In Bewegung

Love at First Fight - Ausstellungsansicht

Sarah Blesener 2019 / Pressefoto (Detail) zur Ausstellung "Love at First Fight"

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Eine neue Ausstellung im Schwulen Museum Berlin versucht, die Vielfalt queerer Bewegungen nach Stonewall zu würdigen. Dabei spielen auch Initiativen im Rahmen der Kirche in der DDR eine Rolle.

Wo bislang die ständige Sammlung des Schwulen Museums zu sehen war, ist nun ein heller, kahl wirkender Raum. Es gibt keine Originale hinter Glas, es hängt kein einziges Bild an den Wänden. Die Materialien sind mit Kleiderbügeln und Klammer an Kleiderständern befestigt: Fotos auf Papptafeln ebenso wie T-Shirts mit aufgedruckten Slogans, Textmappen und Handzettel. Ansonsten herrscht Klebebandästhetik, eher notdürftig wird das Vorgestellte zusammengehalten, scheinen Streifen auf dem Boden einen Weg zu markieren oder vielleicht eine Grenze, die nicht überschritten werden soll. An der Seite stehen Fernsehmonitore mit Sitzmöglichkeiten davor. Die Nüchternheit scheint Konzept und steht in einem spannungsreichen, auch irritierenden Kontrast zu den pompösen Feierlichkeiten, die derzeit zum 50. Jahrestag des Stonewall-Aufstandes begangen werden. In bzw. vor einer kleinen Bar in New York, dem Stonewall Inn, wehrten sich in der Nacht zum Samstag, dem 28. Juni 1969 Homosexuelle und Transgender gegen die ständigen Polizei-Razzien. Eine Initialzündung für zahlreiche Gruppen in anderen Ländern, Diskriminierung und Verfolgung nicht länger hinzunehmen.

Die Ausstellung "Love at First Fight" will, wie es im Untertitel heißt, "queere Bewegungen in Deutschland seit Stonewall" sichtbar machen. Besonderes Gewicht liegt auf queer-feministischen Bewegungen, auf Ikonen wie Audrey Lorde, die sich selbst als "black lesbian feminist mother poet warrior" beschrieb. Ein weiterer Schwerpunkt ist etwa das Ringen um eine Gedenkkultur, die die homosexuellen Opfer des Faschismus nicht ignoriert (inklusive der scharfen Debatten innerhalb der "Community"). Eine Gruppe wie ACT UP, die auf die Aids-Krise reagierte, kommt ebenso vor wie die 'Party-Initiative' Gayhane, die im Kreuzberger Club SO36 mit dem "HomoOriental Dancefloor" einen Platz für schwule und lesbische MigrantInnen bietet.

Absichtlich lenkt die Ausstellung den Fokus nicht auf die meist dominierende Schwulenbewegung. "Wir haben", so formuliert es Carina Klugbauer, eine der beiden Kuratorinnen, "versucht, Personen, Perspektiven und Identitäten aufzunehmen, die sonst nicht vorkommen — die People-of-Color-Community etwa, Feministinnen oder auch Trans*-Personen und intersexuelle Menschen." Einen weiteren Fokus formuliert die zweite Kuratorin, Birgit Bosold, die schon an der großen "Homosexualität_en"-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum beteiligt war: "Ein wichtiger Punkt ist, dass wir die DDR-Perspektive sehr stark gemacht haben. Das wird sonst oft als Sonderkapitel abgehandelt, auch weil es über westdeutschen Aktivismus einfach viel mehr Material gibt."

Hier wäre etwa das Engagement der transsexuellen Bürgerrechtlerin Nadja Schallenberg zu nennen, die die erste Interessengemeinschaft für Transvestiten und Transsexuelle in der DDR gründete. Oder aber auch Bettina Dziggel, 1982 Mitbegründerin des Arbeitskreises Homosexuelle Selbsthilfe Berlin – Lesben in der Kirche. In einem Interview, das in der Ausstellung gezeigt wird, aber auch online zu sehen ist (Link zu YouTube), erzählt sie, wie sich der Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss mit dem Kampf gegen patriarchale Strukturen und dem lesbischen Coming-out verband. 1984 legte man im ehemaligen "Frauen-KZ" Ravensbrück einen Kranz mit der Aufschrift "Wir gedenken unseren lesbischen Schwestern" nieder. Der wurde kurzerhand von der Staatsmacht wieder entfernt, das Ministerium des Innern unterband im folgenden Jahr weitere Aktionen durch Festnahmen und Einschüchterungen der lesbischen Aktivistinnen.

