Dämmerung

Dämmerung

Das große Sun-Jumbo-Quiz: Der Abhör- und Bestechungsskandal bringt die britische Sun in eine Lage, die die Zeitungsvielfalt bedroht. Armin Nassehi belebt Enzensbergers Kursbuch. Und zudem: Bertelsmann, Wulff, Baku, Grammys

Wäre diese Kolumne eine Zeitung, auf der Titelseite stünde heute Rupert Murdoch. Murdochs Sun ist trotz Bertelsmann-Neusortierung, trotz Whitney Houstons Tod, trotz der Grammy-Verleihung vergangene Nacht, trotz Acta-Protesten, trotz Baku, trotz Kursbuch und sogar trotz ZDF-20.15-Uhr-Montagsfilm das Medienthema des Tages, sowohl was das Ausmaß der Berichterstattung als wohl auch die medienjournalistische Relevanz des Sujets betrifft.

Los geht's dabei eigentlich nur mit einer Meldung von Wulffschem Format: Es ist einfach nur wieder mal etwas rausgekommen, was eigentlich keinen überraschen kann, hier etwas wahllos aus der FAZ zitiert:

"Fünf führende Redakteure des Blattes, das in Großbritannien vor allem wegen der frechen Schlagzeilen und der 'nackten Wahrheiten' seiner Pinup-Girls auf Seite 3 berühmt ist, wurden am Wochenende wegen des Verdachts der Bestechung von Polizisten und Beamten festgenommen".

Die Nachricht selbst ist auch via Agenturen nachzulesen. Zur Einordung: Die FAZ schreibt weiter:

"Der Ruf und die Zukunft der 'Sun' sind durch die Ermittlungen derart erschüttert, dass der Unternehmer Rupert Murdoch, zu dessen Medienholding News International das Blatt gehört, sich zu einer Garantieerklärung an seine Beschäftigten veranlasst sah, dass die Zeitung trotz des Skandals weiter erscheinen werde", was man einen eher ungewöhnlichen Vorgang nennen muss, der ein bisschen nach Fußballtrainerdebatte klingt.

Eingestellt war dagegen bekanntlich das "Sonntags-Schwesterblatt 'News of the World'" worden, nachdem "die seit vier Jahren schwelenden Mutmaßungen, Murdochs Boulevardjournalisten hätten in Hunderten Fällen die Telefonspeicher von Mobiltelefonen bekannter Persönlichkeiten geknackt und abgehört, plötzlich durch die Veröffentlichung von Polizeiakten in weitem Umfang belegt worden" waren.

Die Süddeutsche, auf deren Seite 3 oft genug eines der Themen des Tages anders als von anderen erzählt wird, hat diese in Gänze der Sun gewidmet; und London-Korrespondent Christian Zaschke hat sich für den Text zunächst einmal davon überzeugt, dass die Sun, die, wie gesagt, ebenfalls für ihre Seite 3 berühmt ist, es ausblick- und anfahrtstechnisch beinahe so idyllisch hat wie die SZ in München:

"Niesel steht in der nebligen Luft, es ist nass-kalt. (...) Es ist eine unwirtliche Gegend ohne Geschäfte".

Nice. Vor allem aber rechnet Zaschke vor, was es bedeuten könnte, wenn die Sun doch fiele: "wenn die Sun fiele, dann fiele vermutlich auch der Rest von Murdochs britischem Imperium." Und das wiederum könnte – immer im Spekulativ potentialis verfasst – Gefahr auch für Times und Sunday Times bedeuten:

"Die beiden Traditionsblätter haben in den vergangen drei Jahren annähernd 200 Millionen Pfund Verlust eingefahren. Bezahlt hat Murdoch das mit den Gewinnen der News of the World und der Sun. (...) Ein reines Verlustgeschäft ohne die Möglichkeit der Gegenfinanzierung durch den Boulevard würde Murdoch jedoch nach Ansicht der meisten Beobachter nicht betreiben. (...) Es geht in der Sun-Affäre um mehr als Englands größte Zeitung oder Murdochs Gewinne oder allgemeine Fragen der Pres-seethik-es geht letztlich auch um die Pluralität und das politische Gleichgewicht des britischen Zeitungsmarktes."

Was auch der Tagesspiegel andeutet, der an Murdochs Entschlossenheit, die Sun zu erhalten, keine Zweifel andeutet, wohl aber, was dennoch für die Aufgabe spräche: "US-Analysten glauben, dass ein Verkauf der Zeitung die News Corp Aktie um 20 Prozent steigen lassen würde". Wie der Tagesspiegel zitiert auch die taz Gewerkschafter: "Rupert Murdoch versucht erneut, die Schuld einzelnen Journalisten in die Schuhe zu schieben, um den Ruf seines Imperiums zu retten." Und u.a. die Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau weiß, dass die Ethikkommission des Mutterkonzerns News Corp. selbst die zu den Festnahmen führenden "relevanten Informationen an die Ermittler weitergegeben" hat.

