Hawa Nor hat schon die nächste Idee. Die somalische Journalistin stellt das Projekt bei der morgendlichen Redaktionskonferenz vor: Sie möchte nach Afgooye fahren, eine Stadt rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Mogadischu entfernt.
"Der Fluss dort ist nur noch ein Rinnsal", erzählt die 24-Jährige ihren Kolleginnen beim Medienhaus Bilan Media. "Ich möchte über die Ursachen der Trockenheit berichten, und wie die Menschen dort einander unterstützen."
Die Fahrt nach Afgooye ist nicht ungefährlich. In Somalia kämpft die Al-Kaida-nahe Al-Shabaab-Miliz seit vielen Jahren gegen die Regierung, Tausende Menschen wurden dabei getötet. Ziel der Al-Shabaab ist es, einen islamistischen Staat zu errichten. Mehreren Analysten zufolge ist die Gruppe bis nahe an Mogadischu herangerückt; außerhalb der Stadt verfügt sie über Informanten und erheblichen Einfluss. Das gilt auch für Afgooye.
Dutzende Journalisten getötet
Entsprechend ist der Journalismus dort ein gefährlicher Beruf. Seit dem Sturz von Diktator Siad Barre 1991 und dem Beginn des Bürgerkriegs wurden in Somalia vermutlich zwischen 60 und 80 Journalistinnen und Journalisten aufgrund ihrer Arbeit getötet. Viele wurden gezielt ermordet, oft im Zusammenhang mit Berichterstattung über die Shabaab-Miliz, den Krieg oder Korruption. Andere waren zur falschen Zeit am falschen Ort.
"Ich habe meinen Eltern anfangs verheimlicht, dass ich als Journalistin arbeite", erzählt die 27-jährige Chefredakteurin Farhio Mohamed Hussein. "Ich habe ihnen erzählt, ich hätte einen IT-Beruf." Inzwischen wissen die Eltern Bescheid - glücklich sind sie nicht, ebenso wenig wie die Familien von Hawa Nor und ihren Kolleginnen.
Journalismus wird Frauen nicht zugetraut
Das liegt nicht nur an der berechtigten Sorge um ihre Sicherheit, sondern auch an den tief verwurzelten Vorurteilen in der sehr patriarchalischen Gesellschaft. "Die meisten Leute sind immer noch davon überzeugt, dass der Journalismus nichts für Frauen ist", sagt Farhio Mohamed. "Wenn überhaupt traut man ihnen zu, dass sie Reporterinnen sind, aber im Management oder als Technikerinnen - das ist für die meisten unvorstellbar."
Bei Bilan Media ist das anders: Management, Kamera, Video- und Audioschnitt, Social Media - die zehn Frauen im Hauptstadtbüro decken alles ab. Auch die insgesamt zehn Korrespondentinnen-Stellen in den Hauptstädten der Bundesstaaten sind weiblich besetzt. Denkbar ist das allerdings nur, weil Bilan Media massiv von außen unterstützt wird: Gegründet wurde das Unternehmen 2022 auf Initiative und mit Unterstützung des UN-Entwicklungsprogramms UNDP. Nach drei Jahren haben sich die UN finanziell zurückgezogen, stattdessen hat die Europäische Union die Finanzierung für zwei Jahre übernommen.
Zwar werden die Journalistinnen honoriert, wenn internationale Publikationen ihre Berichte drucken, aber nach jetzigem Stand wird das nicht reichen, um die Redaktion alleine zu finanzieren. "Wir hoffen, dass wir eine Ausschreibung gewinnen oder eine andere, weitere Förderung bekommen, wenn die jetzige ausläuft", sagt Farhio Mohamed.
Bilan Media bricht Tabus
Was nicht bedeutet, dass das Team, das TV-, Hörfunk- und Print-Berichte produziert, nicht erfolgreich wäre: Ihre Geschichten werden von britischen Medien wie dem "Guardian" nachgedruckt, ihre Themen von der BBC aufgegriffen. 2024 erhielt Bilan Media den One World Media Press Freedom Award für journalistische Arbeit unter schwierigen oder gefährlichen Bedingungen.
"Dass wir eine rein weibliche Redaktion sind, hat für mich viel verändert", sagt Farhio Mohamed. "Ich habe jetzt die Macht, über die Themen zu berichten, die ich für wichtig halte." Und nicht über das, was Männer ihr vorgeben. Die Journalistinnen sprächen häufig über Themen, die von ihren männlichen Kollegen meist nicht gesehen würden - und brechen viele Tabus.
Kleine gesellschaftliche Veränderungen
Wenn sie beispielsweise über weibliche Genitalverstümmelung berichten, würden sie von vielen Männern immer noch angefeindet, sagt die Chefredakteurin: "Wir hören immer wieder, das sei halt unsere Tradition, wir hätten eine zu westliche Perspektive." Oder sie thematisieren, wie problematisch es für Mädchen oder junge Frauen ist, während der Monatsblutung in die Schule zu gehen - sie bleiben in dieser Zeit zu Hause. Aber sie schreiben auch über die Folgen des Klimawandels oder das Überleben als Vertriebene.
Und nach und nach hätten auch andere Medien angefangen, ihre Themen aufzugreifen, sagt Farhio Mohamed mit einigem Stolz. Das zeigt für sie, dass sie als Journalistinnen durchaus angefangen hätten, die Gesellschaft etwas zu verändern. Oder jedenfalls hier und da ein Schweigen zu brechen.



