Er hat eine freundliche, ruhige Stimme am Telefon. Der Pastor einer protestantischen Kirchengemeinde in Minneapolis hat einem Gespräch zugestimmt. Allerdings nur unter der Bedingung, dass weder sein Name noch der seiner Gemeinde genannt wird (Name und Gemeinde sind der epd-Redaktion bekannt). Aus Angst vor den Mitarbeitern der US-Einwanderungsbehörde ICE halten er und die Gemeindemitglieder sich bedeckt und versuchen, keine Aufmerksamkeit zu erregen. "Sonst können wir nicht mehr helfen", sagt der Pastor.
Seit einigen Wochen geht die ICE-Behörde im Großraum Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota hart gegen Migranten und Flüchtlinge vor. Anfang Januar wurde bei einem Einsatz in Minneapolis die 37-jährige US-Bürgerin Renee Good in ihrem Auto von ICE-Agenten erschossen, erst vor wenigen Tagen wurde der 37-jährige US-Bürger Alex Pretti getötet. Seit Wochen protestieren Menschen gegen das Vorgehen der Behörde.
Der Pastor aus Minneapolis berichtet, dass seine Kirchengemeinde eine alte Gemeinde ist, die in einer wirtschaftlich benachteiligten Gegend liegt. Viele Menschen dort haben nicht genug Geld für Essen und Miete. Mit ihrer Lebensmittelausgabe versorgt die Gemeinde 6.000 Familien, sechs Tage die Woche ist sie geöffnet. Für Obdachlose wird sieben Tage die Woche eine warme Mahlzeit serviert. Viele Familien mit Migrationshintergrund gehören zur Gemeinde, sie suchen Kontakt, Gemeinschaft und auch Hilfe.
Hinter verschlossenen Türen
"Was wir in den letzten Wochen gesehen haben, ist, dass der Großteil dieser Familien sich nun hinter verschlossenen Türen versteckt. Sie haben zu viel Angst, um ihre Türen zu öffnen, sie können nicht arbeiten gehen und daher auch ihre Mieten nicht bezahlen", berichtet der Pastor. Seine Kirchengemeinde versucht, so viele Familien wie möglich zu unterstützen, auch beim Bezahlen der Miete.
Helfer bringen Lebensmittel zu den Menschen nach Hause. "Wir kündigen uns vorher an, klopfen dann zweimal und gehen wieder. Die Menschen öffnen die Türen erst, wenn sie sich sicher fühlen", berichtet der Geistliche. Das sei auch eine drastische Veränderung im Gemeindeleben. Viele der sonst regelmäßigen Besucher kommen nicht mehr zu Gottesdiensten oder anderen Zusammenkünften, aus Angst vor ICE. Es gibt keine Treffen mehr, keine Begegnung. Die Kontaktaufnahme ist nur noch einseitig.
Verlust für das Gemeindeleben
Es gebe zwei Versionen dessen, was in Minneapolis passiert, sagt der Pastor. Die eine ist die Version der Einwanderungsbehörde, dass die ICE-Mitarbeiter in der Stadt sind, um kriminelle Migranten aufzuspüren und zu deportieren. Die andere ist die der Migrantenfamilien, die Unterdrückung erleben. Sie berichten von ICE-Autos, die in der Nachbarschaft umherfahren, von Drohnen, die über der Stadt fliegen, von Menschen, die Ausschau halten nach jedem, der anders aussieht oder anders spricht. "Was genau davon ist wahr?", fragt er. Das sei im Detail gar nicht unbedingt klar. Klar sei nur: Die Angst ist real.
Die Gemeindemitglieder spüren die Abwesenheit der Migrantenfamilien. "Es ist ein Verlust im Gemeindeleben", berichtet der Pastor. Die Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit sei enorm. "Gemeinsam haben wir bereits zu Beginn in der Gemeinde entschieden, dass wir uns ruhig verhalten, keine Aufmerksamkeit auf die Lebensmittelausgabe lenken, nicht protestieren. Wir helfen da, wo es jetzt am dringendsten nötig ist."
Die Proteste haben ihre Berechtigung, genauso wie die Menschen, die sich zu Wort melden, Stellung beziehen. Etliche Kirchenvertreter und Geistliche haben sich zuletzt an den Protesten beteiligt. "Wir begrüßen das, es ist ein wichtiges Signal", sagt der Pastor. Er fügt an: "Aber wenn sie die Migrantenfamilien hier vor Ort fragen, dann sagen die ihnen, dass sie längst deportiert sein werden, bevor so ein Protest Wirkung zeigt. Was wir brauchen, ist Hilfe genau jetzt."
"Als die ICE-Mitarbeiter kamen, dachten wir, dass es nur ein paar Wochen dauern wird", erzählt der Pastor. Er setzte sich mit verschiedenen kirchlichen Vertretern und Kirchenleitenden in Verbindung und erfuhr: Die Hotelzimmer für die ICE-Mitglieder waren bis Mai gebucht. "Es wird also ein Marathon, kein Sprint", so der Pastor. Die Situation werde sich nicht ändern, bis die Regierung entscheide, dass sie fertig mit Minneapolis, fertig mit Minnesota sei, erklärt er.