[listbox:title=Artikel des Tages[Das neue Kursbuch (taz)##Die Sun (FAZ)##Wulff und die Medien (TSP)]][+++] Yo. Sowas Millionen-Mails-einfach-mal-Durchsteckerhaftes könnte man allmählich auch mal aus Schloss Bellevue gebrauchen, wo der Bundespräsident abhängt: Christian Wulff war zum Beispiel Thema bei Günther Jauch und wird es heute bei hart aber fair sein, und lustigerweise wird er bei den recht ähnlich betitelten Sendungen beide Male von ein und demselben Peter Hintze mutmaßlich verteidigt, wie dem Tagesspiegel aufgefallen ist, weil die Personalie "vielleicht die Leere" anzeige, "die sich um Wulff auftut". Während besagtem Hintze, für die Medienbetrachtung vielleicht auch interessant, eher eine "parasitäre Berichterstattung" aufgestoßen sein will.

Könnte – reine Mutmaßung – sein, dass Robert Leicht ihm da zugestimmt hätte; er macht im Tagesspiegel (und mehr Wulff dann im Altpapierkorb) wieder einmal die Medien nicht nur zu Beobachtern, sondern auch zu Akteuren der Affäre:

"Ich halte die fortgesetzte Aufregung über Christian Wulff, die immer mehr vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, von einem beträchtlichen Anteil an medialer Heuchelei durchsetzt."

[+++] Was tun? Hölzchen und Stöckchen wegwerfen und die Wurzeln ausgraben. Die SZ-Medienseite nimmt sich in diesem Sinn eine Neuerscheinung vor, die auch im Feuilleton hätte auftauchen können: Das von Hans Magnus Enzensberger gegründete Kursbuch lebt auf, durch den Münchner Soziologen Armin Nassehi, der mit Willi Winkler durch München spazierte und mit ihm das Thema der ersten Ausgabe – "ein klassisches Themenheft" zur Krise – besprach:

"Die Krise gibt es doch gar nicht, versichert Nassehi und kann auf die nach wie vor kauffreudigen Münchner verweisen. 'Es gibt nur die Krisendiagnostik, von der wir alle gut leben.' Er will die 'funktionale Differenzierung' der Gesellschaft ernst nehmen und denkt sich das reaktivierte Kursbuch daher nicht als Zukunftslabor, sondern als 'Forum für unterschiedliche Sprecher'."

Und auch die taz, genauer Katja Huber, hat mit Nassehi gesprochen; hier steht der Text zum neuen Kursbuch im Kulturteil:

"Das neue Kursbuch vereint Ökonomen, Philosophen, Psychologen, bildende Künstler, Literaten und Soziologen. Internationale Perspektiven finden sich noch wenige. Doch auch hier möchte Nassehi den Faden zu Enzensberger wieder aufnehmen, der während seiner gesamten Herausgeberschaft kein Heft mit ausschließlich deutschen Beiträgen im Programm hatte. 'Die entscheidenden Sachen passieren anderswo', sagt Nassehi. 'Fürs zweite Heft mit dem Titel ,Besser optimieren' diskutieren wir gerade mit einem kenianischen Ökonomen, der über die Optimierung der Entwicklungshilfe nachdenkt.'"


Altpapierkorb

[+++] Wie gesagt: viel los heute. Der neue Bertelsmann-Chef Thomas Rabe kündigt im Spiegel-Interview einen Umbau des Konzerns an (siehe Vorabmeldung): RTL soll demnach nicht die Cashcow bleiben, man wolle global wachsen, und Rabe "rüttelt" auch "an der bei Bertelsmann bisher heiligen Dezentralität der Sparten: 'Uns stehen im Moment globale Spieler wie Facebook gegenüber, die alles andere als dezentral aufgestellt sind'" +++

+++ Vergangene Nacht wurden die Grammys verliehen, einen Tag nach Whitney Houstons Tod. Die Onlinetexte dazu: bild.de, berliner-zeitung.de, spiegel.de, sz.de, faz.net, welt.de +++

+++ So allmählich läuft sich Baku als Trending Topic warm – die Berichterstattung über den Eurovision Song Contest (ESC), der in diesem Jahr in Aserbaidschans Hauptstadt ausgetragen wird. Nicht nur kündigen die führenden ESC-Blogger Lukas Heinser und Stefan Niggemeier ihr erneutes Engagement an – Baku-Blog soll es wohl heißen, statt, wie nach Oslog und Duslog gefühlt vermutet, Baklog. Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung geht ins Rennen mit einem Text von Harald Staun, der die gewollte, aber nur vermeintliche Trennung von Entertainment und Politik thematisiert: "Wer staatliche Selbstdarstellung erlaubt, solange sie sich als Folklore verkleidet, der (...) hat der Politik schon längst die Tür geöffnet und schließt mit seinen Statuten" – die besagen, der Wettbewerb sei unpolitisch – "nur diejenigen aus, die nicht über die offiziellen Formen der politischen Inszenierung verfügen. (...) Es mag ja stimmen, dass sich ohne den ESC kaum jemand für die politische Situation in Baku interessieren würde, auch jene Journalisten nicht, die etwa diese Woche für die ARD-Sendungen 'ttt' und 'Kontraste' berichteten. Aber warum müssen sich deutsche Moderatoren, Sänger, Musiker an Zensurbestimmungen halten, die klingen, als hätte sie sich Präsident Alijew ausgedacht?" +++

