Was Journalismus heute leisten muss

evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold auf der re:publica 2026
privat
evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold vor dem Motto der re:publica 2026 in Berlin auf der Suche nach Antworten für den Journalismus im Zeitalter von KI und Vertrauensfragen.
Zwischen KI, Vertrauen und neuer Nähe
Was Journalismus heute leisten muss
Meinung
Was passiert mit Journalismus, wenn KI immer mächtiger wird? Wem vertrauen Menschen künftig und was macht Medien glaubwürdig? Auf der re:publica 2026 in Berlin hat evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold neun Gedanken aus Vorträgen und Diskussionen gesammelt.

Nach Tagen voller Gespräche, Panels und Begegnungen auf der re:publica 2026 ist bei mir weniger eine neue Technologie hängengeblieben als eine alte, vielleicht sogar drängender werdende Frage: Was muss Journalismus heute eigentlich leisten, damit er Menschen wirklich erreicht und relevant bleibt?

Das Motto in diesem Jahr, "Never Gonna Give You Up" (übersetzt: Ich gebe dich nicht auf) klang zunächst leicht verspielt. Doch zwischen Debatten über Künstliche Intelligenz, Plattformen, Demokratie und gesellschaftlichen Wandel erhielt es für mich einen neuen Klang. Vielleicht geht es tatsächlich darum, das Gespräch nicht abreißen zu lassen in einer Zeit, in der sich Kommunikation, Öffentlichkeit, Vertrauen und die Art, wie wir einander zuhören, verändern. Und damit auch der Journalismus.

Es geht weniger um das nächste Werkzeug, sondern um etwas Grundsätzlicheres. Um die Frage, was im Journalismus, und vielleicht auch darüber hinaus, im Kern trägt.

1. Journalismus lebt nicht von Klicks, sondern von Vertrauen

Aufmerksamkeit entsteht oft innerhalb weniger Sekunden. Vertrauen dagegen wächst über Zeit. Es entsteht dort, wo Menschen erleben: Diese Informationsquelle bleibt verlässlich, auch wenn die Welt unübersichtlich wird. Journalismus lebt deshalb am Ende nicht von Klicks, sondern von Vertrauen.

2. Journalismus ist mehr als Geschwindigkeit

Tempo kann beeindrucken. Schnelligkeit allein schafft aber noch keinen Mehrwert. Wer ausschließlich auf Geschwindigkeit setzt, verliert leicht den Blick für Einordnung, Zusammenhänge und Orientierung. Die tägliche Informationsflut nimmt weiter zu. Umso wichtiger wird die Frage: Was ist wirklich relevant? Nicht alles, was veröffentlicht werden kann, muss veröffentlicht werden. Was hilft wirklich beim Verstehen?

3. Kritik braucht Haltung, nicht Dauerempörung

Kritik gehört zum Kern journalistischer Arbeit. Missstände sichtbar zu machen, bleibt notwendig. Aber zwischen notwendiger Kritik und dauerhafter Empörung liegt ein Unterschied, der über Vertrauen entscheidet. Wenn Berichterstattung ausschließlich Alarm produziert, entsteht häufig Erschöpfung statt Erkenntnis. Kritik braucht Maß und Haltung.

4. Journalismus sollte nicht weiter polarisieren, sondern Gesprächsräume eröffnen

Gerade in Zeiten wachsender Spannungen braucht es Räume, in denen Menschen einander begegnen können. Unterschiede sichtbar zu machen, ist wichtig. Aber sie sollten nicht lediglich ausgestellt werden wie Positionen in einer Vitrine. Journalismus ist nicht nur für Medien wichtig, sondern eine Voraussetzung für eine lebendige Demokratie. Sie lebt davon, dass Menschen informiert entscheiden können, unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und gesellschaftliche Debatten möglich bleiben. Extreme lassen sich nicht dadurch mildern, dass Konflikte verschwiegen werden. Aber vielleicht dadurch, dass Menschen sich wieder als Teil eines gemeinsamen Gesprächs erleben, gerade dort, wo es schwierig wird.

