Über 130 Menschen sind damals ums Leben gekommen. Die Spuren der Tragödie sind bis heute sichtbar; die seelischen Wunden, die sie hinterließ, werden für immer bleiben.
Dokumentationen über solche Ereignisse sind stets eine Gratwanderung, weil die Bilder eine gewisse Schaulust und die Gespräche mit den Betroffenen eine Art emotionalen Voyeurismus befriedigen. Das ließ sich naturgemäß auch diesmal nicht vermeiden; gerade die Gespräche mit zwei Elternpaaren, die ihre Töchter Katharina und Johanna im Hochwasser verloren haben, sind erschütternd. Davon abgesehen hat es Oliver Halmburger jedoch konsequent vermieden, zusätzliche Gemütsbewegungen zu schüren. Der ohnehin sparsame Kommentar beschränkt sich auf sachliche Informationen; die Erzählungen der Menschen wecken ohnehin genug Empathie.
Minutiös rekonstruiert der Autor und Regisseur den Weg, den die Wassermassen genommen haben. Aus jedem der verwüsteten Orte kommen Menschen zu Wort, die zum Teil ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Einige dieser Erzählungen haben auf erstaunliche Weise ein gutes Ende genommen, zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, den die Flut aus seinem Haus gerissen hat. Wie durch ein Wunder ist er mitten im Strom auf einer Insel gestrandet.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Dort harrte er fünfzehn Stunden aus, bis er schließlich von einer Hubschrauberbesatzung gerettet wurde. Da er davon ausgehen musste, dass seine ins Dachgeschoss des nunmehr zerstörten Hauses geflüchtete Partnerin gestorben ist, schwand ihm zwischenzeitlich der Lebensmut. Dies ist der einzige Moment, in dem die Dokumentation die seriöse Linie verlässt: Was aus der Frau geworden sei, heißt es im Kommentar, habe der Mann erst am nächsten Tag erfahren; das wirkt wie die aus dem Privatfernsehen bekannte Aufforderung "Bleiben Sie dran".
Spektakulär, aber dennoch unspekulativ sind dagegen die digitalen Rekonstruktionen. Die teilweise täuschend echt anmutenden Bilder zeigen unter anderem, wie der aus seinem Eigenheim gespülte Mann zu einem Spielball des Wassers wird. Ähnlich eindrucksvoll sind die als Animation gekennzeichneten Aufnahmen der Fluten, die plötzlich aus Tunneln hervorschießen. Spätestens jetzt zeigt sich, wie schlecht die Gegend vorbereitet war, obwohl sich 111 Jahre zuvor bereits ganz Ähnliches ereignet habe, wie ein Hochwasserexperte erläutert. Die Versäumnisse der Politik spielen ohnehin eine wichtige Rolle, entsprechende Vorwürfe ziehen sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation, auch wenn die Mitglieder eines Untersuchungsausschusses des Mainzer Landtags je nach Parteizugehörigkeit unterschiedlich streng urteilen.
Keinerlei Gnade lässt hingegen Gisela Kirschstein walten. Die Journalistin hat ein Buch über die Katastrophe geschrieben ("Flutkatastrophe Ahrtal"). Der Untertitel lautet "Chronik eines Staatsversagens". Stellvertretend dafür steht neben dem zuständigen Landrat nicht zuletzt das rheinland-pfälzische Umwelt- und Klimaschutzministerium unter der Leitung von Anne Spiegel. Während an der oberen Ahr bereits absehbar war, das von einer Gefahr für Leib und Leben ausgegangen werden musste, hieß es in einer Pressemeldung ihres Hauses: "Wir nehmen die Lage ernst, auch wenn kein Extremhochwasser droht."
Natürlich hätte niemand die Flutwelle stoppen können, aber womöglich wären deutlich weniger Menschen gestorben. Diese Ebene bildet jedoch eher den Hintergrund; es war Halmburger offenkundig wichtiger, den Betroffenen eine Stimme zu geben. Ein weiterer zentraler Zeitzeuge neben der Bürgermeisterin von Altenahr ist ein Tischler, der seine Erlebnisse mit Galgenhumor schildert, obwohl sie alles andere als lustig waren: 2016 hat er sich als Beschäftigungstherapie nach der Scheidung ein altes Haus gekauft und eigenhändig in jahrelanger Arbeit kernsaniert. Im Mai 2021 war er endlich fertig; zwei Monate später alles für die Katz’. Mit seinem Smartphone hat er ein Videotagebuch jener Nacht gedreht.
Kurz vor Schluss erzählt die Mutter von Johanna, das Ahrtal habe noch monatelang wie "ein schwarzes Loch" gewirkt, aber so wollte Halmburger seinen Film offenbar nicht beenden. Die abschließenden Szenen gelten einer zweiten Flut, diesmal jedoch in positivem Sinn: weil die Gegend von einer Welle der Solidarität und der Hilfsbereitschaft erfasst wurde.




