Kurz drauf findet das Dasein des vermögenden Radiologen, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ein jähes Ende: Ein geübter Schütze hat ihn erschossen. Die Ermittlungen offenbaren alsbald einen Abgrund: Der Arzt hatte intensive Kontakte zum sogenannten Staatenbund Österreich, einer Gruppierung, die die Existenz des Landes als Republik in frage stellt; in Wirklichkeit sei Österreich eine von mehreren Großbanken geführte Kapitalgesellschaft.
Der an die deutsche "Reichsbürgerbewegung" erinnernde "Staatenbund Österreich" existiert tatsächlich, seine Gründerin ist 2019 wegen Hochverrats zu 14 Jahren Haft verurteilt worden; schon allein dieser Hintergrund des ORF-"Landkrimis" aus Niederösterreich ist spannend. Die liegende Acht, der der Film auch den Titel verdankt, findet sich als Tätowierung auf dem Arm des Opfers. Der Mann heißt Harald Wolf, und selbstredend hat er seinen Nachnamen auch für seine Videobotschaften genutzt, schließlich betrachten all’ jene, die im Internet Verschwörungserzählungen verbreiten, den Rest der Bevölkerung als "Schlafschafe", die aufgeweckt werden müssen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Nicht minder interessant ist die Kombination des Ermittlungsduos. "Acht" ist der insgesamt vierte "Landkrimi" aus Niederösterreich und nach "Vier" der zweite mit Regina Fritsch als LKA-Chefinspektorin Marion Geyer. Die Tat hat sich im Städtchen Langenlois (Bezirk Krems) ereignet, also wird der Ermittlerin aus St. Pölten ein einheimischer Polizist zur Seite gestellt. Beide bringen eine Vorgeschichte mit: Sie hat sich soeben nach über dreißig Ehejahren von ihrem sexuell allzu umtriebigen Mann (Juergen Maurer) getrennt und ist in ein Hotel gezogen, er war ursprünglich in Wien Militärpolizist. Warum er das Heer verlassen hat, reicht Marie Kreutzer (Buch und Regie), die auch "Vier" gedreht hat, später nach; erst jetzt wird klar, warum der dienstbeflissene Patrick Brandl (Thomas Prenn) ein derart ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl hat. Für die Aufgaben als Landgendarm ist der junge Mann ohnehin eindeutig überqualifiziert.
Brandls moralischer Kompass wird ebenfalls noch eine Rolle spielen, doch zunächst erkundet das Duo den politischen Abgrund, in dem sich Wolf getummelt hat, auch wenn die Witwe (Verena Altenberger) versichert, er habe sich vom "Staatenbund Österreich" losgesagt. Vorübergehend fragt sich Geyer, ob dessen inhaftierte Anführerin die Ermordung des Abtrünnigen in Auftrag gegeben hat; tatsächlich liefert die Frau jedoch einen gänzlich anderen Schlüssel zur Lösung. Nach und entwirft Kreutzer die Biografie eines Mannes, der bereits als Kind mit nationalistischem Gedankengut indoktriniert wurde. Zwischendurch zeigt sie die komplette Fassung jenes Videos, mit dem "Acht" beginnt. Darin fordert Wolf seine digitale Anhängerschaft, immerhin mehrere hunderttausend Menschen, dazu auf, sich nicht länger von den Medien oder der Regierung sagen zu lassen, wie sie zu leben hätten. Die Leute sollen wach bleiben und sich nicht "zu gefügigen Schafen" machen lassen.
Die auf diversen Festivals unter anderem auch für "Vier" (2021) ausgezeichnete Regisseurin hat "Acht" betont ruhig inszeniert, aber das ist neben der ausgeprägten Regionalität ohnehin ein Merkmal fast aller gemeinsam mit dem ZDF produzierten "Landkrimis". Die optische Anmutung ist abgesehen von einigen leicht verfremdeten Traumszenen sowie einer im Super-8-Stil gestalteten Videosequenz über eine süddeutsche Kinderkaderschmiede in den späten Achtzigern eher unauffällig. Die Bilder sind tendenziell düster, die Atmosphäre ist dank der spätwinterlichen Drehzeit eher frostig als frühlingshaft. Dazu passt eine Bemerkung Sandra Wolfs, als sie das tätowierte Tier auf Brandls Unterarm sieht: "Der Tiger gilt als weise, der bahnt sich seinen Weg durchs Dunkel"; so wie der Polizist, den der Fall nicht mehr loslässt. Die Bildgestaltung passt aber auch zur Stimmung in der Villa des Ehepaars Wolf. Sandra spricht zwar nur gut über ihren Mann, doch als sie sich umzieht, erhascht die Kamera einen Blick auf Blutergüsse; näheren Aufschluss gibt eine etwas unvermittelt eingefügte Rückblende, die den Beginn des letzten Akts markiert. Am Schluss lernt der Polizist von seiner vorübergehenden Vorgesetzten, die es mit den Vorschriften nicht so genau nimmt, eine letzte Lektion: Richtig und Falsch sind nicht immer eine Frage des Gesetzes.




