Ende 2025 hatte der Bundestag eine neue Regelung für den Wehrdienst beschlossen, die ab 2026 eine Musterungspflicht für junge Männer und das verpflichtende Ausfüllen eines Fragebogens vorsieht. Die Reaktionen, vor allem die der jungen Menschen, zeigten sich in Demonstrationen und Protesten (evangelisch.de berichtete). Auch wenn der Dienst zunächst freiwillig sein soll, sprachen Kritiker wie die Evangelische Jugend von der Wehrdienstpflicht durch die Hintertür.
Grund für diese Kritik könnten die Äußerungen vom CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn und seinem Vize Norbert Röttgen sein, die von einer "Bedarfswehrpflicht" sprachen, falls es zu Personalmangel komme. Die Reaktionen der Kirche waren unterschiedlich: Während der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg die Zahl der evangelischen Militärgeistlichen in Deutschland aufstocken möchte, fehlt anderen ein klares Nein zur Wehrpflicht in der neuen Friedensdenkschrift der EKD.
Die Diskussion zum Wehrdienst ist im vollen Gange, die ersten frisch 18-Jährigen haben bereist Post vom Bundesverteidigungsministerium erhalten. Das Ausfüllen des Fragebogens, mit dem die Bereitschaft für den Dienst in der Bundeswehr abgefragt wird, ist für junge Männer verpflichtend, der Dienst selbst bleibt freiwillig. Frauen, die im nächsten Jahr 18 Jahre alt werden, werden ebenfalls angeschrieben. Sie müssen den Fragebogen aber nicht ausfüllen. Die Schreiben werden den Angaben zufolge auch über andere Freiwilligendienste informieren.
Nach ihrem Volontariat in der Pressestelle der Aktion Mensch arbeitete Alexandra Barone als freie Redakteurin für Radio- und Print-Medien und als Kreativautorin für die Unternehmensberatung Deloitte. Aus Rom berichtete sie als Auslandskorrespondentin für Associated Press und für verschiedene deutsche Radiosender. Seit Januar 2024 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig.
Ignorieren kann 1.000 Euro kosten
Die Briefe werden nach Angaben des Verteidigungsministeriums einen QR-Code enthalten, der eingescannt zu dem Online-Fragebogen führt. Die Angeschriebenen müssen dort binnen eines Monats zwölf Fragen zur Schul- und etwaigen Berufsausbildung sowie zu Größe, Gewicht und geschätztem Fitnesslevel machen. Die Bereitschaft, zur Bundeswehr zu gehen, wird anhand einer Skala abgefragt - von 0 für "kein Interesse" bis 10 für besonders großes Interesse.
Wenn ein junger Mann der Verpflichtung zum Ausfüllen des Fragebogens nicht nachkommt oder dabei falsche Angaben macht, kann eine Geldbuße bis 1.000 Euro die Folge sein, berichtete die Welt kurz vor Weihnachten 2025. Außerdem werden junge Männer wieder verpflichtet, zur Musterung zu erscheinen. Wenn sie einen entsprechenden Termin unentschuldigt versäumen, könnte die Polizei anrücken und eine Musterung durchsetzen.
"Kirche an deiner Seite"
Die evangelische Kirche in Bayern wird auf das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz auch mit einem Brief reagieren, den sie diese Tage an 22.000 Jugendliche verschicken werde, teilte die bayerische Landeskirche in einer Pressemitteilung mit, die der Redaktion vorliegt. Unter dem Motto "Kirche an deiner Seite" wird darin der bayerische Landesbischof Christian Kopp darauf aufmerksam machen, dass es Beraterinnen und Berater der Kirche zu Fragen rund um Wehrdienst, Freiwilligendienst und Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen gibt.
Tausende junge Menschen würden gerade darüber nachdenken, wie sie sich in einer unruhigen Welt für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit einsetzen könnten, schreibt der Bischof. "Wir können Dir die Entscheidung nicht abnehmen", heißt es in dem Schreiben, teilt die Landeskirche mit, "aber wir begleiten Dich gern dabei, Deine innere Stimme besser zu verstehen".
Zahl der Wehrdienstverweigerer bleibt hoch
Die Zahl der Wehrdienstverweigerer ist im vergangenen Jahr sprunghaft gestiegen. Beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gingen 3.867 entsprechende Anträge ein und damit 72 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie die Behörde dem Evangelischen Pressedienst (epd) bestätigte. 2024 waren es insgesamt 2.249 Anträge. Allein im Dezember 2025, als der Bundestag das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz beschlossen hatte, seien 371 Anträge eingereicht worden, hieß es. Das seien innerhalb eines Monats fast doppelt so viele Anträge gewesen wie im gesamten Jahr 2021.
Grund für den Anstieg könnte nicht nur der andauernde Krieg in der Ukraine sein, sondern eine Äußerung des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Thomas Röwekamp (CDU). Dieser rechnet mit einer Rückkehr zur Wehrpflicht noch in dieser Legislaturperiode. "Mit dem Wehrdienst-Modernisierungsgesetz haben wir ein Instrument für den personellen Aufwuchs geschaffen", so Röwekamp laut einer epd-Meldung vom 25.12.2025.
Innerhalb 2026 zur Wehrpflicht zurückkehren?
Das Parlament werde im Jahr 2027 prüfen, ob die vereinbarten Zielzahlen erreichbar seien, erklärte Röwekamp. "Ich persönlich rechne damit, dass wir noch in dieser Legislaturperiode zur Wehrpflicht zurückkehren müssen." Denn neben dem nötigen Aufwuchs müssten jedes Jahr 20.000 bis 30.000 Soldaten ersetzt werden, die aus der aktiven Truppe ausscheiden.
Ziel ist laut Gesetz, die Truppenstärke der Bundeswehr bis zum Jahr 2035 von derzeit rund 184.000 Soldatinnen und Soldaten auf 255.000 bis 270.000 zu erhöhen. Untätig bleibt die Bundeswehr nicht, die Zahl der Schulauftritte von Bundeswehrangehörigen ist auf einem hohen Niveau.
Die Bundeswehr hat im vergangenen Jahr mehr als 5.500 Besuche an Schulen absolviert. 2024 waren Angehörige der Truppe 6.137-mal in Schulen zu Gast, im vergangenen Jahr 5.529-mal.
"Militarisierung der Bildung"
Die Linken-Abgeordnete Nicole Gohlke sieht die Zahl der Besuche vor dem Hintergrund der Bemühungen um mehr Personal für die Bundeswehr kritisch. "Minderjährige werden aggressiv von der Bundeswehr umworben, dabei bräuchte es statt Druck in Richtung Uniform und Kriegslogik endlich massive Investitionen in gute Schulen, soziale Sicherheit und eine Politik, die Jugendlichen echte Zukunftschancen statt Kasernenhöfe bietet", sagte sie. Die Abgeordnete sprach von einer "Militarisierung der Bildung", die gestoppt werden müsse.
2011 war die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt worden. Das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen gemäß Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes zu verweigern, blieb allerdings bestehen.


