"Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?" lautet der Titel eines Sachbuchs von Till Raether. Der Satz könnte auch von seinem Romanhelden Adam Danowski stammen: Der Ermittler ist ein hypersensibler Eigenbrötler und mit seinen Gedanken oft woanders; eine Kombination, die unweigerlich zu einer gewissen Gereiztheit führt. Die Idee, diesen Antihelden von Milan Peschel verkörpern zu lassen, war grandios.
Der angesichts seiner zuverlässig preiswürdigen Leistungen mit bislang erstaunlich wenig Film- und Fernsehpreisen ausgezeichnete gebürtige (Ost-)Berliner ist mit seinem Gesicht, in dem das Leben sichtbare Spuren hinterlassen hat, die perfekte Besetzung für den LKA-Kommissar. Trotzdem sind seit der Ausstrahlung von "Blutapfel" (2019) verwirrende sieben Jahre vergangen, bis das ZDF nun mit "Neunauge" endlich den nächsten "Danowski"-Krimi zeigt.
Die Adaption der Vorlage besorgte erneut Produzentin Annette Reeker unter ihrem offenen Drehbuchpseudonym Anna Tebbe. Dank ihrer diversen "Taunuskrimis" (ebenfalls fürs ZDF) nach Nele Neuhaus und ihrer Doppelfunktion hat sie natürlich Übung darin, literarische Vorlagen auf ihren filmischen Kern zu reduzieren. Allzu ausführliche innere Monologe oder die Ausflüge eines Autors in die nicht selten verworrene Psyche einer Figur werden dann gern auf einen Dialogsatz verkürzt.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Bei Raethers Büchern liegen die Dinge jedoch etwas anders. Originelle Krimistoffe schreiben auch andere, aber seine Romane zeichnen sich durch einen speziellen Tonfall aus, der nur schwer zu greifen ist. Der Leserschaft erschließt sich beispielsweise schon allein lautmalerisch sofort, was Raether meint, wenn er schreibt, dass jemand "drönbüttelig" dreinblickt, aber filmisch ist so etwas kaum umzusetzen. Der besondere Humor resultiert zudem oft aus der Kombination von Dialog und gedanklichem Zusatz, der noch eins drauf setzt. All’ das macht eine Adaptionsarbeit zu einer echten Herausforderung, von der unvermeidlichen Verdichtung ganz zu schweigen.
Spätestens beim zweiten Drehbuch hatte Reeker ihren Hauptdarsteller allerdings bereits vor Augen. Wo andere größeren mimischen Aufwand betreiben müssten, braucht Peschel bloß gucken, um zu vermitteln, was in Danowski vorgeht. Wegen allerlei belastender Erlebnisse im Außendienst arbeitet der LKA-Kommissar mittlerweile für die Operative Fallanalyse. Nach der zufälligen Entdeckung einer vor Jahren im Keller einer Hamburger Schule deponierten mumifizierten Leiche bekommt die Abteilung Verstärkung, denn es ist der zweite Fund dieser Art: Martin Gaitner ist Deutschlands bekanntester Profiler.
Sebastian Bezzel kostet die Rolle dieses selbstverliebten Spezialisten weidlich aus; "Neunauge" ist schon allein wegen der gemeinsamen Szenen mit Peschel sehenswert. Die Story ist ohnehin klasse: Es geht um eine Gruppe sogenannter Pick-up-Artists, Männer also, die sich einen Wettstreit darin liefern, Frauen "aufzureißen". Irgendjemand hat sich offenbar vorgenommen, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Diffizil wird die Sache, weil auch Danowskis Kollegin Jurkschat Teil des Wettbewerbs war: Ihr Ex-Freund ist Opfer Nummer zwei, der Mann hat sie einst mit Rilke ’rumgekriegt ("Der Tod ist groß, wir sind die Seinen").
Dank Peschel wird sich ein Teil des Publikums noch dunkel daran erinnern, dass "Neunauge" nicht Danowskis erster Fall ist, aber die weiteren Besetzungsdetails dürften auf der Strecke geblieben sein; unter anderem hat Isabell Polak von Emily Cox die Rolle der Ermittlungspartnerin übernommen. Wieder mit dabei sind Andreas Döhler als Kollege "Finzi" und Bettina Stucky als Gattin. Das Familienleben der Danowskis mit seinen ganz normalen Turbulenzen ist neben der Hauptfigur ohnehin ein markanter Unterschied zu anderen Reihen dieser Art. Gerade mit dieser Ebene trifft der auf die üblichen Spannungsverstärker verzichtende Film Raethers ganz speziellen trockenen Humor recht gut.
Sehenswert ist "Neunauge" – im Buch bezieht sich der Titel nicht nur auf die Alien-artigen Rundmäuler – auch dank der Inszenierung. Jonas Grosch und Kameramann Fabian Spuck haben anschließend die im ZDF allerdings schon vorher ausgestrahlte Gaunerinnenkomödie "Gar kein Geld macht auch nicht glücklich" gedreht (2025, mit Groschs Schwester Katharina Wackernagel). Peschel spielte darin eine kleine, aber wichtige Nebenrolle, ebenso wie Marc Hosemann, der hier einen sehr prägnanten Gastauftritt als Landpolizist hat. Es gibt insgesamt sieben "Danowski"-Romane, aber ein weiterer Film ist laut ZDF derzeit nicht geplant.




