TV-Tipp: "Im Grunde Mord: Blutsbande"

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20. April, ZDF, 20.15
TV-Tipp: "Im Grunde Mord: Blutsbande"
Diverse Handlungsebenen lassen diesen Krimi schnell ein wenig überfrachtet wirken. Inhaltlich geht es um einen Mordfall mit Spuren ins rechtsextreme Milieu und die Kommunalpolitik.

Vermutlich ist die Zahl der Tötungsdelikte in Ostwestfalen auch nicht höher als am Bodensee oder im Berchtesgadener Land. Die Statistik ist generell seit Jahren rückläufig, und in der Provinz wird ohnehin deutlich seltener gemordet als in den Metropolen. Aber es ist natürlich schon rein optisch ungleich reizvoller, einen Krimi in beschaulicher Umgebung anzusiedeln. Dabei deutet zunächst nichts darauf hin, dass es sich bei dem Sturz eines jungen Mannes von den Externsteinen im Teutoburger Wald um ein Verbrechen handelt.

Trotzdem besteht Kommissarin Paula Schäfer auf einer Obduktion, und tatsächlich weist der Körper eine frische Stichwunde auf. Die war zwar nicht tödlich, legt jedoch die Vermutung nahe, dass der Todesfall kein Suizid war.

So weit, so normal, jedenfalls für einen TV-Krimi. Bevor sich Stefan Rogalls Drehbuch auf die Ermittlungen konzentrieren kann, kommt es zu einem geschwisterlichen Zickenkrieg, den nicht nur die zunehmend genervte Staatsanwältin alsbald als "Kinderkram" empfindet. Dass neue Ermittlungs-Teams immer erst mal ihre internen Animositäten überwinden müssen, ist ein mittlerweile völlig abgenutztes Stilmittel, selbst wenn sich der Grund für die Zwistigkeiten nachvollziehen lässt: Paulas älterer Bruder Leon (Jakob Benkhofer), ebenfalls Polizist, ist immer noch sauer, weil die Schwester (Hanna Plaß) lieber in Hamburg Karriere machen wollte, anstatt sich gemeinsam mit ihm um den dementen Vater (Rainer Reiners) zu kümmern.

Nun ist sie auf Wunsch von Staatsanwältin Britta Everslage (Ann-Kathrin Kramer) vorübergehend als Teamleiterin nach Detmold zurückgekehrt, was prompt zu permanenten Reibereien führt: Leon hat offensichtlich keine Lust, sich von seiner kleinen Schwester ’rumkommandieren zu lassen, zumal Paula als Vorgesetzte unangenehm "bossy" ist.

Jenseits dieser wenig zielführenden Streitereien erzählt Rogall eine Geschichte, die nach und nach eine ungleich größere Relevanz entwickelt. Im Auto des Opfers finden sich mehrere Kilo eines Düngemittels, aus dem sich mit entsprechenden Kenntnissen Sprengsätze herstellen lassen. Ein Kontaktmann beim Verfassungsschutz informiert Paula über eine rechtsextremistische ostwestfälische Gruppierung: Die "Ahnenerben" wollen mit Anschlägen auf die Infrastruktur Ängste schüren, damit die Leute eine ganz bestimmte Partei wählen. Als Drahtzieher gilt ein Dachdecker, für den der Tote zu Lebzeiten vorübergehend gearbeitet hat; ebenso wie der Mann, der vergeblich versucht hat, das Sturzopfer zu reanimieren.

Bis zu diesem Punkt ist das Handlungsgerüst stringent, aber dann wird die Geschichte aufgrund diverser Nebenebenen unübersichtlich. Meist wird in solchen Fällen der Autor gescholten, aber Drehbücher gehen durch viele redaktionelle Hände, was ihnen nicht immer gut tut. Ganz gleich jedoch, wem’s am Ende anzulasten ist: Der Film wirkt irgendwann hoffnungslos überfrachtet, denn neben ihrem eigenen Familienkram müssen sich die Geschwister auch noch mit anderen Themen befassen. Eine junge Frau wird von ihren Eltern zu einer Abtreibung genötigt, die entsprechende Praxis – sie gehört der Freundin (Julia Jäkel) von Britta Everslage – wird verwüstet, und der aussichtsreiche Kandidat für die anstehende Bürgermeisterwahl drangsaliert seinen Sohn nach Strich und Faden.

Der Unternehmer wird von Bernhard Schir verkörpert, der mutmaßlich rechtsradikale Dachdecker von Sebastian Schwarz; damit sind die Schurkenrollen bereits durch die Besetzung festgelegt. Und dann gibt es noch ein Rätsel, das mit Erfolg die Neugier auf die zwei bereits fest eingeplanten Fortsetzungen schürt: Gerlind Schäfer, die Mutter der Geschwister, ist an Krebs gestorben, als Paula noch ein Kind war. Zuvor hat sie ihrer besten Freundin Britta das Versprechen abgenommen, stets ein Auge auf die beiden Kinder zu haben. Seither hütet die Staatsanwältin ein Geheimnis: Irgendwas ist bei Gerlinds Tod nicht mit rechten Dingen zugegangen, wie Rogall die Staatsanwältin mehrfach andeuten lässt.

Regie führte Bruno Grass, dessen letzte Arbeiten für die ZDF-Krimireihen "Wendland" und "Theresa Wolff" ausnahmslos sehenswert waren. In "Blutsbande" wird die Spannung allerdings mitunter künstlich auf die Spitze getrieben, weil vor allem die Musik (Florian Tessloff) für Nervenkitzel sorgt; zum Ausgleich gibt es einige sehr hübsch gestaltete Einstellungen (Kamera: Nicolay Gutscher). Auch darstellerisch ist der Film überzeugend. Wenn eine Horde Zottelmonster ihr Unwesen treibt, bedient sich Grass gar überraschend beim Horrorgenre, und die bizarre Felsformation der Externsteine ist ohnehin ein faszinierender Schauplatz.