonkommen.

Nach und nach geben Toma und Kaufmann preis, wie sich das Leben der beiden Männer nach dem Unfall verändert hat. Alfred, früher Elektriker, musste seinen Beruf aufgeben; dafür hat er angefangen zu malen. Seine Tage verbringt er im Atelier, abends geht er heim; im Unterschied zu den anderen Männern und Frauen, die in therapeutischen Wohngruppen untergebracht sind, lebt er in einer eigenen Wohnung. Denis wiederum war bis zum Unfall ein gefragter Fotograf, heute betreibt er einen Tretbootverleih mit Ausschank. Zu Luana (Nairi Hadodo), seiner damaligen Beifahrerin, hat er schon lange keinen Kontakt mehr. Sie hingegen kennt Alfred gut, deshalb ist sie bereit, ihrem Ex-Freund zu helfen, als der nicht mehr weiter weiß; und jetzt wird die Geschichte interessant.

Kaufmann hat "Die Frau in Blau" mit großer Zurückhaltung inszeniert. Die Kamera (Martin Farkas) konzentriert sich ganz auf die beiden Hauptdarsteller, wobei der Regisseur geschickt offen lässt, ob Denis’ zunehmendes Engagement reine Berechnung oder tatsächlich eine Herzensangelegenheit ist. Das Titelbild liegt Alfred, der keinerlei Erinnerung an das Ereignis hat, besonders am Herzen. Es ist zwar abstrakt, zeigt aber eindeutig seine Frau nach dem Unfall. Als die Werke der Gemeinschaft in einer Galerie ausgestellt werden, verabschiedet er sich von dem Gemälde wie von einem guten Freund. Kurz drauf zeigt ein Zwischenfall, dass der Witwer geistig doch nicht mehr so gut beieinander ist: Als die Gruppe den Tretbootverleih besucht, ist er überzeugt, im Wasser sein Gemälde entdeckt zu haben. Nachdem Denis ihn wieder ’rausgeholt hat, machen sich die beiden tropfnass auf den Weg zu der Ausstellung, von deren Eingangstür Alfred fortan nicht mehr weichen will: Entgegen der ausdrücklichen Vorgabe hat der Galerist das Bild verkauft. 

Was nun folgt, ist die gerade von Joachim Król überaus anrührend gespielte Entstehung einer Freundschaft. Weil sich Alfred wie ein Kind verhält, wird Denis mehr und mehr zu seinem großen Bruder, der sich inklusive Verfolgungsjagd durch die herbstlichen Weinberge schließlich sogar mit der Polizei anlegt, damit der Maler sein Bild zurückbekommt. Wie er dem Witwer und somit schließlich auch sich selbst zum Seelenfrieden verhilft, ist ungemein pfiffig ausgedacht und liebevoll umgesetzt; den Rest besorgt die gut gelaunte Jazz-Musik von Stefan Will. Die Atelierszenen sind in den Räumen der Hamburger Kunstgruppe "Die Schlumper" entstanden, Alfreds Bilder wurden von der Malerin und Szenenbildnerin Christina Harms eigens für den Film angefertigt.