Kritiker werfen Spahn politische Doppelstandards vor

Jens Spahn und Ehemann Daniel Funke
Annette Riedl/dpa
Jens Spahn und Ehemann Daniel Funke sind dank einer Leihmutterschaft aus den USA Eltern geworden. Ein Dorn in den Augen vieler Kritiker.
Kritik um Spahns Vaterschaft
Kritiker werfen Spahn politische Doppelstandards vor
Mit der Inanspruchnahme einer Leihmutterschaft begibt sich Unionsfraktionschef Jens Spahn in den Widerspruch zur Position seiner Partei. In der CDU wird Kritik an ihm laut, ein Landesvorsitzender fordert sogar seinen Rücktritt. evangelisch.de berichtet.

Der Unionsfraktionschef Jens Spahn steht wegen der Inanspruchnahme einer Leihmutterschaft in der Kritik. Während der evangelische Theologe Peter Dabrock das nicht nur aufgrund der früheren Position Spahns gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft "bedenklich" (evangelisch.de berichtete) findet, kommt Kritik auch aus der CDU selbst.

Spahns Verhalten stehe im Widerspruch zur Position der CDU und auch zu früheren Aussagen von Spahn selbst, so der Vorsitzende des CDU-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters. Er fordert in der "Bild"-Zeitung am Freitag den Rücktritt von Spahn.

"Mit einer Leihmutterschaft in den USA hat Spahn sich in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt", sagt Peters. Es gehe "überhaupt nicht", dass Spahn für sich in Anspruch nehme, "als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt".

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Janosch Dahmen, spricht von möglichen Doppelstandards. Wer politische Regeln vertrete, müsse nachvollziehbar erklären, warum diese für das eigene Handeln offenbar nicht gelten sollten. Der Vorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, erklärt gegenüber dem Fokus, Leihmutterschaft sei aus gutem Grund verboten. Es sei problematisch, wenn Politiker dieses Verbot durch Möglichkeiten im Ausland umgingen.

Bischof Gohl: Doppelmoral und Glaubwürdigkeit

Nach der Bekanntgabe seiner Vaterschaft per amerikanischer Leihmutter hat der Stuttgarter evangelische Landesbischof, Ernst-Wilhelm Gohl, Jens Spahn kritisiert. Wenn ausgerechnet ein ehemaliger Gesundheitsminister und Regierungspolitiker öffentlich mache, dass er im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch genommen habe, gehe es auch um Doppelmoral und Glaubwürdigkeit, so Gohl laut Mitteilung der württembergischen Landeskirche am Freitag in Stuttgart.

"Wer den Eindruck erzeugt, dass politische Überzeugungen und persönliches Handeln auseinanderfallen, verliert Vertrauen." Dies beschädige auch das Vertrauen in die Politik insgesamt. "Davon profitieren am Ende die Anti-Demokraten, die unsere demokratischen Grundwerte grundsätzlich infrage stellen", sagt Gohl.

Frauen nicht als Brutkasten missbrauchen

"Frauen dürfen weder zum Sex gekauft, noch als Brutkasten missbraucht werden", fügt die Vorsitzende der Gruppe der Frauen der Unionsfraktion im Bundestag, Mechthild Heil, hinzu. Die allermeisten Frauen seien "den Käufern dieser Ausbeutung nicht gleichgestellt". Sie handelten aus finanzieller Not, physischer oder psychischer Abhängigkeit oder dem vermeintlichen Mangel an Alternativen.

"Die wenigen selbstbestimmten Frauen, die unabhängig und frei entscheiden können, unterstützen am Ende aber auch dieses ausbeuterische System zwischen Kaufeltern und Leihmüttern", sagt sie und ergänzt: "Ich lehne den Kauf von Kindern und damit die Leihmutterschaft ab."

CDU hält an Verbot für Leihmutterschaft fest

Das Frauennetzwerk der CDU in MV halte an dem im Februar 2026 auf dem Bundesparteitag in Stuttgart beschlossenem "Nein" zur Leihmutterschaft fest, teilt die Arbeitsgemeinschaft am Freitag mit. "Wir weichen unsere politischen Grundwerte nicht für Einzelfälle auf", sagt die Landesvorsitzende und betont die Vorbildfunktion politischer Führungskräfte. Demnach fordere sie den Fraktionsvorsitzenden zum Rücktritt von seinen politischen Ämtern auf, um "die Glaubwürdigkeit unseres familien- und gesellschaftspolitischen Kompasses vollständig zu wahren." 

In der Vergangenheit hatte Spahn sich mehrfach kritisch zur Leihmutterschaft geäußert, berichtet Die Zeit. Demnach sagte er 2015 als damaliger gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion dem Magazin GQ: "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden." Als Bundesgesundheitsminister wies er im Jahr 2020 die Forderung der FDP nach einer teilweisen Legalisierung der Leihmutterschaft zurück.

Spahns Verhalten ist auch Thema in Italien

Große Wellen schlägt das Thema Spahn und Vaterschaft auch in Italien. Sowohl die Nachrichtenagentur Rai News berichtet, als auch die Zeitung Corriere della Sera, die Spahn als möglichen Nachfolger von Merz sieht und seine Offenheit hervorhebt. "Er träumt schon seit jeher davon, Bundeskanzler zu werden, Und auf den offiziellen Fotos sehen seine Kinder einfach toll aus", berichtet die Zeitung. Deutschland habe sich sowieso weitgehend so sehr verändert, dass man ihn sehr gut akzeptieren würde.

Am Mittwoch war bekannt geworden, dass Spahn, der im Mai als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion wiedergewählt worden war, und sein Ehemann Eltern geworden sind. Der "Bild"-Zeitung bestätigte Spahns Mann Daniel Funke, dass das Kind von einer sogenannten Leihmutter ausgetragen wurde. Spahn selbst äußerte sich bislang auf Anfrage nicht.

In Deutschland machen sich Ärzte, die eine Leihmutterschaft herbeiführen, nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Auch die Vermittlung von Leihmüttern ist unter Strafe gestellt. Nicht strafbar machen sich hingegen die "Wunscheltern". Ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Rechtslage in Deutschland sei klar geregelt, eine Änderung der aktuellen Rechtslage nicht vorgesehen.