TV-Tipp: "Verbrannte Erde"

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9. Februar, Arte, 21:55 Uhr
TV-Tipp: "Verbrannte Erde"
Nach "Im Schatten" kehrt Berufsganove Trojan zurück auf die Leinwand, um ein Museum auszuräumen. Obwohl sich in "Verbrannte Erde" die Ereignisse nicht gerade überschlagen, ist Regisseur Thomas Arslan ein runder Gangster-Film mit Seltenheitswert gelungen.

Gangster-Filme haben sich hierzulande nie als eigenes Genre etablieren können. Krimis gibt es zwar zuhauf, doch mit Ausnahme einiger Polizeifilme, in denen auch die Guten die Bösen sind, geht es in deutschen Produktionen stets darum, die Ordnung wiederherzustellen. Eine der wenigen Ausnahmen ist "Im Schatten" (2010). Hauptfigur des ruhig erzählten, aber dennoch fesselnden Films von Thomas Arslan ist der Berufsverbrecher Trojan (Mišel Matičević), dem ein krimineller Kommissar die Beute eines Raubüberfalls abjagen will.

Vierzehn Jahre später nutzt Arslan den Handlungskern, um die Geschichte in "Verbrannte Erde" auf interessante Weise zu variieren: Über eine Mittelsfrau (Marie Lou Sellem) bekommt Trojan den Auftrag, das Gemälde "Frau vor der untergehenden Sonne" von Caspar David Friedrich zu stehlen.

Das Bild hängt eigentlich im Essener Folkwang-Museum, ist aber nach Berlin verliehen und wird vor dem Rücktransport in einem aus Renovierungsgründen derzeit geschlossenen und nur notdürftig bewachten Museum zwischengelagert. Dank einer minutiösen Planung klappt der Coup völlig reibungslos, aber nun zeigt sich, dass der Raub im Vergleich zur Übergabe der Beute die wesentlich kleinere Herausforderung war. 

Arslan, der seine Drehbücher stets selbst schreibt, hat seit "Im Schatten" nur zwei Filme gedreht: Der Western "Gold" (2013) mit Nina Hoss handelt von deutschen Auswanderern Ende des 19. Jahrhunderts in Kanada, das Vater/Sohn-Drama "Helle Nächte" (2017) spielt in Norwegen. Typisch für Arslans Stil ist die unaufgeregte Inszenierung.

Gangster mit moralischem Kompass

Auch bei seinem jüngsten Werk verzichtet der Regisseur dem unverkennbaren Thriller-Potenzial zum Trotz auf jede Form von Nervenkitzel. Selbst die Tonspur sorgt nicht für Spannung: Die Musik des Norwegers Ola Fløttum kommt völlig ohne eingängige Melodien aus und klingt mitunter fast eintönig. Damit passt die düstere Komposition allerdings perfekt zur Bildgestaltung: Die Kamera erzählt die Handlung nicht, sondern beschränkt sich darauf, die Filmfiguren zu beobachten, auch im Alltag, weshalb der Film zwischendurch recht ereignisarm ist.

Dass "Verbrannte Erde" dennoch sehenswert ist, hat zunächst vor allem zwei Gründe. Der eine ist Mišel Matičević, der nicht viel darstellerischen Aufwand treiben muss, um zu faszinieren. Der andere ist die Gewissheit, dass sich die Dinge zuspitzen werden: Der Auftraggeber möchte die vereinbarten 1,4 Millionen Euro sparen. Sein Unterhändler entpuppt sich als Typ, der ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht. Nacheinander räumt er Trojans Komplizen aus dem Weg, bis es schließlich zum finalen Zweikampf kommt.

Alexander Fehling verkörpert den Killer ähnlich sparsam wie Matičević, beide Filmfiguren sind von ähnlichem Schlag, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Auch Trojan hat schon getötet, doch er hat einen klaren moralischen Kompass.

Beim Handgemenge zum Schluss sind die beiden Männer allerdings kaum zu unterscheiden. Das wird kein Zufall sein, denn Arslan und Kameramann Reinhold Vorschneider haben stark mit Licht gegeizt. Das gilt für den gesamten Film: Viele Szenen spielen nachts, auch die Innenaufnahmen tragen sich zumeist im Zwielicht zu; eine passende Bildsprache für diese Geschichte.

Genauso wortkarg sind die Dialoge: Sämtliche Figuren reden nicht mehr als nötig. Ein einziges Mal gönnt Arslan seinem Protagonisten einen privaten Moment, als sich Trojan mit Fluchtfahrerin Diana (Marie Leuenberger) unterhält. Sie will wissen, wie sein Dasein zwischen den Raubzügen aussieht, aber er bleibt ein unbeschriebenes Blatt; offenbar lebt er einzig und allein für seine Arbeit.

Coup im Original-Museum

Arslan beruft sich ausdrücklich auf Jean-Pierre Melville. Wie der französische Schöpfer des Gangster-Klassikers "Vier im roten Kreis" (1970) feiert der Regisseur seine Hauptfigur zwar nicht, aber eine gewisse Bewunderung für die Professionalität und Präzision, mit der Trojan seine Arbeit erledigt, ist durchaus spürbar. Bei "Verbrannte Erde" schwingt zudem ein nostalgischer Tonfall mit: Der Mann ist ein Anachronismus, seine Methoden stammen noch aus dem analogen Zeitalter; der Einbruch in ein Museum passt daher durchaus ins Bild.

Arslan konnte die Szenen im ehemaligen Ethnologischen Museum in Dahlem drehen, was sich als echter Glücksfall erwies, weil die vorhandenen Räumlichkeiten inklusive Inventar perfekt zur Geschichte passten. Die Schauplätze fernab des touristischen Filmberlins sind ohnehin interessant und tragen gemeinsam mit Musik und Bildgestaltung erheblich zur eigenwilligen Atmosphäre des Films bei.