Berlin führt "Tag gegen Islamfeindlichkeit" ein

Auf dem Dach der Sehitlik Moschee ist eine Mondsichel angebracht.
Christophe Gateau/dpa
Ab diesem Sonntag (15.3.2026) ist der 15. März der "Tag gegen Islamfeindlichkeit" - allerdings nur in der deutschen Hauptstadt Berlin.
Zeichen gegen Islamophobie
Berlin führt "Tag gegen Islamfeindlichkeit" ein
Es gibt einen neuen Gedenktag. Der 15. März ist ab sofort der Tag gegen Islamfeindlichkeit. In der deutschen Hauptstadt. Berlin ist damit das erste deutsche Bundesland, das mit der Einführung eines solchen Tages ein Zeichen gegen Islamophobie setzen möchte.

In der Begründung des schwarz-roten Senates heißt es: "Dieser Tag soll in der Öffentlichkeit thematisiert und sichtbar gemacht werden. Die Einführung des Internationalen Tages gegen Islamfeindlichkeit ist Ausdruck gelebter Solidarität und soll verdeutlichen, dass Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt in Berlin keinen Platz haben dürfen." Cansel Kiziltepe, Senatorin für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, hatte sich dafür mit eingesetzt. Die SPD-Politikerin rechtfertigt, dass der neue Gedenktag keine Erfindung des Senats sei: Der Berliner Senat setze einen Beschluss der UN-Vollversammlung um. Diese habe als Reaktion auf das Attentat auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März 2019 diesen Tag als internationalen Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit eingeführt und "das setzen wir auch um".

Bei dem Attentat im neuseeländischen Christchurch kamen 51 Menschen ums Leben. Nur Neuseeland ist weit weg. Aber gibt es Islamfeindlichkeit in Deutschland oder zumindest in Berlin wirklich?

Nachgefragt im Deutschen Muslimischen Zentrum (DMZ) in Berlin mit seinen rund 130 Mitgliedern. Iman Andrea Reimann ist dort Öffentlichkeitsbeauftragte. Eine ablehnende Haltung gegenüber Kopftuchtragenden Frauen kenne sie durchaus: "Ich unternehme etwa mit den Frauen vom Deutschen Muslimischen Zentrum Reisen. Wir fahren fast nie in die Ost-Bundesländer. Es gibt auch Gegenden in Westdeutschland, die schwierig sind. Aber da hat man zumindest noch eine andere Form von Sicherheit. Aber ich würde privat in bestimmte Gegenden überhaupt nicht fahren."

Angst vor Fahrt mit dem Zug

Das bekräftigt auch Amina Simone Elgouhari, die gebürtig aus Brandenburg stammt. Seit sie zum Islam konvertiert sei und ein Kopftuch trage, traue sie sich kaum noch, nach Brandenburg zu reisen: "Ich fahre öfter mit dem Zug meine Mutter besuchen. Ich habe jetzt Angst dorthin zu fahren. Ich hatte es vorher schon schwer, weil man vor mir ausgespuckt hat, wenn ich mit meinem Kopftuch meine Mutter besuchen war. Dann bin ich eine Zeit lang mit dem Auto gefahren. Aber ich habe kein Auto im Moment. Und deshalb ist es sehr schwierig für mich, meine Mutter zu besuchen."

Auch in der Ahmadiyya Khadija Moschee in Berlin Pankow kennt man so etwas wie Islamfeindlichkeit. Vor 20 Jahren wurde die Moschee unter großem Protest erbaut, erzählt Imam Scharjil Khalid. Der islamische Theologe ist Hauptstadtrepräsentant der Ahmadiyya Muslim Jamaat, dem drittgrößten Islamverband in Deutschland.

Imam Scharjil Khalid vor Brandenburger Tor in Berlin.

"Es wurden damals viele Stereotype verbreitet. Man hatte Angst, dass das Minarett zu hoch ist, weil man den damaligen Flugverkehr über Tegel stören würde, wo dann die Terroristen hochsteigen und die Flugzeuge abschießen würden. Wir haben eine Küche mit Lager. Da hieß es, das wird unser Waffendepot sein. Die Kuppel wurde während der Bauphase mit Hakenkreuzen beschmiert. Es wurde versucht, einen Brandanschlag auf den Bagger während der Bauarbeiten zu verüben. Schweinsköpfe wurden abgelegt", erinnert sich der Imam.

