Experten mahnen zu solidarischer Gestaltung der Digitalisierung

Präses Kurschus: Technik muss den Menschen dienen
Vertreter von Wissenschaft, Politik und Kirche haben dazu aufgerufen, die Digitalisierung zum Wohl der Gesellschaft aktiv zu gestalten. Die Macht der Algorithmen dürfe nicht "den Konzernen und Programmierern" überlassen werden, sagte die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, am Freitag in Schwerte. Der Experte Klaus-Peter Jansen vom Technologie-Netzwerk "it's OWL" warnte davor, die Digitalisierung der Arbeitswelt allein den Marktmächten anzuvertrauen. Die frühere NRW-Familienministerin Christina Kampmann (SPD) mahnte, Bildungsunterschiede auszugleichen, damit niemand zurückbleibe.

Die Digitalisierung verändere nicht nur Geräte, sondern auch die Menschen und die Gesellschaft, sagte Kurschus auf der diesjährigen Politikertagung der westfälischen Kirche zum Thema Digitalisierung. Es müsse auch künftig darum gehen, gesellschaftliche Solidarität zu leben und zu gewährleisten. Immer kostbarer werde angesichts der wachsenden digitalen Kommunikation die "analoge Begegnung" von Menschen, betonte die stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD): "Das gute alte Gespräch, die Verlässlichkeit von Beziehungen, Blickkontakt und Händedruck, die Hand, die mich segnet: All dies gehört unabdingbar zum Menschsein und zum Glauben."

Der Erziehungswissenschaftler Jansen, Referent für Technologietransfer bei "it's OWL", forderte Politik und Gesellschaft auf, die Digitalisierung in der Arbeitswelt öffentlich zu thematisieren. Es gebe viele Vorbehalte und Ängste, beispielsweise vor einem "digitalen Proletariat, das in einfachen Jobs knechtet und nur noch Maschinen überwacht". Digitalisierung passiere nicht einfach, sondern müsse gestaltet und vermittelt werden. Jansen plädierte dafür, den Produktivitätszuwachs durch Digitalisierung zu nutzen, um gemeinnützige Arbeit aufzuwerten.

Auch für Ex-Ministerin Kampmann spielt Bildung eine zentrale Rolle. Bildungsunterschiede in der Gesellschaft dürften nicht zementiert, sondern müssten aufgelöst werden, betonte die SPD-Politikerin. Zudem müsse das Stand-Land-Gefälle ausgeglichen werden. Es gebe Verlierer der Digitalisierung, "aber wir müssen möglichst viele zu Gewinnern machen", sagte die Landtagsabgeordnete. Sonst drohten Populisten noch mehr Zulauf zu erhalten.

Für die nordrhein-westfälische Landesregierung nannte Wirtschaftsstaatsekretär Christoph Dammermann als Ziel, den Alltag der Bürger durch die Digitalisierung zu erleichtern. Neben besseren Rahmenbedingungen für digitale Start-ups und Geschäftsmodelle sollten digitale Angebote in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Verwaltung ausgebaut werden. "Für uns ist klar, dass der Mensch bei diesem Prozess im Mittelpunkt stehen muss", sagte Dammermann.

Maximale Steuerungsmöglichkeiten forderte Christian Dopheide, Theologischer Vorstand der Evangelischen Stiftung Hephata, angesichts von Big Data. "Als Mensch, dessen Daten gesammelt werden, wünsche ich mir, dass ich mir aussuchen kann, in wessen Hände ich meine Daten gebe", sagte er. Die Begegnungstagung für Politiker und Mitglieder der westfälischen Kirchenleitung findet seit Mitte der 50er Jahre einmal im Jahr zu einem aktuellen Thema statt.