Corona-Krise trifft auch Geflüchtete in Deutschland

Schutzmasken zu nähen rettete den Schneider Manu Ibrahim.

© epd-bild/Pat Christ

In der Schneiderei von Manu Ibrahim (Archivfoto von 2018) in Würzburg war bisher immer viel los. Dann kam die Corona-Krise.

Corona-Krise trifft auch Geflüchtete in Deutschland
Die Corona-Pandemie ist auch für Flüchtlinge in Deutschland ein Problem: Asylverfahren ziehen sich in die Länge. 14 Tage Quarantäne können direkt in die Arbeitslosigkeit führen. In der Krise bröckelt die Solidarität mit Geflüchteten, befürchten Pro Asyl und andere Helfer

In der Schneiderei von Manu Ibrahim ist eigentlich immer viel los. Die Handwerkskunst des 2015 nach Deutschland geflüchteten Syrers wird weithin geschätzt. Anfang 2018 wagte es Ibrahim, sich in Würzburg selbstständig zu machen. Alles lief gut. Bis zur Corona-Krise: Er musste seinen Laden schließen, niemand bestellte mehr etwas. "Dann erhielt ich den Auftrag, 900 Schutzmasken zu nähen", erzählt der 33-Jährige. In der Folge kamen weitere Maskenaufträge. Das hat sein Geschäft gerettet.

Ibrahim war es gelungen, sich binnen kurzer Zeit einen Kundenkreis aufzubauen. Was er in den letzten zweieinhalb Jahren geleistet hat, ist für alle, die ihn kennen, erstaunlich. Denn Ibrahim kam als Analphabet nach Deutschland, Deutsch sprach er schon gar nicht. Mit viel Fleiß baute er sein Geschäft auf. 14-Stunden-Tage waren und sind für ihn keine Seltenheit. Wäre seine Schneiderei durch die Corona-Krise pleitegegangen, wäre all sein Fleiß umsonst gewesen.

Dass er einen Migrationshintergrund hat, bringe ihm keine Nachteile, sagt der zum Katholizismus konvertierte Syrer. Durch sein handwerkliches Geschick und sein freundliches Wesen schaffte er es, die Sympathien der Menschen in seiner neuen Heimatstadt zu gewinnen. Anderen Geflüchteten geht es bei weitem nicht so gut. Oft kämpfen sie gegen Behörden und Bürokratie, Rassismen im Alltag und Vorurteile auf dem Arbeitsmarkt. Durch die Krise vervielfachen sich ihre Probleme.

Gerettet hat seine Schneiderei der Auftrag, Corona-Masken zu nähen.

Der Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen am 20. Juni macht darauf aufmerksam, in welchen Schwierigkeiten Geflüchtete stecken. Da ist zum Beispiel Fate H. (Name geändert) aus Äthiopien. In ihr Heimatland zurückkehren zu müssen, wäre für sie eine Horrorvorstellung. "Oh nein, niemals, unter keinen Umständen!", wehrt sie ab, als sie danach gefragt wird.

Was ihr in Äthiopien widerfuhr, will die 31-Jährige nicht sagen. Schlimmes, meint sie. Deshalb floh sie mit ihrem Mann nach Deutschland. 2014 kamen die beiden an. Seither warten sie. Durch die Corona-Pandemie zieht sich alles weiter in die Länge: Ihr Asylverfahren, wurde Fate H. mitgeteilt, ruhe auf unbestimmte Zeit.

Bildergalerie

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos

Rettungswesten-Friedhof

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Rettungswesten-Friedhof

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Der "Friedhof für Rettungswesten" im Norden der Insel ist Symbol für die vielen tausend Menschen aus rund 60 Ländern, die auf Lesbos und damit in Europa angekommen sind.

Olivenhain

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Das eigentliche Campgelände umfasst nur 4,2 Hektar, wovon ein gutes Drittel fürs campeigene Gefängnis und Räumlichkeiten des Militärs wegfallen. Deswegen wohnen Tausende in Olivenhainen außerhalb des Lagers.

Kinder in Moria

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Gut ein Drittel der Moria-Bewohner sind Kinder. Es gibt keine Kapazitäten sie alle zubetreuen oder gar beschulen zu können.