In einem ausliegenden Büchlein "Denkmaeler" kann man zudem nachlesen, dass etwa die Gedenktafel in der Gedenkstätte Sachsenhausen auf das Engagement u.a. des Berliner Gesprächskreis Homosexualität der Ev. Advent-Kirchengemeinde (mehr kann man hier lesen) zurückgeht. So gehört zu queeren Bewegungen auch das Moment, wie sich Widerständigkeit im und durch den kirchlichen Raum entfalten konnte.

Zentral für die Ausstellung sind die auf Monitoren gezeigten Interviews mit unterschiedlichsten Aktivist*Innen. Sie schildern ihre persönlichen "Stonewall-Momente", also Stationen, Ereignisse in ihrem Leben, die sie veranlassten, initiativ zu werden, etwas zu ändern, Widerstand zu leisten: die über zwanzig, oft berührenden Berichte sind ein wichtiges Gegengewicht zur kühl verkopften Ausstellungsarchitektur. Ein schwuler Mann aus der Türkei, eine Woman of Color aus dem New Yorker Stadtteil Queens, der Trans-Mann, der in Ägypten auf dem Flughafen verhört wird, der Aktivist, der den 1. CSD in Berlin mitorganisierte, die Sexarbeiterin, die versucht, gängige Zuschreibungen zu unterlaufen, oder die Wissenschaftlerin, die über die Tabu-Themen Soziale Herkunft und Klassenunterschiede in der Community forscht. Einige der Interviews sind auf der Seite "Queer as German Folk" des Goethe-Instituts zu finden, das an der Ausstellung beteiligt ist und dafür sorgt, dass sie auch weltweit zu sehen sein wird. (So ist die Idee, die Ausstellung kostengünstig und einfach "auf Wanderung" schicken zu können, ein weiterer Grund für das nüchterne Ausstellungsdesign.)

Die Ausstellung "Love at First Fight" ist ein Versuch, gegenüber der oft gehörten Meta-Erzählung des Schwulenaufstandes, der Schwulenbewegung andere, oft vernachlässigte Gruppen des Aufbruchs, etwa Feministinnen, People of Color, Transgender, Aids-Aktivisten, stark zu machen. Das neue Label mag zwar "queer" sein, eine einzige, einheitliche Sicht der Dinge wird jedoch nicht daraus, kann auch gar nicht daraus werden. Insofern ist das Baustellenartige der Ausstellung auch Programm: Queere Geschichte, zumal die nach Stonewall, war und bleibt "under construction". Allerdings muss auch die Frage offen bleiben, was das vielbeschworene Potenzial queerer Bewegungen zu heutigen Debatten beiträgt bzw. beitragen kann.

Nachtrag: Wer noch einen harmonischen spirituellen Impuls braucht, findet ihn auf einer Tafel in der Ausstellung, auf der Besucher*innen ihre persönlichen Stonewall-Momente "posten" können. Dort hat jemand auf einen Zettel geschrieben: "Es ist schön, dass wir uns haben, wir danken Gott für diese Gaben."

Info: "Love at First Fight - Queere Bewegungen in Deutschland seit Stonewall", noch bis 30. September 2020 im Schwulen Museum Berlin, Lützowstraße 73. Geöffnet immer ab 14 Uhr; So, Mo, Mi, Fr bis 18 Uhr Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa bis 19 Uhr, Dienstag geschlossen. Eintritt: 7,50 / 4 Euro. Weitere Infos (auch zu Führungen und weiteren Ausstellungen) auf der Website des Museums: https://www.schwulesmuseum.de/

Angaben ohne Gewähr / Stand: Juli 2019

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