[+++] Weitere Fundstücke des Tages zu Wulff würden sich gegebenenfalls für den nächsten z.B. Dietl-Film eignen: "Die Produzenten des Kinofilms ZETTL waren: Helmut Dietl, Gerhard Hegele und David Groenewold", twittert die Funkkorrespondenz, und Groenewold, das ist, na ja, siehe z.B. Jauch-Sendungsankündigung +++ Welche Rolle spielte in einem solchen Film wohl Frank Schirrmacher? Der Bundespräsident hat es ihm jedenfalls angetan, sein Twitter-Account liest sich wie eine Informationen- und Textablage zu #Wulff. Auch so lässt sich theoretisch eine Agenda mitsetten +++ Wenn man Dietl sagt, muss man aber, assoziationsgesteuert wie man halt so drauf ist, heute auch Benjamin von Stuckrad-Barre sagen, der das Thema von "Niggemeiers Medienlexikon" im Spiegel (S. 135) ist – weil er, "der das Gefühl großer eigener Radikalität und Skrupellosigkeit vermittelt", den Berliner Kurier wegen, ganz frei zusammengefasst, ungebührlich anmutender Berichterstattung abmahnte +++

+++ Den Dreh zurück von Wulff zur Sun kriegen wir über Silke Burmester, die, wie sie selbst dankenswerterweise mit dem Megaphon bekannt gab, stellvertretende Unterhaltungsjournalistin des Jahres hinter dem da geworden ist, die aber vielleicht auch gerne als Journalistenpreisjournalistin des Jahrtausends gelten darf: Sie kommt in ihrer Spiegel-Online-Kolumne von Wulff, den sie in der Briefform anspricht, zu Bild, und irgendwie sind wir da dann ja auch ein bisschen bei Sun: "Ausgerechnet die 'Bild'-Zeitung ist für Rechercheleistung zu Ihrem Fall für den Henri-Nannen-Preis nominiert. Einem Fall, an dem auch Blätter wie der SPIEGEL oder die 'Süddeutsche' dran waren. Also, um es kurz zu machen: 'Bild' und Nannen-Preis, das geht gar nicht. Das ist so, wie das Amt des Bundespräsidenten zu bekleiden und bestechlich gewesen zu sein. Sie, lieber Christian, der Sie so gut im direkten Kontakt sind, könnten Sie bei den Nannens bitte mal anrufen?!" +++

+++ Acta-Proteste? Da verweisen wir heute unvollständigerweise einfach nach drüben, auf evangelisch.de, und auf Friedrich Küppersbusch, der in der taz sagt: "Der Westdeutsche Rundfunk hat im großen Verlegerbeschwichtigen der WAZ-Gruppe seine Archive geöffnet. Ergebnis: Wenn ich einen alten Beitrag von mir herzeigte, kann mich sowohl die Westdeutsche Allgemeine Zeitung wie auch der WDR verklagen; der Einzige, der definitiv keine Rechte an seinem Werk hat, bin ich - der Urheber. ACTA verstärkt die Macht der Vermarkter gegen Verbraucher und Urheber entscheidend weiter; es ist ein Selbstmordversuch für ideengetriebene Volkswirtschaften" [+++] Publikative macht sich die Mühe, Oliver Pocher zu kritisieren: "'Was wäre Berlin ohne seine Türken?'”, fragte Pocher. Nachdem einige Zuschauer vorsichtig applaudierten, offenbar weil sie diese Frage als eine Würdigung der Migranten in der Stadt missverstanden hatten, antwortete Pocher sich selbst: 'Sauber, ordentlich, aufgeräumt'" +++

+++ Und Fernsehen: Der ZDF-20.15-Uhr-Film ist natürlich auch noch da: Er wird auch an diesem Montag ritualisiert wegbesprochen, von der FAZ etwa, die "Vater Mutter Mörder" "ambitioniert" nennt, von der SZ, von evangelisch.de oder vom Tagesspiegel +++Eine Facebook-Diokumentation findet die SZ trotz der Werbung für den Film auf FAZ-Seite 25 nur sehr bedingt gelungen: "Es ist eben einfach, Facebook böse zu finden, aber es ist sehr schwer, das Böse exakt zu identifizieren. An dem vom NDR als exklusiv angekündigten Interview mit Gründer Mark Zuckerberg ist höchstens bemerkenswert, wie die Journalisten den Facebook-Chef in sämtlichen Kritikpunkten ausweichen lassen" +++

Das Altpapier stapelt sich wieder am Dienstag.

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