Martin Steinke schlüpft trotz Regen und 9 Grad mit nackten Füßen in die Badelatschen und krempelt die Hosenbeine hoch. Der Pfarrer lupft seinen Talar und tritt in das seichte Wasser am Strand des Attersees in Osnabrück. Der Probedurchlauf für das Foto soll möglichst realistisch sein, findet Steinke: "Kann ja sein, dass es beim großen Tauffest in einem Monat auch regnet", sagt der 62-Jährige augenzwinkernd. Dann bückt er sich, schöpft Wasser und lässt es durch seine Hände rinnen.
Stirnrunzelnd verfolgt Henri auf dem Arm seiner Mutter Beate Deicke die Szene. So ähnlich wird vermutlich die Taufe des Einjährigen am 13. Juni ablaufen. Dann werden sich bis zu 55 Taufgesellschaften mit Picknick-Körben und Decken auf der jetzt menschenleeren Wiese tummeln.
Tauffeste unter freiem Himmel liegen seit einigen Jahren im Trend. Ab Mitte Mai wird bis in den Spätsommer hinein in ganz Deutschland an Seen, Flüssen, im Meer oder im Schwimmbad getauft: In Hamburg und Dresden am Elbestrand, an der Nordsee in Büsum, im hannoverschen Maschsee-Strandbad, an Isar und Weser in München und Bremen: "Tauffeste sind ein neues Normal", betont Pastorin Elisabeth Rabe-Winnen vom Evangelischen Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim.
Keine katholischen Tauffeste
In Osnabrück werden nach einem gemeinsamen Gottesdienst mit großem Posaunenchor insgesamt elf Pastorinnen und Pastoren aus ebenso vielen Gemeinden jeweils maximal fünf Menschen taufen, erläutert Organisatorin Jutta Tloka. "Mehr geht nicht. Die Taufe soll ja feierlich und persönlich bleiben." Gut 30 Täuflinge sind bereits angemeldet, Kinder ebenso wie Jugendliche und Erwachsene. Sie werden mit der Taufe in die Kirche und die Gemeinschaft der Christen aufgenommen.
Das gilt grundsätzlich genauso für die römisch-katholische Kirche. Tauffeste unter freiem Himmel sind jedoch in der Regel evangelisch. Die Katholiken seien für das Sakrament der Taufe an eine Kirche gebunden, sagt Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz.
In Deutschlands größter evangelischer Landeskirche, der hannoverschen, sei hingegen mittlerweile kein Kirchenkreis mehr ohne ein Tauffest-Angebot, erzählt Rabe-Winnen. Die ersten Gemeinden hätten dort bereits 2007 Tauffeste geplant. Allein in Hannover wurden im vergangenen Jahr fast 170 Menschen unter freiem Himmel getauft. In Bremen sind für vier Tauffeste Ende Mai mehr als 80 Täuflinge angemeldet.
Die evangelische Kirche antworte damit auf den Wunsch der Menschen nach vielfältigeren und individuelleren Gestaltungsmöglichkeiten, sagt die Pastorin, die das Segensnetzwerk "Lauter Segen" leitet. "Für manche Menschen ist aber auch die Schwelle, eine Kirche zu betreten, einfach zu hoch."
Eine große Rolle spielten zudem sozial-diakonische Aspekte, betont die Theologin. Ein Familienfest auf einer Wiese und mit Picknick verursache nur geringe Kosten. "Und die lockere Atmosphäre mit vielen Menschen bietet auch Familienkonstellationen, in denen sich nicht alle gut verstehen, die Chance auf eine gemeinsame Feier."
"Bei anderen gibt aber auch einfach das lockere Festival-Feeling den Ausschlag für ein Tauffest", sagt Pastorin Tloka. So wie bei Familie Deicke. Sie hätten ihren ältesten Sohn Erik (4) noch in der Osnabrücker Stephanuskirche taufen lassen, erzählen die Eltern Thomas und Beate.
Kurz darauf wurden sie als Gäste einer Taufgesellschaft auf die Location am Attersee aufmerksam. "Das war eine so schöne Stimmung", schwärmt Beate Deicke. "Das passt zu uns, weil wir ohnehin viel draußen sind." Also wurde ihr zweiter Sohn Till (2) vor zwei Jahren am Attersee getauft. "Und in vier Wochen ist unser Henri an der Reihe."




