Fettnäpfchen und Skandale

Fettnäpfchen und Skandale

Die Zahl der weltweit ermordeten Journalisten und auch Cyberdissidenten ist wieder gestiegen. Die der in der Türkei verhafteten ist nun dreistellig. Im Netz erhitzen Vorratsdatenspeicherung und "Emmaverbrennung" die Gemüter. Es könnte ja sein, dass kurz vor Weihnachten sich die meisten Aufregungen legen, dass Inhalteanbieter schon einmal Content für die entspannte Zeit zwischen den Jahren vorproduzieren (nur zum Beispiel: Bundespräsident Christian Wulff hat bereits seine Weihnachtsansprache für den 25. Dezember aufgenommen, vgl. etwa HAZ aus Sodom und Hannover; wir hier im Altpapier arbeiten an der großen Jahresvorschau für 2012, die ab Dienstag an dieser Stelle erscheinen wird) und dass man sich zwischendurch an Frank Elstner das Herz erwärmt.

[+++] Doch nichts da mit geruhsamer Vorweihnachtszeit. Die sog. sozialen Medien erregt gerade eine "Emmaverbrennung", die offenbar von Mitgliedern der Piratenpartei durchgeführt veranstaltet wurde (vgl. Twitter-Debatte zu #emmaverbrennung). Hintergrund: der Artikel "Frauen im Boot bringen Unglück!" über die Piraten in der aktuellen Ausgabe von Alice Schwarzers Zeitschrift, der online bloß angeteasert, vollständig nur in der Papier-Ausgabe zu lesen ist. Er zog sinnvolle Blogkritik nach sich (z.B. hier, dort). Aber dann scheinbar auch das.

Womöglich wird da bloß Unfug aus irgendeinem eher albernen Kontext gerissen. Aber wenn nicht Piraten, wer sollte denn dann wissen, dass längst jeder Unfug aus ursprünglichen Kontexten entnommen werden kann und dann kaum mehr aus der Welt zu kriegen ist? Judith Horchert twittert mit Recht:

"Textverbrennung in diesem Land ist ja nun kein Fettnäpfchen mehr. Das ist ein Skandal."

[+++] Zu allem Überfluss: Gestern vormittag machte die Annahme Nischenfurore, ARD und ZDF würden kampagnenartig die Vorratsdatenspeicherung propagieren. Netzpolitik.org berichtete knapp von der ausführlichen Beispielsammlung im Blog daten-speicherung.de (heute morgen offline), ohne dabei die Kampagnen-These zu teilen. Der erste Kommentar darunter lautet:

"Es IST eine Kampagne. Es ist auch sicher kein Zufall, dass plötzlich ach so schlimmer Rechtsextremismus aufgedeckt wurde, welcher natürlich ein 'ganz klares' Argument für die VDS ist…."

Darunter regt sich dann auch Widerspruch. Aber vielleicht sollte ein gewisses politisches Spektrum einfach mal den Winterschlaf beginnen, bevor es sein immerhin einiges versprechendes Potenzial noch in diesem Jahr ruiniert.[+++] Auch nicht erfreulicher die globale Lage der Medienfreiheit. Frisch veröffentlicht haben die Reporter ohne Grenzen ihre (hoffentlich nicht vorläufige, sondern schon endgültige) Journalistenmord- und -verhaftungsbilanz 2011:

"Mindestens 66 Journalisten sind bereits in diesem Jahr während ihrer Arbeit oder wegen ihres Berufs getötet worden. Das sind neun Reporter mehr als im Vorjahr ... Auch die Zahl der Festnahmen und Entführungen von Journalisten ist ebenso wie die Zahl der Übergriffe gegen Medienmitarbeiter deutlich gestiegen. 1.044 Journalisten wurden seit vergangenem Januar weltweit festgenommen (2010: 535), 1.959 wurden angegriffen oder bedroht (2010: 1.374), 71 wurden entführt (2010: 51)."