Dixie-Klos im Camp

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Auf 75 Bewohner kommt eine Toilette, auf etwa 200 eine Dusche. Dass sie es kaum schaffen, sich selbst und ihre Kleidung einigermaßen sauber zu halten, ist für viele Geflüchtete eine große Belastung.

Selbstgebaute Behausungen aus Planen

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Selbstgebaute Behausungen aus Planen, Decken und Holzplanken sind in Moria als "Strukturen" bekannt. Offiziell müssten die Leute in Containern und Zelten untergebracht werden, das Camp-Management drückt aber ein Auge zu, solange die Erbauer in ihren Strukturen selbst wohnen.

Lange Warteschlangen an der Essensausgabe

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Bis zu drei Stunden am Tag stehen die Menschen für's Essen an - dreimal täglich. Manchmal reicht das Essen auch nicht für alle. Kein Wunder, dass die Essensausgabe der Ort ist, an dem es am ehesten zu Auseinandersetzungen und Aufständen kommt.

Wäsche qauf der Leine

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Wäsche wird mit der Hand gewaschen und draußen aufgehängt. Wäsche zu trocknen war im Winter wegen des vielen Regens nicht möglich.

Menschen sammeln Brennholz

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Die Menschen brauchen Brennholz zum Brotbacken und im Winter zum Heizen. In der Vergangenheit sind einige Menschen durch Feuer gestorben.

Zelt an Zelt und keine Privatsphäre

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Der Versuch einiger Camp-Bewohner, ein kleines Grundstück für sich abzutrennen, ist zum Scheitern verurteilt: Wenn es voller wird, werden in diesem Vorgarten Zelte aufgestellt.

Stacheldraht erinnert daran, dass Moria Militärgelände ist

© Silas Zindel/GAIN Schweiz

Der Hotspot Moria war früher ein Militärgefängnis und sieht auch noch danach aus. Die Bewohner können jedoch das Camp - aber nicht die Insel - verlassen.

Wie lange muss sie noch warten, bis über ihren Asylantrag entschieden wird? Was, wenn sie nicht bleiben kann? Diese Fragen gehen der dreifachen Mutter, die in einem kleinen Ort in Franken lebt, ständig durch den Kopf. Und sie schlagen ihr aufs Gemüt. "Ich bin traurig, immer traurig", sagt Fate H. Besonders schlimm war für sie in den vergangenen Wochen, dass sie, obwohl ihre Not groß war, weniger Unterstützung als sonst erhielt. Normalerweise wird sie regelmäßig von der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin Eva Grabosch besucht: "Die ist wie eine Mama für mich." Corona verhinderte jedoch direkte Kontakte zu ihr, da Grabosch mit ihren 72 Jahren zur Risikogruppe gehört.

Dann ist da Buruk (Name geändert), der in Quarantäne musste. Das hatte für den jungen Mann, der ebenfalls aus Äthiopien floh, sehr unangenehme Folgen, sagt seine Flüchtlingshelferin Bärbel Krumme: Der positiv auf Corona getestete Afrikaner verlor dadurch seinen Job. Nun hat er keine Arbeit und kaum Geld.

Günter Burkhardt (Archivfoto) ist Geschäftsführer von Pro Asyl und befürchtet, in der Corona-Krise könnte die gesellschaftliche Solidarität mit Geflüchteten weiter bröckeln.

Dass Behörden oft kein Pardon kennen und auf Dingen beharren, die kaum zu erfüllen sind - auch das hält Flüchtlingshelfer wie Angelika Cantré auf Trab. Derzeit hat es die Sozialpädagogin im Ruhestand mit einer Familie aus Eritrea zu tun, die aufgefordert wurde, ihre Identität nachzuweisen. Die Mutter konnte keine Geburtsurkunde herbeischaffen. Dadurch verlor sie ihre Arbeitserlaubnis. Es würden Barrieren aufgebaut, die für Geflüchtete schier unüberwindlich sind, sagt Cantré.

In der Corona-Krise könnte die gesellschaftliche Solidarität mit Geflüchteten weiter bröckeln, befürchtet Günter Burkhardt, Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl. Die Krise sei für Asylsuchende auch deshalb problematisch, weil sie ihre Jobchancen mindert: "Wir haben die Sorge, dass dadurch auch der Zugang zum Bleiberecht drastisch schwieriger wird."