Die Wogen von damals hätten sich geglättet. Physische Angriffe auf die Moschee gebe es heute nicht mehr. Aber Feindlichkeit gegenüber dem Islam, dass er erlebe er immer wieder, so Scharjil Khalid weiter: "Wir haben eine 24 Stunden-Telefonhotline. Da rufen manchmal Leute an und entladen Wut und Frust. Also ich wurde nachts geweckt und dann hat das Gegenüber einen Ton abgespielt, wo lauter Bomben zu hören waren, ein 9/11-Szenario. Es sind ganz klar antimuslimische Motive, die da mitschwingen."

Nazi-Parolen

Auch seine gut 700 Gemeindeglieder erzählten immer wieder von Anfeindungen: "Viele Frauen haben berichtet, dass sie auf offener Straße beim Einkaufen vor einem Einkaufsladen vor ihrem Kind als Terroristen beschimpft und wüst angepöbelt wurden. Nazi-Parolen sind gefallen."

Selbst an Schulen gerieten die Kinder seiner Gemeinde unter Druck. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel hätten Kinder sich rechtfertigen müssten, erzählt der Imam: "Sie wurden von Lehrern drangsaliert und vor der ganzen Klasse zur Rede gestellt: Wie bewertest Du die Hamas? Das waren zehnjährige Kinder. Die wissen nicht, was die Hamas ist. Die wissen schon gar nicht, was der Hintergrund von den ganzen Kriegen ist, so dass manche weinend die Klasse verlassen haben."

"Wir haben auch ein strukturelles Problem. Jede zweite muslimische Person erfährt Diskriminierung im Umgang mit Behörden", sagt Rima Hanano, Leiterin von Claim, einer gemeinnützigen Organisation.

Persönliche Schilderungen, die in das Gesamtbild passen. Islamfeindlichkeit sei Teil des Alltags, des deutschen wie auch des Berliner Alltags, weiß Rima Hanano. Sie ist Leiterin von Claim, einer gemeinnützigen Organisation, die sich gegen antimuslimischen Rassismus einsetzt. 

"Wir haben auch ein strukturelles Problem. Jede zweite muslimische Person erfährt Diskriminierung im Umgang mit Behörden. Fast 40% der muslimischen Männer erfährt Diskriminierung im Umgang mit der Polizei. Das sind belastbare Ergebnisse, die es ernst zu nehmen gilt", erklärt Hanano.

In der Debatte tauchen immer wieder die Begriffe Islamfeindlichkeit, Islamophobie und antimuslimischer Rassismus auf. Für Rima Hanano sind das Begrifflichkeiten, die sich im Kern glichen. Es seien unterschiedliche Konzepte, die Schnittmengen aufwiesen. Islam- und Muslim-Feindlichkeit beschreibe die pauschale Abwertung von Musliminnen und Muslimen oder dem Islam. Diese Abwertung könne in Übergriffen, Diskriminierungen und Angriffen münden.

"Die Hemmschwelle ist gesunken"

Antimuslimischer Rassismus sei dagegen ein breitgefassteres Konzept, das sich nicht nur auf Vorurteile konzentriere, sondern Institutionen und Strukturen in den Blick nehme. Etwa diskriminierende Praktiken in Behörden. Islamfeindlichkeit oder Islamophobie nehme also zuerst die Ablehnung von Gläubigen in den Blick. Antimuslimischer Rassismus greife dagegen weiter. Er betrifft auch Menschen, die von anderen für Muslime gehalten werden, obwohl sie es gar nicht sind, Jesiden zum Beispiel. 

In Berlin wurden 2024 von Claim 644 Fälle von antimuslimischem Rassismus registriert - fast 70 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die aktuellen Zahlen der Politisch Motivierten Kriminalität für das Jahr 2025 gäben keinen Anlass zur Entwarnung. Bis zum 31. Dezember 2025 wurden in Berlin 172 islamfeindliche Straftaten registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen, da viele Vorfälle nicht gemeldet oder gar nicht als solche erkannt würden, schreibt Claim in einer aktuellen Pressemitteilung.