Wenn man so will bzw. Idealist ist, könnte die Ursachenanalyse darauf deuten, dass diese Zahlen in Zukunft sinken könnten:

"Ein bedeutender Faktor für den starken Anstieg an Repressionen und Gewalt gegen Medienschaffende waren die Ereignisse um den 'Arabischen Frühling' sowie Proteste in Ländern wie Sudan, Belarus oder Uganda. '2011 war in vielen Ländern ein Jahr der Demonstrationen und Kämpfe für Freiheit und Demokratie'",

erklärt die Reporter-NGO, die außerdem Blogger und "Cyberdissidenten" gesondert zählt:

"Auch die Repressionen gegen Blogger und Internetaktivisten haben in diesem Jahr weiter zugenommen. So wurden bisher 199 Cyberdissidenten festgenommen (2010: 152), zudem verloren mindestens fünf Online-Aktivisten ihr Leben."

[listbox:title=Artikel des Tages[ROG-Jahresbilanz 2011##Bevorstehender ZDF/KEF-Knatsch (BLZ)##Konstantin Neven DuMonts evidero.de]]

Es gibt die Jahresbilanz auch als sechsseitiges PDF-Dokument zum Download. Darin werden auch zehn Regionen bzw. Städte genannt, die in diesem Jahr "von extremer Medienzensur und Gewalt gegen diejenigen, die freie und unabhängige Nachrichten und Informationen verbreiten wollten", geprägt gewesen seien.

[+++] Die Türkei gehört nicht dazu. Dass dort derzeit "Journalisten in Scharen" "verhaftet" werden, berichten aktuell sueddeutsche.de und die FAZ.

"Wenn der zu beobachtende Eifer der türkischen Justiz und Polizei anhält, befinden sich in der Türkei bald mehr Journalisten hinter Gittern als auf freiem Fuß. Seit gestern hat die Anzahl der inhaftierten Pressevertreter die Hundert erreicht",

schreibt dort Karen Krüger. Und falls sie nicht zu bitter ist, ist die Zwischenüberschrift im FAZ-Artikel, die den ersten Satz des Zitats paraphrasiert: "Bald gibt es mehr inhaftierte als freie Journalisten", genial. Zumindest aus der Sicht hiesiger freier Journalisten.


Altpapierkorb

+++ "Herr Elstner, wie lange haben wir für unser Gespräch?" - "So lange, bis Sie mich langweilen." - "Perfektes Stichwort. ..." (Tagesspiegel). - "Vor kurzem wurde Frank Elstner gefragt, warum er so langweilig ist. Das ist keine höfliche Frage, die ihm eine gewisse Bira auf Twitter gestellt hat, und es gibt viele Möglichkeiten, darauf zu antworten. Elstner schrieb: 'Warum finden sie mich denn so langweilig?' Spätestens da war klar, dass hinter dem Nutzernamen @frank_elstner wirklich er selbst steckt. ..." (Berliner Zeitung/ FR). Frank Elstner ist big in Berlin, zumindest auf den Medienseiten der lokalen Zeitungen. So perfekt wie hier simuliert ist die Überleitung aber nicht, denn Joachim Huber, der das Tsp.-Interview führt, hat natürlich nur "Wetten, dass...?" im Sinn ("Verstehen Sie die Absage von Hape Kerkeling?"), während Marin Majica, der die DuMont-Presse-Glosse verfasst, natürlich bloß auf die sog. sozialen Medien schaut. Bei Twitter versprücht Elstner übrigens für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehmoderator durchaus überdurchschnittlichen Humor. +++

