Ein historischer Roman hat auf der Schwäbischen Alb ein ganzes Schloss entstehen lassen. Wilhelm Hauffs "Lichtenstein" war die direkte Vorlage für das heutige Schloss Lichtenstein am Albtrauf bei Reutlingen. Das neugotische Bauwerk unweit der Nebelhöhle gilt als Märchenschloss und ist zu einem Wahrzeichen der Region geworden. Es wurde nach den Beschreibungen in dem literarischen Werk errichtet. Vor 200 Jahren, im April 1826, ist das Buch erschienen.
Die Idee zum Bau hatte Graf Wilhelm von Württemberg. Er war von Hauffs dreiteiligem Roman so beeindruckt, dass er zwischen 1840 und 1842 auf den Grundmauern einer früheren Burg unmittelbar an der Albkante das Schloss so errichten ließ, wie es der junge Schriftsteller beschrieben hatte. Im Inneren des Baus zeigen Wandmalereien Szenen aus dem Buch. Wilhelm wurde später zum ersten Herzog von Urach erhoben, seine Nachkommen sind bis heute im Besitz des Schlosses.
Hauffs Werk erzählt die Geschichte des fiktiven Adeligen Georg von Sturmfeder. Im Jahr 1519 kämpft die Hauptfigur vor der Kulisse der Schwäbischen Alb um seine Liebe zu Marie von Lichtenstein. Dabei wird er in die historischen Auseinandersetzungen um den württembergischen Herzog Ulrich verwickelt. Der Autor mischt in seinem Roman Ritterabenteuer, eine Liebesgeschichte und schwäbische Sagen.
"Lichtenstein" als patriotische Antwort
Wilhelm Hauff (1802-1827) schrieb das Buch im Alter von nur 23 Jahren. Da hatte er die typische Bildungskarriere eines angehenden württembergischen Pfarrers gerade hinter sich: das evangelische Seminar in Blaubeuren bei Ulm und dann das Evangelische Stift für Theologiestudenten in Tübingen. Ins geistliche Amt sah sich der mittelmäßige Schüler trotz erfolgreichem Studienabschluss allerdings nicht berufen. Stattdessen las er leidenschaftlich viel und entwickelte eine Begeisterung fürs Erzählen und Schreiben.
"Lichtenstein" war seine patriotische Antwort auf die damals populären historischen Romane des schottischen Schriftstellers Walter Scott. Hauff stilisierte den historisch eigentlich tyrannischen und äußerst umstrittenen Herzog Ulrich von Württemberg zu einem sympathischen, romantischen Helden und malte so ein idealisiertes, identitätsstiftendes Bild schwäbischer Treue und Heimatliebe. Der Autor traf damit den Geschmack eines breiten Publikums, der Roman wurde sofort zu einem großen Erfolg.
Jeder fast kannte den kleinen Muck
Der Bestseller machte Hauff, der auch für seine Märchen wie "Der kleine Muck" und "Das kalte Herz" bekannt ist, über Nacht berühmt. Er starb allerdings mit knapp 25 Jahren, nur ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Lichtenstein". Sein Roman prägte das Bild vom Mittelalter und die Identität Württembergs über Jahrzehnte. Lange Zeit gehörte das Buch zur Pflichtlektüre an den Schulen. Es ist weiterhin lieferbar, unter anderem durch den renommierten Diogenes-Verlag.
Jährlich 150.000 Besucher
Die Wirkung von Hauffs Werk ist bis heute sichtbar. Neben dem Schloss erinnert ein kleines Museum in der Gemeinde Lichtenstein an den Roman und seinen Autor. Wanderwege führen zu den Schauplätzen des Buches. Der Name Wilhelm Hauff lebt außerdem in einem ehemaligen Preis für Kinder- und Jugendliteratur und in Straßennamen weiter. So hat ein 200 Jahre altes Buch eine Landschaft nachhaltig geprägt.
Trotz der runden Jahreszahl und der Bedeutung des Romans für Schloss Lichtenstein sind keine größeren Jubiläumsfeierlichkeiten angekündigt. Dabei besuchen rund 150.000 Menschen jedes Jahr das Schloss, das aus einem Buch heraus geboren wurde.