"Die Hemmschwelle ist gesunken. Die Angriffe sind unverhohlener. Leute fühlen sich ermächtigt, Menschen anzugreifen, Frauen das Kopftuch vom Kopf zu reißen, Menschen anzuspucken, zu beleidigen, sogar Kinder anzugreifen, sowohl verbal als auch tätlich. Da sehen wir schon eine Veränderung", sagt Claim-Leiterin Hanano.

"Mehr als Verdreifachung bei Übergriffen"

Nur, ist Islamfeindlichkeit das vordringlichste Problem? Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Martin Hikel (SPD), zeigt sich irritiert, dass ohne irgendwelche Absprachen und Ankündigungen nun plötzlich ein Tag gegen Islamfeindlichkeit eingeführt werde. Denn man müsse die Relationen sehen. Hikel bezieht sich auf die Zahlen von 2024: "Die Claim-Allianz hat 644 antimuslimische Übergriffe gezählt. Und das bei rund 400.000 muslimisch Gläubigen in der Stadt. Dagegen stehen rund 2.500 antisemitische Übergriffe bei nur rund 40.000 Jüdinnen und Juden in der Stadt. Das ist eine mehr als Verdreifachung zu dem Stand vor dem 7. Oktober 2023. Jeder einzelne Übergriff ist ein furchtbarer und einer, der jenseits unseres demokratischen Grundkonsenses steht, aber als politisch Verantwortlicher muss man schauen, welches Signal setzt man, wenn wir eine solche Brisanz haben. Dass man da ein Stück weit Sensibilität walten lassen sollte."

Zudem gäbe es die Befürchtung, dass mit dem neuen Berliner Gedenktag jede Kritik an einem politischen und radikalen Islam unterbunden werden könnte. Denn genau deshalb sei der 15. März als Internationaler Tag gegen Islamfeindlichkeit zustande gekommen, warnt die Frankfurter Ethnologin und Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter. Dahinter stecke eine starke muslimische Lobby: "Nämlich die Organisation für islamische Zusammenarbeit. Das ist die wichtigste Organisation der islamisch geprägten Staaten. Das ist auch die Organisation, die 1990 in Kairo die Erklärung der Menschenrechte im Islam veröffentlicht hat. In dieser Erklärung sind alle Menschenrechte obsolet, sofern sie nicht mit der Scharia kompatibel sind. Das sind sie ja in der Regel nicht. Und diese Organisation ist seit Jahren dabei, über die UN Kritik am Islam und seinen Symbolen zu verbieten. Das definiert diese Organisation als islamfeindlich. Und da sie gut vernetzt sind, ist es ihnen gelungen, dass die UN diesen Tag gegen Islamfeindlichkeit ausgerufen hat."

Wissenschaftlerin: "Gedenktag ist falsches Signal"

Dass nun der 15. März in Berlin als neuer Gedenktag eingeführt wird, sei ein völlig falsches Zeichen. Denn Berlin wie auch ganz Deutschland hätten zuerst ein massives Antisemitismus-Problem. Es müsse keine Moschee geschützt werden, aber jede Synagoge und jede jüdische oder israelische Einrichtung müsse geschützt werden.

Auch die Menschenrechtanwältin und liberale Moscheegründerin Seyran Ateş lehnt den 15. März als neuen Gedenktag rundweg ab, zumal er den Berliner Muslim:innen einfach vor die Nase gesetzt worden sei, ohne nachzufragen, wer von den rund 400.000 Gläubigen in der Stadt diesen neuen Gedenktag überhaupt haben möchte. Nach wie vor steht Seyran Ateş Tag und Nacht unter Polizei- und Personenschutz, weil sie von radikalen Muslimen mit dem Tode bedroht werde. Statt Muslime als nur Opfer in den Blick zu nehmen, sollte doch auch die Bedrohung durch Muslime problematisiert werden.

