"Wir müssen reden"

500. Jahrestag der Reformation war geprägt von Aufrufen zur Verständigung
Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche haben die Protestanten das 500. Reformationsjubilaeum gefeiert.

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Mit einem zentralen Festgottesdienst in der Wittenberger Schlosskirche haben die Protestanten das 500. Reformationsjubilaeum gefeiert.

Luther-Spektakel, Gottesdienst, Festakt mit Kanzlerin: In Wittenberg wurde am Dienstag das Finale des Reformationsjubiläums gefeiert. Die Appelle einte eine Botschaft: Auch heute gibt es tiefe Veränderungen, über die man sich austauschen sollte.

Devid Striesow macht den Luther. "Wir müssen reden", sagt der Schauspieler immer wieder und zitiert aus den Thesen des Reformators. Er redet eindringlich, geht aufgewühlt durch die Reihen der Wittenberger Schlosskirche. Ganz wie es einst - so könnte man sich vorstellen - Martin Luther (1483-1546) in seiner Stube tat, als er über seine 95 Thesen nachdachte.

Luthers Kirchenkritik löste die Reformation aus, spaltete die christliche Kirche und hatte Folgen für die ganze Gesellschaft. Der Überlieferung nach schlug er seine Thesen am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche - und genau dort feierten exakt 500 Jahre später Spitzen von Kirchen, Staat und Gesellschaft dieses Jubiläum. Auch an diesem Dienstag einte sie eine Botschaft: "Wir müssen reden."

Erstmals war der Reformationstag 2017 ein bundesweiter Feiertag, den Festgottesdienst übertrug die ARD live. Im anschließenden staatlichen Festakt, der im ZDF zu sehen war, unterstrich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Wert der Religionsfreiheit und forderte zum interreligiösen Dialog auf. Überall dort, wo die Religionsfreiheit bedroht sei, nehme auch die Gesellschaft Schaden, sagte Merkel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Festgottesdienst in der Schlosskirche.

Ohne es konkret zu erwähnen, konnte man bei ihrem Plädoyer für mehr Austausch unter den Religionen außerdem an die derzeit hitzige Debatte über die Integration des Islam in Deutschland denken. Deutlicher verwies Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) auf Differenzen in der Gesellschaft und in Europa. "Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren", zitierte er Reformator Philipp Melanchthon (1497-1560).

In der Schlosskirche und zum Festakt versammelten sich viele bekannte Gesichter, darunter fast die gesamte Staatsspitze. Neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Merkel waren Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) und Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD), der ab Mittwoch Bundesratspräsident ist, gekommen, dazu mehrere Ministerpräsidenten und Bundestagsabgeordnete sowie die Altbundespräsidenten Joachim Gauck und Christian Wulff. Auch die Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, waren unter den Gästen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, forderte in seiner Predigt als Lehre der Reformation Veränderungsbereitschaft. Das Land brauche eine "neue innere Freiheit", sagte er. Weder Obergrenzen für die Unterstützung von Menschen in Not würden dabei helfen, noch moralische Durchhalteparolen.

Heinrich Bedford-Strohm bei der Predigt.

Deutschland sei so gesegnet ist wie nie zuvor, habe ein "beeindruckendes Maß an Empathie gezeigt", sagte der bayerische Landesbischof weiter. Dass das zunehmend mehr Menschen anders sehen oder die Unzufriedenen ihren Protest heute lauter auf die Straße bringen, erlebten auch die Würden- und Amtsträger in Wittenberg. "Hau ab" und "Volksverräter" riefen Einzelne aus der Menge hunderter Schaulustiger vor der Schlosskirche Merkel und Bundespräsident Steinmeier zu.

Insgesamt blieb es aber ein friedlicher Tag in Wittenberg, bilanzierte die Polizei. Die Besuchermassen strömten zum mittelalterlichen Luther-Spektakel auf den Marktplatz und in die Gottesdienste, die schon am Vormittag gefeiert wurden.

Eine besondere Rolle im Festgottesdienst bekam der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx. Ein ganzes Jahr hatten die Repräsentanten der beiden großen Konfessionen in Deutschland über mehr Ökumene geredet. Zum Abschluss übergaben Bedford-Strohm und Marx ein Kreuz an Steinmeier als Versprechen, sich gemeinsam für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

Bedford-Strohm sprach zum Abschluss des Festjahres, in dem Papst Franziskus wie zunächst erhofft doch nicht ins Ursprungsland der Reformation gekommen war, erneut eine Einladung an das Oberhaupt der Katholiken aus. Er werde ihn "von ganzem Herzen willkommen heißen", sagte der Repräsentant von rund 22 Millionen Protestanten in Deutschland.

Angesichts der Annäherung in diesem Jahr, aber ausgebliebenen konkreten Schritten etwa in Richtung eines gemeinsamen Abendmahls könnte man auch das so übersetzen: "Wir müssen reden".