Was die evangelische Kirche für die Demokratie tun kann

evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold
evangelisch.de / Daniela Hillbricht
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Was die evangelische Kirche für die Demokratie tun kann
Kommentar
Was hält unsere Demokratie zusammen, wenn die AfD eine Landtagswahl gewinnt? Markus Bechtold, Portalleiter von evangelisch.de, sieht gerade jetzt eine besondere Aufgabe für die evangelische Kirche: Sie kann Orte schaffen, an denen Menschen miteinander im Gespräch bleiben, auch wenn die Gräben tief sind.

Nun ist es also passiert. Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent (Stand 8.35 Uhr, 7. September 2026) gewonnen. Das ist ein Einschnitt. Wir sollten ihn weder dramatisieren noch verharmlosen, aber sehr ernst nehmen. Denn das Ergebnis zeigt nicht nur die Stärke der AfD, sondern auch, wie stark politische Unzufriedenheit mobilisiert werden kann. Die Wahlbeteiligung lag mit rund 78 Prozent so hoch wie noch nie bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Zugleich ist bemerkenswert, woher die Stimmen kommen: Nach einer ZDF-Analyse von Sonntag Abend kamen 42 Prozent der AfD-Stimmen von Menschen, die bei der vergangenen Wahl nicht gewählt hatten. Die AfD hat also viele Menschen erreicht, die sich zuvor nicht an Wahlen beteiligt hatten. Das sollte uns beschäftigen. Denn politische Abwendung muss nicht in Gleichgültigkeit enden. Sie kann auch in Protest und Radikalisierung münden.

Deshalb sollten wir jetzt nicht nur auf Magdeburg starren. Regionalbischöfin Bettina Schlauraff hat auf evangelisch.de davor gewarnt, den Osten nach dieser Wahl abzuschreiben. Zu Recht. Sachsen-Anhalt ist nicht einfach ein Land, das jetzt "rechts" geworden ist. Dort leben Menschen mit unterschiedlichen politischen Haltungen, die sich engagieren, widersprechen und Verantwortung übernehmen.

Bei evangelisch.de fragen wir in unserem Demokratie-Schwerpunkt, was unsere Demokratie zusammenhält. Nach dieser Wahl ist diese Frage noch dringlicher. Denn wenn ein Riss durch die Gesellschaft geht, wie Landesbischof Friedrich Kramer nach der Wahl gesagt hat, und sich politische Lager zunehmend voneinander entfernen, reicht es nicht, nur über Wahlergebnisse und Parteien zu reden. Es braucht Orte, an denen Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen.

Was Kirche jetzt leisten kann

Gerade deshalb sehe ich eine besondere Aufgabe für die evangelische Kirche. Sie verfügt über etwas, das unserer Gesellschaft zunehmend fehlt: Orte der Begegnung wie Kirchen und Gemeindehäuser, Chöre und Jugendgruppen, Diakonie und Ehrenamt. Dort kommen Menschen zusammen, die sonst vielleicht nicht miteinander reden würden.

Dabei muss die Kirche allerdings auch ihre eigene gesellschaftliche Rolle realistisch sehen: In Sachsen-Anhalt gehört nur etwa jeder Neunte der evangelischen Kirche an. Sie kann deshalb nicht für die gesamte Gesellschaft sprechen und schon gar nicht davon ausgehen, dass ihre Botschaften automatisch alle erreichen. Aber sie kann Räume öffnen, in denen Menschen zusammenkommen, sprechen und sich zuhören.

Dabei muss eine klare Botschaft sichtbar sein: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und die Achtung jedes einzelnen Menschen. Das bedeutet nicht, jede politische Position gutzuheißen. Aber es bedeutet, Menschen nicht auf ihre politische Haltung zu reduzieren und bei Menschenfeindlichkeit klar zu widersprechen.

Offene Türen trotz klarer Haltung

Die evangelische Kirche muss deshalb beides können: klare Haltung und offene Türen. Gleichzeitig muss sie im Gespräch bleiben, auch mit Menschen, die AfD wählen. Nicht, um deren Positionen zu übernehmen, sondern weil wir Menschen nicht aufgeben dürfen. Wer Demokratie stärken will, darf den Kontakt zu denjenigen nicht verlieren, die aus Protest oder Überzeugung die AfD wählen. Das Gespräch ist kein Einverständnis.

Die evangelische Kirche kann die AfD nicht wegpredigen. Aber sie kann dazu beitragen, dass Menschen sich einander zuwenden, statt sich voneinander abzuwenden. Ihre Orte, ihre Netzwerke und ihr Ehrenamt können damit, wenn man so will, ein Stück demokratische Infrastruktur sein, gerade dort, wo andere Institutionen an Vertrauen verlieren.

Die Zeit drängt. In zwei Wochen wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt. Sachsen-Anhalt ist kein Schlusspunkt, sondern ein Weckruf. Demokratie lebt nicht nur von Wahlen und Parlamenten, sondern davon, dass Menschen einander begegnen und trotz unterschiedlicher Überzeugungen diskutieren können.

Dafür hat die evangelische Kirche etwas, das viele andere Institutionen nicht mehr haben: Orte, Menschen und eine Botschaft. Sie sollte diese Möglichkeiten jetzt noch mehr nutzen. Jetzt erst recht.