"Dabei beobachten wir in den letzten zweieinhalb Jahren vor allem seit dem 7. Oktober, dass insbesondere aus muslimischen besonders gewaltbereiten Gruppen Aggression und Feindlichkeit gegen andere Menschen tagtäglich vorkommen. Sowohl gegen Andersdenkende, Andersglaubende, Andersliebende als auch ganz gewalttätig gegen unsere Gesamtgesellschaft, die sie als Wertegemeinschaft nicht anerkennen. Insofern irritiert dieser neue Gedenktag eine große Zahl von Menschen", beklagt Ateş.

Seyran Ateş: "Warum nicht der 22. August"

Auch den im Wissenschaftsdiskurs eingeführten Begriff des "antimuslimischen Rassismus" lehnt Seyran Ateş ab, weil Muslime keine Rasse seien. Statt Muslime als Sondergruppe zu behandeln, sollte der Berliner Senat besser alle Gläubigen in den Blick nehmen, die Hass und Hetze ertragen müssen. Und gerade da hätten die Vereinten Nationen auch längst einen Gedenktag ausgerufen, den man mit allen feiern könnte: "Der 22. August ist der Internationale Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten auf Grund von Religion oder Weltanschauung. Warum können wir nicht diesen Tag ganz besonders in Berlin begehen und sagen, hier betrifft es eben alle Religionen und auch die Weltanschauungen. Und an diesem Tag können wir darauf hinweisen, dass es auch Islam- und Muslimfeindlichkeit gibt."

Nun aber ist der 15. März 2026 als "Tag gegen Islamfeindlichkeit" beschlossene Sache. Auch wenn der Tag in diesem Jahr ausgerechnet in den Ramadan fällt und viele Muslim:innen kaum Zeit und Kraft aufbringen werden, auch noch diesen neuen Gedenktag zu begehen. 

Der 15. März, der Tag gegen Islamfeindlichkeit, ist also schon jetzt höchst umstritten. Für die einen ist er ein wichtiger Schritt, um Muslime als Opfer mehr in den Blick zu nehmen. Für andere ist er reine Symbolpolitik über die Köpfe der Gläubigen hinweg. Dann wieder befürchten weitere, dass mit diesem Tag jede Kritik an den Schattenseiten eines radikalen und politischen Islam ausgeblendet werden könnte. 

In der Ahmadiyya Khadija Moschee in Berlin Pankow will man sich jedenfalls nicht nur mit einem neuen Gedenktag zufriedengeben. Statt auf die Politik zu warten, will man selbst aktiv sein, um die eigene Position in der Gesellschaft zu stärken, etwa wenn es um die von Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßene Stadtbild-Debatte geht, sagt Imam Scharjil Khalid: "Viele sind hier in zweiter und dritter Generation geboren, haben aber immer noch mit Anfeindungen zu tun. Wir bekämpfen das am besten, indem wir dem koranischen Grundsatz folgen: Wehre das Schlechte mit dem Besten ab! Kommt, die reden über das Stadtbild. Wir verbessern das! Da haben wir den Neujahrsputz gemacht mit mehreren Jugendlichen in Deutschland und haben gesagt, wir gehen auf die Straße und zeigen, wie man das Stadtbild verbessert, anstatt einfach die ganze Zeit rumzumeckern."

Iman Andrea Reimann vom Deutschen Muslimischen Zentrum hat einen Traum. Sie wünscht sich für den neuen Gedenktag und darüber hinaus: mehr Zugewandtheit zwischen den Akteuren, Befürwortern wie Kritikern.

Iman Andrea Reimann vom Deutschen Muslimischen Zentrum hat bei allen Pro- und Contra-Positionen einen Traum. Sie wünscht sich für den neuen Gedenktag und darüber hinaus: mehr Zugewandtheit zwischen den Akteuren, Befürwortern wie Kritikern: "Im Islam sagen wir: ein Lächeln ist Sadaqa, also eine Spende. Etwas, was uns gegenseitig einfach nur gut tut. Menschen treffen sich auf der Straße, sind sich bewusst, ab heute ist dieser Gedenktag und wir sind einfach mal nett zueinander, das fände ich einfach schön."