5. Wer nur Krisen beschreibt, übersieht leicht, was sich trotzdem bewegt

Menschen brauchen nicht nur Problemdiagnosen, sondern auch Perspektiven, die Orientierung geben. In einer Zeit sinkender Pressevielfalt lohnt der Blick auf Entwicklungen, die leicht übersehen werden. Formate wie wuestenradar.de versuchen sichtbar zu machen, wie sich Strukturen verändern, etwa mit Blick auf Lokalzeitungen und ihre Bedeutung für das demokratische Gefüge. Wo Berichterstattung konstruktiv nach Möglichkeiten fragt, kann für das Gemeinwesen Zusammenhalt entstehen. Journalismus steht in der Verantwortung, auch Zukünfte und Möglichkeiten für Menschen vor Ort sichtbar zu machen.

6. Im KI-Zeitalter wird Glaubwürdigkeit zum eigentlichen Kompass

Wenn Inhalte mittels Künstlicher Intelligenz in immer kürzerer Zeit und mit immer weniger Aufwand entstehen können, wächst eine andere Frage: Wem können wir eigentlich noch vertrauen? Und was macht verlässlichen Journalismus aus? Verlässlichkeit zählt mehr als bloße Sichtbarkeit. KI kann Arbeit erleichtern, entlasten und Freiräume schaffen. Die entscheidende Frage ist deshalb weniger technisch als praktisch: Wofür wird die gewonnene Zeit von Journalist:innen genutzt? Denn schnell entstehen auch neue Routinen des Prüfens, Gegenlesens und Kontrollierens. Aus Entlastung wird dann leicht zusätzliche Verdichtung.

Vielleicht liegt die eigentliche Chance genau darin, die gewonnene Zeit bewusst anders zu nutzen: für Gespräche, für Recherche vor Ort und für genaues Hinhören im Alltag, in Stadtteilen, in Kirchen, in Gemeindehäusern und überall dort, wo Menschen miteinander leben und sprechen.

7. Der Medienwandel ist mehr als eine technische Entwicklung

Es geht nicht allein um neue Werkzeuge und Systeme. Der Medienwandel verändert die Art, wie Öffentlichkeit entsteht, wie Menschen sich informieren und wie gesellschaftliche Verständigung gelingt.

8. Evangelische Perspektive: Begegnung als Haltung

Auch in der evangelischen Tradition klingt ein Gedanke immer wieder an: dass jeder Mensch Würde und eine Stimme hat. Gesellschaft und Kirche leben dort, wo Menschen einander wahrnehmen und miteinander im Gespräch bleiben. Auch die christliche Publizistik steht in dieser Tradition der Verständigung. Vielleicht entsteht genau daraus etwas, das auch für Medien relevant ist: Räume, in denen Menschen sich nicht nur informiert fühlen, sondern gesehen und gehört. Viele Menschen suchen nach Austausch, der nicht in einer Sackgasse des Streits endet.

Auch Journalismus kann solche Räume schaffen. Nicht indem er nur Antworten vorgibt, sondern indem er Fragen stellt, Verständigung ermöglicht und Menschen miteinander verbindet. Es geht darum, gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen, Orientierung zu geben und den Blick nicht nur auf Krisen, sondern auch auf Hoffnung, Verantwortung und neue Möglichkeiten zu richten. So lässt sich Komplexität sichtbar machen, ohne sie zu verengen.

9. Wer optimistisch bleibt, bleibt handlungsfähig

Optimismus heißt nicht, Schwierigkeiten zu übersehen. Er bedeutet eher, sie ernst zu nehmen und trotzdem offen zu bleiben für Möglichkeiten, die sich oft erst im Weitergehen zeigen.

Mein Eindruck auf der re:publica 2026 war: Nicht nur der Journalismus, sondern auch Kirche und Gesellschaft leben davon, Gespräche offen zu halten, statt alles abschließend erklären zu wollen. Gerade dort, wo sie sonst leicht abreißen. Genau darin liegt die Aufgabe des Journalismus im Umbruch: Menschen nicht auseinanderzutreiben, sondern Räume zu schaffen, in denen Begegnung, Vertrauen und Verständigung möglich bleiben.