Kirchen in der Energiekrise: Macht hoch die Tür?

Innenraum der evangelischen Kirche in Groß-Rohrheim

© Sebastian Gollnow/dpa

Kirchen stellen sich aktuell die Frage, ob sie ihre Gebäude heizen sollen oder ob die Kirchen aus Solidarität kalt bleiben sollten.

Kolumne: evangelisch kontrovers
Kirchen in der Energiekrise: Macht hoch die Tür?
Angesichts der hohen Energiepreise wollen Kirchen nicht unsolidarisch sein. Doch was heißt Solidarität diesen Winter: Sollen Gemeinden Gebäude heizen und alle einladen oder sollen die Räumlichkeiten gerade kalt bleiben? Unser Ethik-Experte Dr. Alexander Maßmann (Universität Cambridge) nimmt Stellung.

In Deutschland wird das Gas knapp. Bürger:innen und Betrieben bereiten die hohen Energiepreise Schwierigkeiten. Die Stadt Köln schaltet die Beleuchtung des Doms früher aus, und in manchen Schwimmbädern bleibt das Wasser kühler. Mit dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen wird zum Beispiel deutlich, wie das Geld auch Familien fehlt. Aber auch Kirchen fragen sich, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Auf keinen Fall sollten sie sich nun unsolidarisch zeigen. Aber was heißt hier Solidarität: Sollen Gemeinden Gebäude heizen und alle einladen, oder sollen die Kirchen aus Solidarität gerade kalt bleiben? 

Es wurde vorgeschlagen, Kirchen und Gemeinderäume jetzt erst recht aufzuwärmen. Angesichts von Not und Frustration können Gemeinden die Möglichkeit bieten, sich aufzuwärmen und andere Menschen zu treffen, anstatt allein zu Hause im Kalten zu sitzen. Bereits im Lockdown während der Pandemie waren viele Menschen einsam. Dagegen könnte man dieses Jahr der Krisenstimmung ein Hoffnungszeichen entgegensetzen. Eine Rentnerin könnte etwa zu Hause die Heizung runterdrehen und sich in der Kirche bei einer Tasse Kaffee mit anderen unterhalten, vielleicht auch zu einer Advents-Andacht bleiben.

Insgesamt wäre es aber ärgerlich, wenn Kirchen mit Betrieben und anderen zusätzlich um Öl und Gas konkurrieren. Ohnehin ist in vielen Gemeinden das Geld bereits knapp. Auch sind bei den Kirchen besondere Anstrengungen nötig, damit sie die Ziele der Klimaneutralität bis 2045 erreichen. Im September hat die EKD eine Richtlinie veröffentlicht, die die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen von 2023 bis 2035 um 90% vorsieht – und schließlich die Treibhausgas-Neutralität bis 2045. Bereits Ende 2020 haben die EKD-Kirchen ihr Vorhaben verfehlt, den Ausstoß um 40% zu reduzieren. 

Anders als verschiedentlich vorgeschlagen, eignen sich deshalb Kirchenräume schlecht dafür, die Öffentlichkeit diesen Winter ins Warme einzuladen. Zwar sind sie im Stadtteil bekannt und bieten ausreichend Raum und Atmosphäre. Doch sie sind aufwändig zu heizen. Im Kirchenraum führt das Hoch- und Runterregeln der Heizung durch die Luftfeuchtigkeit leicht zu Schäden, z.B. an der Orgel. Die Temperatur sollte längerfristig konstant bleiben, und das muss diesen Winter oft heißen: kühl.

Auch effizientere Sitzheizungen, die nicht den gesamten Raum wärmen, sind nicht immer praktikabel, denn dabei wären Geräte zur Feuchtigkeitsmessung nötig, die nicht jede Kirche hat. In den Gemeinden der Badischen Kirche, die zu den Vorreitern im kirchlichen Klimaschutz zählt, ist in der Tat geplant, Kirchen diesen Winter kühl zu halten. In der Nordkirche nutzt man bereits oft, teils notgedrungen, von Januar bis Ostern nicht die Kirche, sondern das Gemeindehaus.

Umfrage

Also könnte man angesichts der Energie-Krise ins Gemeindehaus einladen anstatt in die Kirche. Das ist auch die Absicht der Initiative "Wärmewinter", die die evangelischen Kirchen mit dem Diakonischen Werk planen. Die breite Öffentlichkeit ist in diakonische Einrichtungen und Kirchengemeinden eingeladen, sich dort im Warmen aufzuhalten und andere Menschen zu treffen.

Wenn die Gemeinden ohnehin Energie sparen müssen – um nicht mit anderen um Öl und Gas zu konkurrieren, um ihrerseits Geld zu sparen und um die Klimaziele zu erreichen –, bedeutet der "Wärmewinter" eine zusätzliche Investition. Wenn die Corona-Infektionen hochgehen, ist es gut möglich, dass weniger Menschen das Angebot annehmen wollen, als gedacht, und dann würden sowohl das Gemeindehaus als auch die Privatwohnungen geheizt. Doch wo Aussichten bestehen, dass die Einladung ins Gemeindehaus angenommen wird, sollte dieses Zeichen der Solidarität und der Hoffnung es den Kirchengemeinden wert sein. 

Um den zusätzlichen Aufwand geringer zu halten, können sich Gemeinden vor Ort nicht nur mit diakonischen Einrichtungen, sondern auch mit katholischen Gemeinden und mit öffentlichen Einrichtungen zusammenarbeiten und Doppelungen vermeiden. Zu prüfen ist, ob Energie-Sparen an anderer Stelle einen Ausgleich ermöglicht. Man könnte die Kirche nicht erst ab Januar kalt lassen, sondern bereits in der Advents- und Weihnachtszeit. Die regulären Gottesdienste im Dezember könnten teils im Gemeindehaus gehalten werden, teils – mit Decken und eventuell mit Sitzheizungen – in der kalten Kirche. Wo üblicherweise der Kirchturm angestrahlt wird oder größere Weihnachtsdeko Energie verbraucht, gibt es weiteres Sparpotential.

Gemeinden sollten sorgfältig prüfen, ob sie nicht um der Nächstenliebe und der Hoffnung willen ins Gemeindehaus einladen können. Ich rufe nicht vollmundig dazu auf, Tür und Tor zu öffnen, als ob man aus dem Vollen schöpfen könnte, sondern hoffe, dass man mit sorgfältiger Planung das Programm des "Wärmewinters" stemmen kann. Wenn Gemeinden in diesem außerordentlichen Winter dafür an anderer Stelle den Gürtel enger schnallen, wäre das zu begrüßen. Schließlich geht es ja auch im Advent darum, sich auf das Wesentliche zu besinnen und sich für den Heiland bereit zu machen, der in einer kargen Krippe zur Welt gekommen ist.

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