Natürlich ist das Thema wichtig, zumal die Zahl der geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichteten Straftaten seit Jahren kontinuierlich steigt. Die Idee, eine idealistische junge Juristin zur Wortführerin zu machen, ist auch nicht schlecht.
Aber wenn die Botschaft derart aufdringlich verkündet wird, trübt dies das Sehvergnügen ganz erheblich: Gleich mehrfach muss die von Linda Belinda Podszus ansonsten sehr kontrolliert verkörperte Referendarin Jasna Nowak aus der Haut fahren, um ihre Empörung kundzutun. Das ist bedauerlich, weil "Hinter der Fassade" sehr geschickt zwei beliebte Justizkrimi-Aspekte miteinander verknüpft: hier das Verbot der erneuten Ermittlung, wenn es bereits ein rechtskräftiges Urteil gibt ("Ne bis in idem", nicht zweimal in derselben Sache), dort die feministische Forderung, den Begriff "Femizid" im Strafrecht zu verankern. Nach der Master-Party in der Fachhochschule Potsdam ist eine Studentin nicht nach Hause gekommen. Ihre Leiche wird am Flussufer entdeckt.
Die junge Frau hat Baudenkmalpflege studiert, und als Staatsanwältin Dena Paulos (Dennenesch Zoudé) erfährt, wer Yvonnes Professor war, hat sie ein Problem: Sechs Jahre zuvor ist es ihr nicht gelungen, das Gericht davon zu überzeugen, dass Fabian Brenner eine Studentin ermordet hat; der Mann wurde freigesprochen. Paulos zweifelt nicht eine Sekunde daran, dass er auch Yvonne auf dem Gewissen hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Mit Daniel Sträßer, als "Tatort"-Kommissar aus Saarbrücken mit grimmigem Blick und mahlendem Kiefer gerade in den frühen Filmen oftmals deutlich drüber, ist diese Rolle bestens besetzt: Dem renommierten Restaurierungswissenschaftler quillt die Arroganz aus jedem Knopfloch seines Cordanzugs. Sein wahrer Charakter offenbart sich, als er eine seiner Studentinnen (Bineta Hansen) mit unverhohlener Misogynie behandelt.
Darüber hinaus hat diese Szene vor allem eine dramaturgische Bedeutung: Sie soll gewissermaßen prospektiv rechtfertigen, dass sich Brenner später von Nowak, die er als "Praktikantin" gar nicht ernst nimmt, aus der Reserve locken lässt, was prompt wenig glaubwürdig wirkt. Äußerst unelegant ist auch die Umsetzung der Informationsdialoge. Als zwischenzeitlich Yvonnes Freund in den Ermittlungsradar gerät, erklärt Paulos dem zuständigen Kommissar, Maximilian Zeller (Jens Atzorn), dass es meist Partner oder Ex-Partner seien, "die Frauen patriarchale Gewalt antun"; als ob der das nicht selber wüsste, ebenso wie die Krimi-Gemeinde, weil diese Erklärsätze in solchen Geschichten jedes Mal fallen. Zum Stichwort "Trennungstötung" platzt Jasna prompt der Kragen.
Ihr Kurzreferat über systemische Gewalt gegen Frauen klingt zudem auswendig gelernt und soll allzu deutlich vermitteln, dass nun die Botschaft kommt (Regie: Sabine Bernardi): "Wann werden Femizide endlich als Straftatbestand aufgenommen?" Auch in der Umsetzung deutlich plausibler ist die Idee, Paulos zwischendurch beim Jura-Seminar zu zeigen, wenn sie den Fall mit ihren Studierenden erörtert und über die rechtsphilosophischen Aspekte des Themas spricht.
Dass der "Havelland-Krimi" trotzdem sehenswert ist, liegt auch an dem mitunter an eine "True Crime"-Doku erinnernden Realismus, etwa bei der akribischen Suche nach dem Tatort. Das juristische Dilemma der Staatsanwältin ist ohnehin faszinierend: In dem alten Fall darf sie Zeller nicht ermitteln lassen. Damals gab es eine Tatzeugin, die jedoch nach einer ersten Befragung spurlos verschwunden ist. Weil ein Kollege Zellers ein "Super-Recognizer" ist, der nie ein Gesicht vergisst, konnte sie Jahre später identifiziert werden, aber da war Brenner längst freigesprochen.
Die Details der Krimi-Story (Buch: (Anne Katrin Mascher, Krystof Hybl) sind ebenfalls interessant. Damals spielte eine Glückskeksbotschaft eine wichtige Rolle, diesmal gibt es einen Gruß ins Jenseits ("Im Tod vereint"). Gerade die jungen Mitwirkenden agieren stellenweise allerdings etwas übereifrig, und Jens Atzorn ließ schon in der Sat.1-Serie "Der Bulle und das Biest" (2019) eine gewisse Kantigkeit vermissen; sein verwitweter Kommissar ist ein gewöhnlicher TV-Ermittler. Darstellerisch umso prägnanter sind einige Nebenfiguren, allen voran Nadja Engel als kernige Rechtsmedizinerin ("Wenn du kotzen musst: da rein") und Konstantin Lindhorst als Vater, der die Trauer um seine Tochter in Gin ertränkt.
Das ZDF entscheidet nach der Ausstrahlung, ob aus "Havelland" eine Reihe wird. Sollte es dazu kommen, weist hoffentlich jemand Dennenesch Zoudé darauf hin, dass die Bezeichnung "Verhör" für eine Vernehmung juristisch mindestens veraltet, wenn nicht gar verpönt ist.




