Wanderbänke und Kaffeemaschinen

Wie bringt man Leben ins Dorf?
Onlinekurs

Foto: igor_kell/stock.adobe

Mithilfe eines Onlinekurses der evangelischen Kirche sollen Menschen auf dem Dorf ihren Ort wiederbeleben.

Ein Onlinekurs der evangelischen Kirche hilft Menschen auf dem Dorf, ihren Ort wiederzubeleben und erhielt dafür den Demografie-Preis des Landes Hessen. Der nächste Durchgang hat gerade begonnen.

Immer mehr Menschen verlassen die Dörfer, in denen sie aufgewachsen sind, um in städtische Regionen zu ziehen. Die Dörfer werden kleiner, Kneipen und Geschäfte müssen schließen. Das kann das Leben schwer machen, wenn man in die nächstgrößere Kleinstadt fahren muss, um nur ein paar Lebensmittel zu kaufen - gerade im Alter. Dorfbewohner sind aber keineswegs Opfer von Wohnungsmangel und hohen Mieten in der Stadt. Vielmehr sind sie in der Regel "Überzeugungstäter" - Menschen, die in ihrem Ort bleiben, weil sie ihr Dorf und den Zusammenhalt dort lieben. Eine solche Gemeinschaft ist aber etwas, das man pflegen muss - gar nicht so einfach, wenn es keine Treffpunkte gibt.

"Wenn man in Eifa mal jemanden gesehen hat, dann abends um halb sieben auf dem Friedhof", erzählt Manuela Vollmann von ihrem Dorf. Früher gab es dort wenigstens noch das Milchhäuschen. Zu dem sind die Menschen schon morgens gegangen, haben sich unterhalten und wussten dadurch, was so los ist. "Als das Häuschen weg war, war das nicht mehr so." Manuela Vollmann sitzt vor ihrem Computer und spricht in die Webcam für ein Video, in dem sie erzählt, wie sie sich in ihrem Dorf engagiert. Ihre Lippenbewegungen und der Ton stimmen nicht überein, vielleicht weil die Datenübertragung an diesem Tag zu langsam ist. Trotzdem haben das Internet, ein Onlinekurs und Manuela Vollmann zusammen einen Treffpunkt für die Menschen in Eifa geschaffen.

DorfMOOC heißt der Onlinekurs, an dem Manuela Vollmann teilgenommen hat. "MOOC" steht für "Massive Open Online Course" und bedeutet ganz einfach, dass viele Teilnehmer den Kurs machen können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Den Onlinekurs haben die Erwachsenenbildungsbereiche der evangelischen Landeskirchen von Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau ins Leben gerufen. Er soll den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigen, wie das gehen kann: Sich vor Ort, im Dorf zu engagieren. Als die Lektionen, Videos und Foren zum ersten Mal freigeschaltet waren, hatten sich schon 371 Menschen angemeldet und teilgenommen. Und das Land Hessen zeichnete den Kurs prompt mit seinem Demografie-Preis aus. Jetzt ist der zweite Durchgang von DorfMOOC gestartet. Seit dem zweiten November können neugierige und engagierte Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner an dem Kurs teilnehmen.

Sie begleiten die Interessierten auf ihren ersten Schritten zur Teilnahme am Onlinekurs (von links): Bürgermeister Claus Steinmetz, Melanie Nöll, Andreas Wiesner, Sonja Pauly und Karin Schmid.

Manuela Vollmann hat bereits beim ersten MOOC mitgemacht. Das Video, in dem sie von ihren Erfahrungen erzählt, ist auf eine Leinwand im Kulturraum im Bahnhof in Wabern in Nordhessen projiziert. Etwa 60 Frauen und Männer sind gekommen, um sich dort über den Kurs zu informieren – was allerdings nicht zwingend notwendig ist, um mitzumachen. Aber das Interesse ist groß. Die meisten dieser Menschen leben in Orten, die zwischen 500 und 5000 Einwohner haben. Sie wollen lernen, wie man das am besten anfängt mit dem "Engagieren". Das soll ihnen der Kurs beibringen. Er enthält sechs Einheiten mit jeweils drei Lektionen. Sie starten mit einem Video, enthalten Aufgaben und auch Belohnungsbuttons für absolvierte Herausforderungen. Die haben Manuela Vollmann besonders gut gefallen.