+++ Knatsch zwischen dem ZDF, das wegen seiner Digitalsender "unerwarteten zusätzlichen Personalaufbau" betrieb, und der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), die genau das Gegenteil wollte, antizipiert Ulrike Simon in FR/ BLZ. "Die KEF könne sich nicht gefallen lassen, ignoriert zu werden", sagt der KEF-Vorsitzende Heinz Fischer-Heidlberger. +++ Indes hat die ARD-Degeto die viel bekanntlich mehr Filme in Auftrag gab, als sie bezahlen konnte (obwohl sie über wahrlich nicht wenig Geld verfügt), den Leiter "des beim NDR angesiedelten ARD-Büros der KEF", Kurt Bellmann, zum "Aufräumen" angeheuert (Süddeutsche). +++

+++ In Ungarn verliert "der wichtigste Debattensender", "der wortlastige und oppositionsnahe Sender Klubrádió ...seine Sendelizenz an einen bisher unbekannten Dudelfunk" (TAZ, Süddeutsche). +++ In Äthiopien wurden zwei schwedische Reporter "wegen Terrorverbrechen" verurteilt (Süddeutsche). +++ Zwischen Frankreich und der Türkei droht heftiger Streit wegen eines heute wahrscheinlich im französischen Parlament beschlossenen Gesetzes. "Mit den 'Erinnerungsgesetzen' kann man nämlich die schönsten Medienskandale inszenieren. Dass die Paragraphen Minderheiten vor Rassismus schützen, ist nicht wirklich zu erkennen", erläutert Jürg Altwegg auf der FAZ-Medienseite. Hintergründe, weniger medial in der TAZ. +++ In Großbritannien könnte sich die Abhöraffäre möglicherweise auf das Nicht-Nurdoch-Blatt Daily Mirror ausweiten (Handelsblatt). +++

+++ Konstantin Neven DuMonts Internetportal evidero.de ist online. Es mache "einen ordentlichen, wenn auch biederen Eindruck", meint meedia.de. +++

+++ Neue Zeitungen aus Papier erscheinen kaum mehr. Aber "Zeitungszeugen", jenes Blatt, das innen drin Nachdrucke uralter Zeitungen, etwa des "Völkischen Beobachters" der Nazis enthält, erscheint 2012 nach einer Pause wieder (Tsp.). +++

+++ Weitere Stimmen zur Rückkehr Guillaume de Poschs in den deutschen Fernsehkonzernlandschaft (siehe APkorb gestern): TAZ, Tsp.. +++ Vor allem geht es auf der SZ-Medienseite um die Lage bei der WAZ. Sie "hat offenbar vor, ein richtiger Medienkonzern zu werden", berichtet Bernd Dörries aus Essen. Dann dröselt er aber vor allem noch einmal ausführlich die Lage der die Zeitungsgruppe besitzenden Familienstämme auf. +++

+++ Streikende beim Schwarzwälder Boten? Nein, "Streik-Ende beim Schwarzwälder Boten" (meedia.de). Siehe streikbote.de. "Zur SWMH", zu der der Bote gehört, "gehört auch der Süddeutsche Verlag, in dem die Süddeutsche Zeitung erscheint", lässt dieselbe ihren neutralen Artikel enden. +++

+++ Medienjustiz: Ken Jebsen klagt gegen seine Kündigung beim RBB (Tsp.). +++ "Ein früherer Pornodarsteller muss die öffentliche Berichterstattung über seine Tätigkeit hinnehmen", urteilte der Bundesgerichtshof für Fälle, "in denen Schauspieler ihr Intimleben selbst der Öffentlichkeit preisgeben" (Berliner Zeitung, die auch erwähnt, dass der unterlegene Klagende u.a. gegen das Bauer-Blatt Auf einen Blick "2007 an der Seite von Katja Riemann an der Verleihung des Deutschen Filmpreises teilnahm"). +++

+++ "Dass Nebenrollen tatsächlich tragend sein können, hat er dabei ein ums andere Mal unter Beweis gestellt. ... Was von ihm bleibt, ist die Aura eines Gezeichneten, der Würde wahrt", schreibt Jochen Hieber in seinem FAZ-Nachruf auf Jürgen Hentsch. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

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