Er ist der einzige Sänger und Songwriter, dessen Werk mit dem Literaturnobelpreis geadelt wurde. An Ehrungen und Würdigungen hat Bob Dylan fast alles irgendwann erhalten. Am 24. Mai wird er 85, und er reist nach wie vor mit einer "Never Ending Tour" durch die Welt: Von Juni bis August sind fast jeden zweiten Tag Konzerte in den USA angekündigt.
Wie groß das Interesse an Dylan noch ist, zeigt auch der Erfolg des Biopic "Like a Complete Unknown" im Jahr 2024. Der Star Timothée Chalamet begeisterte dort als ein cooler junger Dylan.
Ohne Bob Dylan wäre die Geschichte der Popkultur schwer zu erzählen, ist der Musikwissenschaftler Michael Custodis überzeugt. "Er ist im klassischen Sinn ein singender Dichter, der bewiesen hat, dass man mit einer ungeheuer poetischen Kraft Songs schreiben kann, die cool klingen und von mehr als von Herzschmerz erzählen", sagte der Professor der Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Dylan-Songs von Elvis und Guns 'n' Roses
"Seine Lyrik", urteilte das Magazin "Time" einmal, sei "ein kunstvolles Chaos", das klinge, "als sänge Rimbaud Rock'n'Roll". Elvis habe den Körper befreit, Bob Dylan den Geist, würdigte ihn Musikerkollege Bruce Springsteen. Dylan selbst ließ vor einigen Jahren wissen, er habe mehr als genug Songs geschrieben, "um bis in alle Ewigkeit spielen zu können". Im Jahr 2020 trat er die Rechte an seinen rund 600 Songs ab, nach unbestätigten Gerüchten soll der Kaufpreis mehrere Hundert Millionen Dollar betragen haben.
Viele berühmte Kollegen spielten seine Songs, darunter Elvis Presley ("Tomorrow Is A Long Time"), Jimi Hendrix ("All Along the Watchtower"), Van Morrison ("It's all over now, Baby Blue") oder Guns n' Roses ("Knockin' on Heavens Door"). Bryan Ferry veröffentlichte ein ganzes Album mit Dylan-Songs ("Dylanesque"), BAP-Gründer Wolfgang Niedecken widmete ihm das Album "Leopardefell". Auch die Beatles waren Dylan-Fans: John Lennon soll sich von Dylans Art, Songs zu schreiben, inspirieren lassen haben. George Harrison war mit Dylan befreundet und spielte mit ihm in der Supergroup "Traveling Wilburys".
In einer jüdischen Familie aufgewachsen
Bob Dylan wurde 1941 im US-Bundesstaat Minnesota in eine Familie deutsch-ukrainischer Einwanderer jüdischen Glaubens geboren. Neben seinem Geburtsnamen Robert Allen Zimmerman erhielt er auch den hebräischen Namen "Shabtai Zisel ben Avraham". Entgegen den von ihm selbst verbreiteten Mythen war Dylan allerdings kein fahrender Sänger, sondern wuchs in einer Mittelschichtfamilie in Hibbing/Minnesota auf. Sein Künstlername ist wohl eine Verneigung vor dem walisischen Dichter Dylan Thomas (1914-1953).
In den 1960er Jahren wurden Dylan-Songs wie "Blowin' in the Wind" oder "The Times They are A-Changin'" zu Hymnen der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Später präsentierte er sich als Rockstar mit E-Gitarre und stieß mit surrealistischen Rock-Epen wie "Like A Rolling Stone" seine früheren Folk-Fans vor den Kopf. In den 80er Jahren thematisierte er mit Gospel-Rock seine Hinwendung zum christlichen Glauben.
Kritiker würdigen die vielschichtigen Texte
Bis heute werden regelmäßig umfangreiche Zusammenstellungen älterer Aufnahmen veröffentlicht, die jahrzehntelang nur als inoffizielle Bootlegs zu haben waren. Zuletzt erschien Ende des vergangenen Jahres das Boxset "Through The Open Window" mit Aufnahmen vom Beginn seiner Karriere zwischen 1956 und 1963.
Seit einigen Jahren widmet sich Dylan auf mehreren Alben Songs des "Great American Songbook". Wenn er einmal wieder ein eigenes Album wie "Rough and Rowdy Ways" (2020) veröffentlicht, würdigen die Kritiker noch immer die vielschichtigen Texte. Künstler, die noch im hohen Alter auf der Bühne stünden, repräsentierten immer auch ihr Lebenswerk, sagt Custodis: "Diese Gesamtleistung ist bei Dylan fulminant."
Gastgeber einer Radioshow und Schauspieler
Der als äußerst zugeknöpft und schüchtern geltende Musiker überraschte als Gastgeber einer eigenen Radioshow, "Theme Time Radio Hour", in der er von 2006 bis 2009 jede Woche mit Witz und einem enormen Fachwissen durch die Musikgeschichte führte. Zudem widmet er sich der bildenden Kunst. Auch als Schauspieler war Dylan zuweilen zu sehen: etwa in dem Western "Pat Garrett and Billy the Kid" (1973) oder in "Masked and Anonymous" (2003).
"Er ist der Tramp, der einfach weiterziehen muss. Zu lange an einem Ort zu sein, ist nicht seine Art", sagt Musikwissenschaftler Custodis. Dylan ist auch ein spiritueller Wanderer, der angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt auf der Suche nach Erlösung ist. "Trying to get to Heaven before They close the Door" - auf Deutsch etwa: Versuchen, in den Himmel kommen, bevor die Tür zugemacht wird - heißt einer seiner Songs.
Bob Dylan selbst äußert sich über seine Musik in der Regel unwirsch: "Das Letzte, woran ich beim Songschreiben denke, ist, wer was darüber denken könnte", sagte er 2015 bei einer Charity-Veranstaltung der Grammy-Verleihung. "Ich schrieb sie einfach."