Ihre Idee: Sie machte aus einer Gartenbank einen wandernden Treffpunkt: Sie hatte einer Bekannten von dem Kurs erzählt. Diese hatte eine ungenutzte Bank zuhause rumstehen, eigentlich stand sie sogar im Weg. Manuela Vollmann nahm die Bank, ließ sie von Kindern aus dem Dorf bemalen und stellte sie zuerst an der Hauptstraße auf, dann an anderen Stellen im Ort. Beim ersten Mal kamen vier Neugierige zur Bank, beim zweiten Mal waren es sechs. Mittlerweile reichen die Bewohner die Bank überall im Dorf herum: "Wir sind eine relativ große Gruppe geworden, die sich an der Bank trifft und Kaffee oder auch mal einen Sekt trinkt", erzählt die stolze Initiatorin.

Wer am MOOC teilnehmen möchte, braucht einen Internetzugang - oder zumindest Freunde und Bekannte mit Internet. Und das hat offenbar fast jeder, auch auf dem Land: Nur ein Mann hebt die Hand, als Karin Schmid fragt, wer denn keinen Zugang zum WorldWideWeb habe. Sie ist Pfarrerin der evangelischen Erwachsenenbildung in Herborn. Allerdings sind zwei Drittel der Anwesenden der Meinung, dass ihr Netz – insbesondere die Geschwindigkeit - ausbaufähig sei. Aber warum findet der Kurs dann online statt, wenn das Internet auf Land doch bekanntermaßen eher langsam ist?

Kirche findet vor Ort statt

"Wir können so Menschen aus unterschiedlichen Generationen und Regionen zusammenbringen, erhalten sogar Impulse aus dem Ausland. Kirche findet vor Ort statt, unabhängig von der Region oder der Konfession", erklärt Schmid. Tatsächlich verteilen sich die Wohnorte der MOOC-Teilnehmer über ganz Deutschland. Einige kommen sogar aus Österreich. Das Internet ermöglicht es, über jede Distanz hinweg zu kommunizieren. Und es erlaubt den Dorfbewohnern auch, ihr Wirken optional in sozialen Netzwerken zu teilen.

Der Kurs ermutigt dazu, sich zu engagieren. Das muss nicht gleich heißen, dass man einen Dorfladen gründet: "In einem Ort haben Frauen sich einfach den Schlüssel für das Gemeindehaus geliehen, eine Kaffeemaschine aufgestellt und sich zusammengesetzt", sagt Andreas Wiesner, Pädagogischer Fachreferent der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Kassel. Inzwischen treffen sich die Frauen regelmäßig zum Kaffeetrinken. Kleine Aktionen können eben auch etwas bewirken. Der Kurs will nichts vorschreiben, sondern Ideen anregen, Aktionen anstoßen. Deshalb kann jeder Teilnehmer ihn auch in seinem persönlichen Tempo absolvieren und seine eigenen Vorstellungen umsetzten.

Wer dann mehr machen möchte, als eine Bank wandern zu lassen, der braucht natürlich Unterstützung: Fördermittel und politische Hilfestellungen. "Dann ist ein Fördermittelantrag möglich", sagt Andreas Wiesner. Und wem es um Platz und Räume geht, der kann sich in Wabern zum Beispiel an Bürgermeister Claus Steinmetz wenden, der für Initiativen der Bürger offen ist. Schließlich sei es so beispielsweise zur Sanierung des Bahnhofs in Wabern gekommen, bei der die Ideen der Bürger eingeflossen seien.

Einen Tipp für alle Neulinge hat Manuela Vollmann am Ende auch noch: "Ich bin mit einem afrikanischen Pfarrer aus Tansania befreundet, der immer sagt: Mach'! Wenn's klappt, ist' s gut, wenn nicht, dann auch!" Und wer weitere Fragen hat oder Anregungen und Hilfestellungen von seinen Mitstreitern bekommen will, wird schließlich in den Foren des Onlinekurses fündig.